Predigt für den Ostersonntag


 

Der Herr ist auferstanden. Halleluja.
Er ist wahrhaftig auferstanden. Halleluja.

 

Liebe Schwestern und Brüder,

Gemeinde Jesu Christi,

an Ostern feiern wir den Sieg des Lebens über den Tod und den Weg in die Freiheit eines erneuerten Lebens. Ostern ist kein exklusives Fest. Und so ist der Predigt ein Text aus der hebräischen Bibel zugrunde gelegt. Es ist die Gründungslegende des Volkes Israel- ein Text, der lange vor Christ Geburt entstand.

8 Und der HERR verstockte das Herz des Pharao, des Königs von Ägypten, dass er den Israeliten nachjagte. Aber die Israeliten waren mit erhobener Hand ausgezogen. 9 Und die Ägypter jagten ihnen nach, alle Rosse und Wagen des Pharao und seine Reiter und das ganze Heer des Pharao, und holten sie ein, als sie am Meer bei Pi-Hahirot vor Baal-Zefon lagerten. 10 Und als der Pharao nahe herankam, hoben die Israeliten ihre Augen auf, und siehe, die Ägypter zogen hinter ihnen her. Und sie fürchteten sich sehr und schrien zu dem HERRN 11 und sprachen zu Mose: Waren nicht Gräber in Ägypten, dass du uns wegführen musstest, damit wir in der Wüste sterben? Warum hast du uns das angetan, dass du uns aus Ägypten geführt hast? 12 Haben wir's dir nicht schon in Ägypten gesagt: Lass uns in Ruhe, wir wollen den Ägyptern dienen? Es wäre besser für uns, den Ägyptern zu dienen, als in der Wüste zu sterben. 13 Da sprach Mose zum Volk: Fürchtet euch nicht, steht fest und seht zu, was für ein Heil der HERR heute an euch tun wird. Denn wie ihr die Ägypter heute seht, werdet ihr sie niemals wiedersehen. 14 Der HERR wird für euch streiten, und ihr werdet stille sein. 19 Da erhob sich der Engel Gottes, der vor dem Heer Israels herzog, und stellte sich hinter sie. Und die Wolkensäule vor ihnen erhob sich und trat hinter sie 20 und kam zwischen das Heer der Ägypter und das Heer Israels. Und dort war die Wolke finster und hier erleuchtete sie die Nacht, und so kamen die Heere die ganze Nacht einander nicht näher. 21 Als nun Mose seine Hand über das Meer reckte, ließ es der HERR zurückweichen durch einen starken Ostwind die ganze Nacht und machte das Meer trocken, und die Wasser teilten sich. 22 Und die Israeliten gingen hinein mitten ins Meer auf dem Trockenen, und das Wasser war ihnen eine Mauer zur Rechten und zur Linken. 23 Und die Ägypter folgten und zogen hinein ihnen nach, alle Rosse des Pharao, seine Wagen und Reiter, mitten ins Meer. 28 Und das Wasser kam wieder und bedeckte Wagen und Reiter, das ganze Heer des Pharao, das ihnen nachgefolgt war ins Meer, sodass nicht einer von ihnen übrig blieb. 29 Aber die Israeliten gingen trocken mitten durchs Meer, und das Wasser war ihnen eine Mauer zur Rechten und zur Linken. 30 So errettete der HERR an jenem Tage Israel aus der Ägypter Hand.20 Da nahm Mirjam, die Prophetin, Aarons Schwester, eine Pauke in ihre Hand, und alle Frauen folgten ihr nach mit Pauken im Reigen. 21 Und Mirjam sang ihnen vor: Lasst uns dem HERRN singen, denn er ist hoch erhaben; Ross und Reiter hat er ins Meer gestürzt. 2 Mose 14,8—14.19-23.28-30a; 15,20-21

 

Gemeinde Jesu Christ,

wir sind gerettet. Wir leben! An jedem Pessachfest erzählen sich Jüdinnen und Juden ihre Befreiungsgeschichte. Der Auszug aus Ägypten ist der Anfang, der Beginn, die Geburtsstunde Israels. In Psalmen, bei den Propheten und in den Gesetzesbüchern wird an diesen Auszug, den Exodus erinnert:

Denkt daran, als ihr in Ägypten wart und Gott euch befreit hat.

Denke an den Tag, als du zum Leben erwacht bist. Denke daran, wer du bist! 

Die Feier wiederholt den Anfang und holt ihn wieder in die Gegenwart.

Ostern ist unser Befreiungsfest. Anfangsenergie für den Weg in die Freiheit.

Das Rettungswunder am Schilfmeer ist ebenso wenig historische Geschichtsschreibung wie die Auferstehung Jesu. Beides sind Hoffnungsgeschichten. Sie erzählen erlebte Rettung und weisen in die Zukunft. Rettung wird auch in Zukunft wieder geschehen! Sie berichten von Gottes Gegenwart in Todesgefahr. Der Tod, die endgültige Vernichtung schien unausweichlich. Doch Gott greift ein, ein Wunder geschieht. Leben ist möglich- gänzlich neu, wunderbar!

 

Einst war es den Israeliten gut gegangen in Ägypten. Josef war zur rechten Hand des Pharao aufgestiegen. In Ägypten gab es Brot in Hülle und Fülle. Dort ließ es sich gut leben. Doch die Jahre flossen dahin. An Josef erinnerte sich kaum noch jemand. Die Herrscher hatten längst gewechselt. Die Israeliten waren nur noch Fremde, Gastarbeiter. Wie Sklaven wurden sie behandelt. Let my people go! Wir wollen Freiheit.

Mose, der Anführer der Israeliten beginnt mit dem Pharao zu verhandeln. Er macht das, was heute Pendeldiplomatie heißt. Erfolg hat er damit nicht. Es bleibt den Israeliten nur die Flucht. Nicht nur die äußeren Umstände sind schwierig. Auch die Unsicherheit der Israeliten, ihre Angst, ihre Ambivalenz lassen die Rettungsgeschichte ins Stocken geraten. War nicht früher alles besser? Warum nur sind wir aufgebrochen? Wer eigentlich ist dafür verantwortlich? Er soll die Suppe auslöffeln, die er uns eingebrockt hat.

Das Drehbuch für diese Geschichte kann es mit einem spannenden Actionfilm aufnehmen: Das Böse setzt seine ganze Kampfeskraft ein und jagt die Flüchtenden mit Panzern und Kanonen. Die Israeliten verlieren die Nerven, und Mose beruhigt sie. Dann wird der Pharao mit allerlei göttlichen Wundern ausgetrickst. Der Feind ist verwirrt und rennt ins Verderben. Ein Kampf findet nicht statt, und dennoch wird ein Sieg errungen. Was für ein Gott!

Mehrere tausend Jahre später spielt eine neue Geschichte: ein Antiheld, ein kleiner Mann aus einfachen Verhältnissen, der Vater Zimmermann. Er schlägt einen neuen Weg ein. Er zeigt, was Liebe ist, er befreit Menschen aus inneren Gefängnissen. Den Mächtigen wird er mit seinem sanften und gleichzeitig kraftvollen Weg gefährlich, sie bringen ihn um. Auch hier: ein göttlicher Eingriff, der schon besiegt geglaubte wird gerettet, der Tod entmachtet. Auch hier: Zweifel und dann Hoffnung, immer wieder neu dieser Wechsel aus Zuspruch und Zuversicht einerseits und Angst und Verzagen andererseits.

 

Der Wechsel vom pharaonischen Regime zur Königsherrschaft Gottes ist die entscheidende Wende in Israels Werdegang und der Anfang einer offenen Heilsgeschichte, die uns an Ostern einholt. Sie ist auch eine Einladung, erwachsen zu werden.

Denn kaum ist der äußere Feind tot am Ufer, melden sich die inneren Widersprüche und Widerstände. Die Israeliten erheben ihr Klagegeschrei.

Zu dir, Gott, schrien sie und wurden gerettet. So heißt es etwa in Psalm 22. Im Schrei der Israeliten bricht sich die Sehnsucht Bahn. Ihr Schreien ist wichtig. Denn ihr Schreien löst das Eingreifen Gottes aus. Es braucht diesen Aufschrei über unerträgliche Zustände:

So geht es nicht! Mein Gott, das muss anders werden, das gefällt uns nicht!

Wenn die Angst kommt, wenn die Freiheit verloren geht, dann braucht es diesen Schrei. Auch wenn es manches Mal einfacher ist, einfach still zu sein, sich zu verkriechen, einzuigeln, abzuwarten. Auch wenn die Kraft fehlt, aufzustehen, auszurufen, einzustehen für die eigene Sehnsucht. Es braucht diesen Ruf nach Freiheit, nach Rettung, nach Hilfe. Wer nicht aufschreit, der verfällt in Depression, der lässt andere entscheiden, der wird zum Sklaven.

Gleichzeitig hat das bloße Schreien auch etwas Infantiles, etwas von Regression in eine frühkindliche Phase. Ein kleines Kind wirft sich voller Wut und Verzweiflung auf den Boden, sieht und hört nichts außer seinen eigenen Bedürfnissen und schreit.

Der Weg in die Freiheit bedeutet auch, Verantwortung zu übernehmen. So schön es manches Mal wäre- ein Gott, der mit der Faust auf den Tisch haut; einen solchen Gott gibt es nicht.

Und was bringt die Prophetin Miriam dazu, die Pauke in die Hand zu nehmen, zu singen, zu tanzen und zu spielen? Der Inhalt ihres Siegesliedes wirft durchaus Fragen auf angesichts der militärischen Siegesfreude: Ross und Reiter der feindlichen Truppen liegen tot in den Fluten. Über so viel Gewalt ließe sich durchaus kritisch reden.

Für mich ist der Blick nach vorn entscheidend, der Weg ist offen, Zukunft ist möglich, das Leben liegt vor uns.

Und dann heißt es: alle Frauen folgen Miriam nach mit Pauken in Reigen; der Teilnehmendenkreis ist ausdrücklich inklusiv. Die Befreiung zum Leben gilt allen. Sie bleibt eben nicht den Siegenden vorbehalten.

 

Heute ist Ostern. Unser Weg in die Freiheit hat begonnen. Wir lesen unser Leben neu. Wir hören, wie verschlossene Türen sich öffnen, wie Steine aus dem Weg geräumt werden, auch wenn sie groß wie Felsbrocken sind. Wer erfahren von Pfaden, die wir niemals für möglich gehalten haben. Wir sind eingeladen, Schritte zu wagen. Auch dort, wo wir bisher meinten, wir würden untergehen.

 

Der nächste Pharao baut schon an einer neuen Armee, die Rosse kräftiger, die Waffen moderner. Die Römer haben auch nach Ostern ihre zum Tode verurteilten ans Kreuz genagelt. Nachfolgende Herrscher haben eigene Methoden gefunden. Die Welt ist mit der Staatengründung Israels weder in biblischen noch in modernen Zeiten besser geworden; auch nicht nach Ostern. Die Christen haben sich in allen Jahrhunderten munter eingereiht mit Kreuzzügen, Hexenverfolgung und Waffensegnungen in den Gebrauch von Gewalt.

Warum dann überhaupt Ostern? Wenn das Sterben nicht aufhört und das Morden weitergeht?

Weil es diese Geschichte der Hoffnung braucht. Weil in jeder Ostererzählung die Sehnsucht genährt wird, dass die Gewalt eben doch nicht das letzte Wort behalten wird. Weil in jedem Gang der Frauen zum Grab die Chance der Überraschung liegt, einen Engel zu sehen. Weil die Hoffnung eröffnet wird, dass die Gräber dieser Welt leer bleiben. Weil es Geschichten des Aufbruchs sind. Es sind Zeugnisse verströmender Liebe, reinigender Tränen und wiedergewonnenen Mutes. Es ist die Sehnsucht, dass es Freiheit gibt, die Verantwortung einschließt. Hoffnung, dass die Georg Floyds dieser Welt Menschen auf den Plan rufen, die ein STOPP von Unterdrückung und Gewalt bewirken.

Wir sind nicht Sklavinnen und Sklaven, sondern Töchter und Söhne des Lebens. Heute erleben wir das Licht eines neuen Morgens. Wir wissen, dass es wieder Abend wird, dass eine weitere Nacht folgt. Aber jetzt singen und tanzen wir. Jetzt ist es nicht wichtig, dass morgen die Reise weitergeht; dass noch ein weiter Weg auch durch die Wüste vor uns liegt.

Gestärkt, belebt, mit neuer Hoffnung brechen wir an diesem Ostermorgen auf. Wir tanzen den Hoffnungsreigen, jubeln über den Sieg des Lebens, besingen das neue Licht.

Aber spätestens am Dienstag werden uns die neuen Inzidenzzahlen erreichen, die Kinder werden ihre Streitigkeiten aufnehmen und Nachrichten über Gewalt und Zerstörung in dieser Welt werden zu uns dringen.

Der Weg ist noch lange nicht zu Ende. Das gelobte Land liegt sichtbar, aber doch noch weit entfernt vor uns. Aber heute brechen wir gestärkt auf in ein Leben der Freiheit und Verantwortung.

 

Amen