Predigt an Karfreitag


Predigt an Karfreitag 2021

 

So sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.

Joh 3,16

 

Gemeinde Jesu Christi,
liebe Weggefährtinnen und Weggefährten,

mit dem Predigttext reisen wir in eine Zeit lange vor Christi Geburt:

So spricht Gott,

13 Siehe, meinem Knecht wird's gelingen, er wird erhöht und sehr hoch erhaben sein. 14 Wie sich viele über ihn entsetzten – so entstellt sah er aus, nicht mehr wie ein Mensch und seine Gestalt nicht wie die der Menschenkinder –, 15 so wird er viele Völker in Staunen versetzen, dass auch Könige ihren Mund vor ihm zuhalten. Denn was ihnen nie erzählt wurde, das werden sie nun sehen, und was sie nie gehört haben, nun erfahren. 1 Aber wer glaubt dem, was uns verkündet wurde, und an wem ist der Arm des HERRN offenbart? 2 Er schoss auf vor ihm wie ein Reis und wie eine Wurzel aus dürrem Erdreich. Er hatte keine Gestalt und Hoheit. Wir sahen ihn, aber da war keine Gestalt, die uns gefallen hätte. 3 Er war der Allerverachtetste und Unwerteste, voller Schmerzen und Krankheit. Er war so verachtet, dass man das Angesicht vor ihm verbarg; darum haben wir ihn für nichts geachtet. 4 Fürwahr, er trug unsre Krankheit und lud auf sich unsre Schmerzen. Wir aber hielten ihn für den, der geplagt und von Gott geschlagen und gemartert wäre. 5 Aber er ist um unsrer Missetat willen verwundet und um unsrer Sünde willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt. 6 Wir gingen alle in die Irre wie Schafe, ein jeder sah auf seinen Weg. Aber der HERR warf unser aller Sünde auf ihn. 7 Als er gemartert ward, litt er doch willig und tat seinen Mund nicht auf wie ein Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird; und wie ein Schaf, das verstummt vor seinem Scherer, tat er seinen Mund nicht auf. 8 Er ist aus Angst und Gericht hinweggenommen. Wen aber kümmert sein Geschick? Denn er ist aus dem Lande der Lebendigen weggerissen, da er für die Missetat seines Volks geplagt war. 9 Und man gab ihm sein Grab bei Gottlosen und bei Übeltätern, als er gestorben war, wiewohl er niemand Unrecht getan hat und kein Betrug in seinem Munde gewesen ist. 10 Aber der HERR wollte ihn also zerschlagen mit Krankheit. Wenn er sein Leben zum Schuldopfer gegeben hat, wird er Nachkommen haben und lange leben, und des HERRN Plan wird durch ihn gelingen. 11 Weil seine Seele sich abgemüht hat, wird er das Licht schauen und die Fülle haben. Durch seine Erkenntnis wird er, mein Knecht, der Gerechte, den Vielen Gerechtigkeit schaffen; denn er trägt ihre Sünden. 12 Darum will ich ihm die Vielen zur Beute geben und er soll die Starken zum Raube haben dafür, dass er sein Leben in den Tod gegeben hat und den Übeltätern gleichgerechnet ist und er die Sünde der Vielen getragen hat und für die Übeltäter gebeten. Jes 52,13-53,12

 

Klara schaut aus dem Fenster und beobachtet die vorübergehenden Menschen. Es ist eine belebte Einkaufsstraße und entsprechend viel ist zu sehen. Ein Taxi hält an, die Tür geht auf, eine Frau steigt aus. An der Ecke sitzt ein Bettler mit seinem Hund, so wie an jedem Tag. Klara hat ein feines Gespür für die unterschiedlichen Emotionen der Menschen. Das ist erstaunlich, denn Klara ist eine KF, eine künstliche Freundin. Kazuo Ishiguro beschreibt in seinem neusten Roman "Klara und die Sonne“ die Geschichte Klaras. Sie steht gemeinsam mit den anderen KFs in einem Kaufhaus und wartet darauf, dass eine Familie sich für sie entscheidet. Die KFs sind entwickelt worden für jugendliche Einzelkinder, um ihre Einsamkeit durch eine solche Freundin zu mildern.

Während Klara ihre Tage im Kaufhaus verbringt, bis sie ein Zuhause bei Josy und ihrer Mutter findet, lernt sie die wundersame Vielfalt menschlicher Gefühle kennen. Sie versteht, dass ein trauriger Blick eines Kindes bedeuten kann, dass seine Eltern nicht genug Geld haben, um ihrem Sohn oder ihrer Tochter eine künstliche Freundin zu kaufen. Dass diese Traurigkeit sich Bahn brechen kann in etwas ganz anderem. Plötzlich sagt ein solcher Junge etwas richtig Gemeines zu Klara. Aber das hat dann nichts mit Klara zu tun. Er ist einfach frustriert.

Und was ist mit dem Gefühl von Einsamkeit? will Klara wissen.

Ein Mann, der ins Schaufenster blickt, lächelt. Aber dahinter spürt Klara ein ganz anderes Gefühl: Traurigkeit.

Eines Tages sieht sie erst eine Frau auf der einen, dann einen Mann auf der andren Straßenseite. Sie blicken einander an, sie winken, lachen, werden ganz aufgeregt, laufen in die gleiche Richtung bis zur Ampel. Er kommt auf ihre Seite; sie fallen sich in die Arme, strahlen. Da beginnt die Frau zu weinen.

 

Was ist der Mensch?

Was macht ihn aus?

Da sind Gefühle in großer Bandbreite, widersprüchlich, vielfältig. Klara staunt; lernt; entwickelt mehr und mehr die Fähigkeit, differenziert wahrzunehmen, aber auch eigene Gefühle zuzulassen. Klara beginnt zu lieben. Sie lässt es zu, verletzlich zu werden.

 

Liebe ist das größte der Gefühle. Sie hat viele Facetten. 

Wie weh darf Liebe tun? Wieviel Schmerz darf sie enthalten? Wie weit bin ich bereit, Kontrolle abzugeben?

Karfreitag ist die vollständige Kontrollabgabe. Der absolute Kontrollverlust. Gott hat an Karfreitag die Kontrolle aufgegeben. Das ist das Ende aller Göttlichkeit. Am Kreuz ist Schluss mit Gott. Alle Deutungen des Karfreitagsgeschehens sind der Versuch, diese Göttlichkeit zurückzugewinnen. Einen Plan dahinter zu suchen, Gottes Kontrolle doch noch zu entdecken. Weil das doch nicht geht. Ein Gott ohne Kontrolle ist nicht mehr Gott.

Das alles ist so sinnlos. Nicht zum Aushalten. Aber auch diese Liebe. So groß; so bedingungslos; ohne Grenzen; unvernünftig.

GOTT.

 

Ein Versuch, Karfreitag zu deuten, ist ein Text aus dem mittleren Teil des Jesajabuches. Er beschreibt eine Gestalt, einen Knecht Gottes: unsere Krankheiten, er hat sie getragen; und unsere Schmerzen, er hat sie aufgeladen. Das was Jahrhunderte vor Christi Geburt aufgeschrieben wurde, ist das nicht geradezu die Ankündigung von Karfreitag, ist das nicht die Deutung, die es braucht?

Christinnen und Christen haben diesen Teil so für sich beansprucht, dass unsere jüdischen Glaubensgeschwister diesen Abschnitt aus ihren Synagogenlesungen gestrichen haben.

Bis heute ist umstritten, auf wen sich die Gestalt des Gottesknechtes eigentlich bezieht. Ist es eine einzelne Person? Der Prophet selbst? Ist es überhaupt eine reale oder doch eine fiktive Person? Oder meint es Israel als Ganzes oder einen Teil? Sicher ist, es reagiert auf die Zeit am Ende des babylonischen Exils. Die Wunde sitzt tief. Israel mit Jerusalem ist zerstört. Den Tempel gibt es nicht mehr. Der Großteil der Oberschicht ist nach Babylon deportiert.

Eine Wende kündigt sich an, denn der Stern der Großmacht Babylon sinkt, und die Perser mit ihrem König Xerxes übernehmen die Vorherrschaft. Sie stehen Israel viel positiver gegenüber, befürworten eine Rückkehr der Deportierten.

Doch diese sind von dem Gedanken an eine Rückkehr nicht gerade begeistert. Sie haben sich größtenteils behaglich eingerichtet in der gar nicht mehr so fremden Fremde. Jerusalem liegt nach wie vor in Schutt und Asche. Nicht eben verlockend, der Gedanke an eine Rückkehr. Und nach wie vor ist die Frage nach dem Warum des Exils ungeklärt. Wieso hat Gott nicht eingegriffen? Ist das Exil als Strafe für Israels Abfall von Gott zu verstehen?

Da ist einer: hässlich, entstellt, von Krankheit gezeichnet. Er durchkreuzt alles, was wir mit einem schönen Menschen verbinden. Seine Gestalt ist nicht edel. Dennoch ist er ein königlicher Knecht Gottes. Seine Nicht- Gestalt, seine Nicht- Pracht, das Nicht- Ansehen stehen in größtmöglichem Gegensatz zu einem künftigen König, der die königliche Gegenwart Gottes auf Erden repräsentiert. Aber er ist es- ihm gilt Gottes ganze Zuwendung.

Ähnlich wie bei Hiob, dem leidenden Gerechten stellt sich auch hier die Frage nach dem Warum. Warum muss dieser Mensch so leiden? Der Grund liegt nicht in dem so geschundenen selbst. Hier geschieht stellvertretend etwas für andere.  Er erträgt, trägt eine Last, die nicht seine ist. Er ist gänzlich passiv. Er erträgt, erduldet, erleidet. Und warum? Da ist etwas von außen gekommen- eine Krankheit; ein Schlag oder Stoß, der zu einer Verletzung geführt hat. Jemand ist mit einer Krankheit geschlagen- so sagen auch wir. Er ist durchbohrt und zermalmt. Im Verlauf des Gottesknechtliedes erkennen die Sprechenden, dass es ihre Schuld ist. Eigentlich hätten sie die Krankheiten und Schmerzen treffen müssen. Allerdings waren nicht sie es, die dem Knecht Böses angetan oder ihn verfolgt hätten. Gott selbst hat die Schuldenlast auf ihn gelenkt, damit die anderen Heilung erfahren.

Die Beziehung zwischen Gott und seinem Volk ist zerbrochen. Wer im Exil lebt, der weilt nicht einfach in der Fremde, der ist gleichzeitig von Gott getrennt. Die Trennung schneidet ihn vom Lebendigen ab, man kann ihn geradezu für tot halten.

Das Leiden des Gottesknechtes verkörpert die Exilsschuld des ganzen Volkes. Dies zu erkennen, dann zu bekennen ist der erste Schritt zur Versöhnung. Es geht darum, diese Stellvertretung anzuerkennen. Dadurch, und nur dadurch ist Versöhnung und Zukunft möglich- die Versöhnung zwischen Gott und seinem Volk, aber auch innerhalb des Volkes.

Dieser nachexilische Text ist keine Ankündigung dessen, was in Jesus seine Erfüllung findet. Aber das Geschehen und die Deutung des babylonischen Exils durch den Propheten Jesaja helfen zu verstehen, was an Karfreitag geschieht. 

Zwischen Gott und den Menschen klafft ein tiefer Riss. Gottesferne liegt über der Menschheit. Ich kann das auch ganz einfach so ausdrücken: die meisten Menschen können heute nicht mehr viel mit Gott anfangen. Sagen wir es so: wir sind in eine Beziehungslosigkeit weg von Gott gerutscht. Wohin und Woher hüllen sich in wabernden Nebel. Wozu leben wir? Was macht unser Leben wirklich aus? Wir können an einzelnen Punkten Gutes tun- uns selbst und auch anderen. Aber was heiß es, gut- in umfassendem Sinn gut- zu leben? Die großen Themen: eine verletzte Schöpfung, Hunger, Krieg, Vertreibung, die Pandemie; mein ganz persönliches Leben. Wir rudern hilflos herum und merken, auch wenn wir Dinge richtig machen, ist so vieles ganz und gar nicht gut. Wir liefen in die Irre wie Schafe, die keinen Hirten haben, heißt es im Jesajabuch wenige Verse vor unserem Text.

Und dann kommt einer:

Jesus.

Er ist verbunden mit Gott. Er lebt aus der Quelle des Lebens. Er zeigt uns mit seinem Leben, was Leben wirklich meint. Gleichzeitig erfährt er die Entfremdung von Gott am eigenen Leib, versteht sein eigenes Schicksal nicht- stellvertretend, nicht weil es aus ihm selbst kommt. Sondern weil sich das Leben an ihm abbildet.

​Man könnte meinen, Jesus ist mit seinem Lebensentwurf gescheitert. Selbst seine engsten Freunde verstehen ihn nicht, die Familie schon gar nicht. Er macht sich zur Witzfigur, er bezahlt für seine Überzeugungen mit dem Leben. Sein Lebensende ist einsam und gewaltsam. Er stirbt als Verbrecher, zum Tode verurteilt.

Aber es gibt auch diese andere Lesart:

Er liebt verschwenderisch und voller Hingabe. Er führt die Menschen zu einem gänzlich neuen Leben. Er heilt ihre Wunden. Er zeigt einen Weg, wirklich zu leben. Er ist so verbunden mit Gott, dass er uns mit hineinnimmt in unsere ursprüngliche Verbindung zur Quelle des Lebens. Jesus lebt das ganze Leben. Er lebt und bleibt lebendig, auch im Schmerz. Sein Leben heilt auch unseres. 

Heute scheint alles zu Ende. Aber schon im Abschied, schon im Sterben kündigt sich der neue Morgen an. Und wir können leben- mit ihm.

Amen