St. Aegidien, Lübeck Fünf theologische Intermezzi zum Kirchenjahr

Pastor Thomas Baltrock.

Bei dem Konzert „Mit Bach durchs Kirchenjahr“ im Februar 2020 in der St.-Aegidien-Kirche – mit dem Uni-Chor Lübeck – bot Pastor Thomas Baltrock den Zuhörern fünf theologische Intermezzi zum Kirchenjahr. Auf zahlreiche Nachfragen schrieb er diese aus dem Gedächtnis nieder - und sind hier zum Nachlesen:

1. Einführung und Weihnachten

Der Begriff „Kirchenjahr“ steht für die jährlich wiederkehrende Folge von christlichen Festtagen und liturgisch geprägten Zeiten. Das Kirchenjahr beginnt mit dem 1. Advent und endet mit dem Toten- oder Ewigkeitssonntag im November. Der Begriff taucht zum ersten Mal im 16. Jahrhundert auf, die Sache des liturgischen Jahreskreises reicht zurück bis in Spätantike. Die religiöse Gliederung des Jahres ist viel älter: Von Jägern und Sammlern wissen wir nichts, doch schon mit der Himmelsscheibe von Nebra wird eines deutlich: Frühe Siedler und Bauern gliedern das Jahr, indem sie den Himmel beobachten und sich im Gesamtzusammenhang von allem, was ist, orientieren. Sommer- und Wintersonnenwende und die Tag- und Nachtgleichen werden beobachtet. „Mächte“ - von „Göttern“ würde ich noch nicht sprechen - setzen die Termine für Aussaat, Ernte und Weidewechsel.

Historisch greifbar spiegeln im Alten Orient die Riten den jährlichen Vegetationszyklus. Die sterbende und auferstehende Gottheit ist keine Entdeckung des Christentums: Osiris, Tammuz, Attis, Adonis sind uralte Gestalten. Interessant wird die Sache im Alten Israel: Schauen wir uns Passah / Pessach an: ursprünglich ein Fest des alljährlichen Weidewechsels - Wiederkehr des Immergleichen. Dann wird das Fest historisiert zur Erinnerung an den Auszug aus Ägypten - Erinnerung an das Einmalige. Und schließlich Kreuzigung und Auferstehung Jesu im Zusammenhang eines Passahfestes um das Jahr 30 n. Chr. herum: „Passah“ heißt „Übergang“ - Übergang aus der Historie in eine Dimension jenseits des biologisch, zeitlich begrenzten Lebens.

Für alle Feste des Kirchenjahrs kann man diese drei Aspekte bedenken: das immer Gleiche, das historisch Einmalige und die Öffnung eines neuen Horizonts von Lebendigkeit. Weihnachten: „Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns“ - so bringt das Johannesevangelium die Weihnachtsbotschaft auf den Punkt. Das „Wort“ ist keine klingende Buchstabenfolge, sondern der „Logos“ - Gedanke, Struktur, Selbstorganisation von allem, was ist. Und „Fleisch“ ist nicht, was beim Metzger auf dem Markt unter Glas liegt. „Fleisch“ ist materiell gebundenes, menschliches Leben. Nur ein Weihnachtsgedanke: Leben wir nicht - in unterschiedlichen Graden - alle zwei Leben? Das konkrete Leben mit Kalender, Freuden, Sorgen einerseits, andererseits ein Leben in Träumen, Phantasien und Sehnsüchten. Weihnachten sagt: Lebt nicht zwei parallele Leben; es ist möglich, das geträumte Leben zur Gestalt des tatsächlich gelebten werden zu lassen. Das ist Grund zur Freude. Wer sich hingegen der materiellen Faktizität beugt, dem wird die Materie schnell zum Material fremder Interessen.

2. Passionszeit

Frage eines Konfirmanden nach einem Gang durch diese Kirche: Was soll diese ganze Schinderei? Im Turmraum trägt Jesus sein Kreuz, dann hier ein Kreuz, da ein Kreuz und noch ein Kreuz. Gibt es auf der Erde nicht genug Quälerei? Die Frage ist völlig berechtigt. Ein Hinweis: Das Ziel dieser ganzen Architektur ist nicht der Gekreuzigte am Hochaltar, sondern - seltsamerweise, oder auch gar nicht so seltsam - den Augen der meisten Kirchenbesucher verborgen - der siegreiche Auferstandene in zwölf Meter Höhe auf dem Giebel des Barockaltars. Der Triumph des Lebens - das ist das Ziel.

Mir ist aufgegangen - jenseits aller gelehrten Dogmatik - aufgegangen, was es mit dieser Kreuzesqual auf sich hat, im Winter 1980/81 in der Chinatown von Bangkok: Ich hatte einen wunderschönen goldenen Ayuthaya - Buddha besucht. Er meditiert in erhabener Gelassenheit. Ich kam aus dem Tempel und auf dem Bürgersteig hockte, ein winziges, räudiges Kätzchen. Und - ich kann Ihnen den Schuh noch heute beschreiben: braunes, glänzendes Lederflechtwerk - ein Passant kickte das Tier auf die Straße. Es wurde sofort von einem LKW überfahren. Und hinter mir lächelte der Buddha, einer der großen Lehrer der Menschheit. Und da begriff ich für mich, was das Kreuz bedeutet: Man braucht sich kein Kreuz auf der Via Dolorosa in Jerusalem zu mieten. Das Kreuz kann ein LKW sein, ein Karzinom, der Verlust eines geliebten Menschen durch Trennung oder Tod, ja auch der Verlust eines geliebten Tieres. Oder der besoffene Fahrer, der vor drei Jahren eine junge Frau hier an der Reederbrücke mit seinem Wagen tötete.

Und da flüstert ER dann: Du, ich kenne das, ich weiß, wie sich das anfühlt. Das heißt nicht: „Wird schon wieder …, ist nicht so schlimm“. ER selbst hat im Garten Gethsemane gebetet, der Kelch des Leides möge an ihm vorübergehen. Und erhielt die Antwort: „NEIN“. Und er antwortet: „Nicht mein, dein Wille geschehe“. Ich vermute übrigens, diese Situation ist die Quelle der Bitte im Vaterunser „dein Wille geschehe“. Alchemie der Zustimmung, nach Verleugnung und Verzweiflung. Wir kennen das. Doch nicht zu schnell: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen“ wird er schreien. Heribert Prantl schrieb in einem Essay in der SZ.: „Das heißt ja doch schlichtweg „Scheiße“. Manchmal gerät man in solche Situationen. Doch kann man sich sagen lassen: Wir sind mindestens zu zweit. Jede Not wächst nochmal, wenn man sie allein durchleben muss.

PS: Dass in manchen christlichen Milieus diese Pflicht zur Dankbarkeit für das Leiden des Herrn zu einer Petrischale für das Keimen lebensfeindlicher Schuldgefühle wurde - das ist mir völlig klar.

3. Ostern und Pfingsten

Ostern hat nördlich der Alpen nie die Popularität erreicht wie Weihnachten. Das Kreuzworträtsel der Süddeutschen Zeitung fragt regelmässig: „Frühlingsfest mit sechs Buchstaben? - Klar: Ostern!“ Es ist abstrakter als der Knabe mit Mutter, Ochs, Esel und dann den Königen. Und auch undekorativ: Stellen wir uns Karfreitag ein kleines Felsengrab auf die Kommode und am Ostersonntag wird der Leichnam `rausgenommen?

Ein Vorschlag, Ostern denkmöglich zu machen: Evolution als Geschichte der Exzentrik:

Ein Stein ist ein Stein. Er kommuniziert nicht. Schon mit den frühesten Lebensformen wird es anders: Interaktion mit der Umwelt beginnt. Agieren und reagieren. Dann die Pflanzen: da scheint es mehr zu geben, als wir bisher wissen: Pflanzen können kommunizieren, agieren und reagieren. Und die Tiere - vorn die Säugetiere: Habt Ihr schon einmal die Schreie einer Milchkuh gehört, der das erste - und einzige - Kalb weggenommen wird?

Der Mensch: Eltern erfreuen sich bester Gesundheit, ihr Kind stirbt - geht es ihnen gut? Nein, denn sie leben in der Exzentrik der Liebe. Der Lebensmittelpunkt ist nicht mehr die eigene Substanz, sondern das geliebte Wesen. Und so leben wir in mit und unter dem, was wir lieben. Für diesen seltsamen, einzigartigen Mann, in dem Gott war, der in Gott war, bedeutete es: Er stand auf der Planke über der Reling, wie wir alle - hinter uns allen steht der große Pirat ZEIT und drückt uns einen Säbel in den Rücken. ER konnte fliegen, weil ihn nichts mehr herabzog, so sehr ruhte er in Gott. Wir? Haben wir das goldene Seil ergriffen, das uns zugeworfen wurde, sodass wir nicht zu den Haien der Einsamkeit fallen?

Pfingsten: „Geist“ meint nicht „Gespenst“ und auch nicht „Intellekt“. „Geist“ ist „pneuma“, „pneo“ heisst Atmen. „Heiliger Geist“ ist eine unabweisbare Lebendigkeit, in allem, was atmet; das bedeutet zugleich, das Gott nicht nur im animal rationale Mensch sich vergegenwärtigt, sondern in allem, was lebt. Gott in uns. Mir und Dir und meinem Hund.

Der Geist weht, wo er will. Unabhängig von Religionen und Konfessionen. Er verspricht „Leben“ - und das ist wiederum nicht unser alltägliches Durchhalten. Gucken Sie auf Ihr letztes Jahr - ist es das, was Sie sich unter LEBEN vorstellen? Das weise Altgriechisch hat zwei Worte für Leben: BIOS - das ist das, was immer so führt. Und aber ZOE - das sind die Momente, für die es sich lohnt. Versinkend vor einem Bild, in einer Melodie, in einem Menschen, den es nur einmal für uns gibt - Ekstasis, raptus, hingerissen werden wir - und ja, das gibt es auch vor Gott. Und das sind die Momente, die Leben lebenswert machen -und wir finden sie herrlich - und furchtbar, denn sie stellen unseren Alltag in Frage.

Trinitatis

Ein Ideenfest ohne natürlichen oder historischen Anlass am ersten Sonntag nach Pfingsten, zugleich das letzte große Kirchenfest vor Erntedank. Von nun an waren die Menschen auf den Feldern. Vater, Sohn und Heiliger Geist sind eins und drei zugleich. An der Wende vom vierten zum fünften Jahrhundert hat der Theologe Augustinus eine Analogie zu diesem Geheimnis gefunden: Er findet im Menschen „Bewusstsein“, „Intellekt“ und den „Willen“. Keine dieser drei Größen ist ohne die anderen beiden vorstellbar, trotzdem sind sie nicht miteinander identisch. Für mich ist folgender Gedanke wichtig: Da ist der Schöpfer und Träger des Kosmos, dann dieser seltsame Mann, liebend die Grenzen des eigenen Lebens überschreitend, und dann dieses eigenartige Sehnen nach dem großen Zusammenhang des Lebens in uns selbst. Diese drei Aspekte sind Existenzformen des einen Gottes. Wir sind schon immer drin.

Die lange festlose Zeit nach Trinitatis gibt Gelegenheit, kurz über zwei missverständliche Begriffe christlicher Sprache nachzudenken: „Sünde“, „Gnade“ und „Glauben“: Dass der Begriff der Sünde ein Herrschafts- und Kontrollinstrument war, ist unbestritten. Doch meint das Wort auch wichtigeres als die Schwarzwälder Kirschtorte nachts um zwei Uhr vor dem Kühlschrank. „Sünde“ meint die Erfahrung der Differenz zum großen Ganzen, der Vereinzelung; zugleich bedeutet Sündigen das Missachten der Zusammenhänge des Lebens, das Verfallen an das Eigene, das Partikulare. „Gnade“ meint dann die Vergegenwärtigung und das Gewahrenden des Zusammenhangs.

„Glaube“ ist keine Schwundstufe des Wissens. „Das musst du glauben“ - wie habe ich diesen Satz gehasst als Entmündigung meiner Intelligenz und Kritikfähigkeit. Inzwischen bin ich auf einer anderen Spur: Wenn Ihnen jemand tief in die Augen schaut und Ihnen sagt: „Ich liebe Dich“ – dann müssen Sie das schon – glauben. Da gibt es keine konstatierbaren Beweise und eine Urkunde vom Notar hilft auch nicht weiter.

5. Das Ende des Kirchenjahres

November. Die Tage werden kürzer und dunkler. Allerheiligen, Allerseelen, Buß- und Bettag, Totensonntag / Ewigkeitssonntag. Das Jahr spielt den Weg durch, der uns allen bevorsteht.

Wir werden gleich den Choral hören „Wachet auf, ruft uns die Stimme!“ - übrigens das erste Lied zum Ende des Kirchenjahres im Evangelischen Gesangbuch (Nr. 147).  Schlafen wir denn in unserer Alltagswelt? Ich denke schon, dass die kleinen Sorgen und die kleinen Freuden uns auch immer sedieren wollen. Es gibt aber mehr.

Sterben? Bedenken Sie, wieviel Vergangenheit sterben muss, wenn Sie in eine neue Phase Ihres Lebens eintreten. Nicht alle Geister der Vergangenheit sind freundlich. Manche verdorren wie eine vertrocknende Pflanze, andere muss man ertränken. Herausgerufen werden wir – und zwar nicht zur Bibelstunde, sondern zu einer Hochzeit. Die Seele wird zur Verschmelzung mit der Gottheit geladen, zu einer Freude, die „kein Aug hat je gespürt, kein Ohr hat mehr gehört“. Und was hat das nun mit Sterben und Tod zu tun? Es ist ein Geheimnis, das sich Sterben und Lieben ähneln. Der Liebestod ist eines der großen Themen europäischer Kunst, Musik und Literatur.

Zum Schluss einige Zeilen aus einem Text von Marsilio Ficino von 1469. Er war Philosoph und Theologe am Hof Lorenzos des Prächtigen Medici in Florenz. Er kommentiert einen damals bereits fast 2000 jähre alten Text „Das Gastmahl - Über die Liebe“ von Platon. Da heißt es sinngemäß in der zweiten Rede: Ein jeder, der liebt, stirbt durch die Liebe. Es stirbt durch die Liebe der Liebende, indem er von sich selbst lässt. Ein erstes Mal lebt er auf, wenn er sich im Auge des geliebten Gegenübers wiedererkennt. Doch ein zweites Mal lebt er auf, wenn er sich - auf geheimnisvolle Art verwandelt - aus dem Blick des geliebten Gegenübers zurück empfängt. „O seliger Tod, auf den zweifaches Leben folgt“.

Ich sage es nochmal mit Augustinus: „Liebt – und dann macht doch, was Ihr wollt!“