Advent, Weihnachten, Januar und Februar in Zeiten von Corona

Es geht wieder los! Wie im Frühjahr will ich versuchen, bis zum 6. Januar täglich dieses öffentliche Tagebuch zu führen. Eine so andersartige Advents- und Weihnachtszeit hat wohl kaum einer von uns in den vergangenen Jahrzehnten erlebt.

Es werden natürlich die Festtage des Kirchenjahres bedacht - schon für alle Interessierten, denen der reale Besuch eines Gottesdienstes immer noch riskant erscheint. Doch auch die Welt außerhalb der Kirchenmauern soll zu ihrem Recht kommen. Nicht täglich muss das Wort mit „C“ fallen. Manchmal erfreut in diesen Tagen auch eine Liedstrophe oder ein Gedicht. Und ich erinnere mich noch gut an mein Tagebuch vom Frühjahr, in dem ein Tomatensaucenrezept mindestens soviel Zuspruch fand wie manch theologischer Klimmzug. Also, auf gehts!

 

Diese Seite wird täglich ergänzt.

 

Das Tagebuch aus dem Frühjahr finden Sie hier.

 


Donnerstag, 4. Februar - eine Art Nachwort

Gestern bin ich irgendwie unkonzentriert ausgefallen; ich bitte um Entschuldigung.

Am kommenden Wochenende ist eine seltene Wetterlage angesagt, die jener zur Jahreswende 1988 / 89 ähneln soll. Schneekatastrophe! Heute wurde in den 16.00 Uhr - Nachrichten auf NDR 3 schon zurück gerudert. Trotzdem keine Nachrichtensendung ohne Bilder der damaligen Katastrophe: Es ist absurd. Und nochmal: Es gibt zu viel Sendezeit für zu wenig Nachrichten. Goethe: „Getretner Quark wird breit, nicht stark“.

In meinem Tagebuch ist mir etwas aufgefallen. Zusammen mit den Texten des ersten Lockdowns habe ich über fast alle großen christlichen Feste und deren Evangelien geschrieben - ich meine, es fehlen Pfingsten, Trinitatis und Erntedank. Die Passionszeit, der Osterfestkreis, Advent und Weihnachten sind bedacht. Diese Texte hängen ja nicht an Corona. Vielen Dank übrigens für die bisher 37 Bestellungen!

In den kommenden Tagen werde ich zu einem Parforceritt durch die Kirchengeschichte starten. Sollten wir länger weggeschlossen bleiben, habe die Idee von „Christusbilder in der Kunst - von Byzanz bis Beuys“.

Nun, das war die Weihnachtszeit. Ich hätte der allgemeinen Niedergeschlagenheit gern rauschende Gottesdienste mit vollem Bachchor, Orchestern, Solisten, einer abgezirkelten Festliturgie und wort- und (hoffentlich auch) gedankenmächtigen Predigten  als hoffnungsvolle Zustimmungen zur Welt entgegengesetzt. Ein göttliches Dennoch. Das ging nicht und das war richtig. In mir entwickelte sich die Idee, Sie zum vertieften Verstehen der Texte hinzuführen, indem ich auf verborgene Symbole hinwies und Ihnen weitergab, wie unsere Väter - es waren eben meist Männer - sorry - aus ihnen gelebt haben.

Mich hat die Idee, Sie über zwei Monate hinweg mit diesen Zeilen abzulenken, zu unterhalten und vielleicht manchmal zu inspirieren, durch diese Tage hindurch getragen. Und ich bedanke mich für zahlreiche Reaktionen, Ermutigungen, Kritiken und Korrekturen.

 

Doch eines bleibt noch: Wenn ich sage, 250 Gramm Butter, funktioniert das nicht mit 125 Gramm. Und wenn ich sage, 250 Gramm Guanciale, so funktioniert das nicht mit der Hälfte. - Über den Rest können wir reden.

 

Narzissen
  • Heute endet bei uns die Weihnachtszeit. Die drei letzten verbliebenen Engelchen werden von der Lampe über dem Esstisch abgenommen und die beiden Kopenhagener Frühstücksweihnachtskaffeebecher  - welch ein Wort! - werden bis zum nächsten 1. Advent weggepackt.

    Liturgiegeschichtlich ist die Lage des Festes verworren: Es geht um die Darstellung Jesu im Tempel und die Reinigung der Mutter vierzig Tage nach der Geburt. Also der 2. Februar. Im Protestantismus trat der mariologische Aspekt des Festes zurück und die bei Lukas überlieferte Begebenheit wurde zum Evangelium des 1. Sonntags nach dem Christfest. An diesem Ort haben wir den Bibeltext ausgelegt. Im Zuge der Annäherung der beiden westlichen Großkirchen ist nun aber auch der 2. Februar als Mariä Lichtmess wieder in unsere neue Festordnung aufgenommen worden. Also dasselbe Evangelium nochmal.

    Heute - oder morgen - wird auch in Aegidien die Krippe abgebaut.

    Morgen kommt noch ein Nachwort, doch heute schließt dieses Tagebuch als Druckversion. Online schreibe ich weiter bis zum Ende des Lockdowns, bzw. zur Wiederaufnahme von Präsenzgottesdiensten. Dr. Nils Papenberg hat meine Texte täglich auf unsere Homepage gestellt und wird es weiterhin tun. Vielen Dank!

    Anja-Petra Nitschke hat seit dem 26. November die Texte formatiert und als Lektorin  korrigiert und gestalterisch betreut. Vielen Dank!

    Wer von Ihnen Interesse hat an einer gedruckten, einfach gebundenen Version dieses Weges durch die Weihnachtszeit 2020 /2021 - vom Kauf des Adventskranzes bis zum 2. Februar -, melde sich doch bitte bei mir! Es sind inzwischen 70 Tage mit  über 100 Seiten geworden. Die kurze Meldung wäre nett, weil ich dann die Zahl der zu druckenden Exemplare abschätzen kann. Das Tagebuch aus dem Frühjahr hatte ich noch auf dem Gemeindekopierer vervielfältigt. Der jetzige Umfang übersteigt die Möglichkeiten des Geräts. Wir wollen nichts verdienen, aber die Kosten decken.
    Ein Exemplar würde leider 15,00 € kosten. Wem das schwer fällt, auch der oder die melde sich bitte bei mir - wir kriegen das hin.

    An alle: Wer sich interessiert, melde sich bitte formlos:

    thomas.baltrock at icloud.com
    Oder:
    Tel.: 0451 / 48 99 85 35

    PS.: Morgen kommt noch ein Nachwort für die Druckversion!

  • Das Nachdenken über die Verklärung Christi gestern, das Blättern in der Bibel, in Wörterbüchern, in den Metamorphosen des Ovid, das Stöbern nach „Metamorphosis“ in der griechischen Philosophie und bei Goethe - es gibt eine Elegie von 1796 „Die Metamorphose der Pflanzen“ -, all das hat große Freude gemacht und das ganze Elend von Corona und Knie und Trauerfall eine Weile vergessen lassen. Es gäbe da noch viel zu erzählen … .

    Übrigens hat unsere Geschichte an einer versteckten Stelle im Neuen Testament eine Spur hinterlassen. Im 2. Petrusbrief heißt es: …, denn wir haben seine Herrlichkeit gesehen. Denn er empfing von Gott, dem Vater, Ehre und Preis durch eine Stimme, die zu ihm kam aus der großen Herrlichkeit: Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe. Und diese Stimme haben wir gehört vom Himmel kommen, als wir mit ihm waren auf dem heiligen Berge (2.Petr. 1,16b - 18).

    Noch immer beschäftigt mich die in Auflösung begriffene Wohnung eines betagten Kollegen. So viele Dinge, die für ihn Bedeutung trugen und für alles anderen nur Kram, wertloses zeug sind … . Gestern Nachmittag wurde ich aktiv und habe neun Reisetagebücher von Kreuzfahrten mit der MS Deutschland weggeschmissen. Etwa zwanzig Photos habe ich herausgetrennt, zwei Speisekarten und habe mir die Reisedaten und Ziele auf einer Karteikarte notiert. Einen Hochglanzkatalog habe ich noch aufgehoben. Ansonsten wanderten neun DinA4 - Moleskine - Tagebücher in die Papiertonne. Es war ein großartiges Gefühl!

    Vorhin stand ich in der Küche und wollte irgendetwas für die Seele zubereiten. Bestände sichten und improvisieren!

    Orangentiramisu

    Ich habe eine kleine Lasagneform mit Löffelbiskuits ausgelegt und diese mit einem Rest Grand Marnier und frischem Orangensaft eingepinselt - nicht zu nass machen! Vier Eier getrennt, die Eiweiß steif geschlagen. 100 Gramm Zucker mit den Eigelben schaumig geschlagen und ein Pfund Mascarpone, das die Feiertage überlebt hatte, am 15. Januar abgelaufen, aber völlig in Ordnung war, dazu gegeben. Dann das Mark einer Vanillestange (Boomers) und einen Schuss Rum dazu. Gut durchrühren. Die Biskuits belege ich mit Blutorangenfilets. Dann das Eiweiß mit einem Teigschaber (Schneebesenverbot!) in drei Portionen vorsichtig unter die Mascarponecreme heben. Auf die Orangen geben,  glatt streichen, kaltstellen, fertig. Heute Abend streue ich noch einige Himbeeren drüber.

  • Hier nun einige Bausteine zum Verständnis der „Verklärung Christi“ (Mt. 17, 1 - 9, (10 - 13)). Der deutsche Begriff „Verklärung“ führt in eine missverständliche Richtung. Im griechischen Text steht metamorphosis = Verwandlung. In den orthodoxen Kirchen ist das Fest der Metamorphosis eines der zwölf großen Kirchenfeste und an Bedeutung etwa dem Karfreitag im Luthertums zu vergleichen.

    Die Kirchenväter wussten gut, worum es bei allen biblischen Geschichten geht: Es geht darum, sich als Teil des Geschehens zu verstehen.

    Unsere Geschichte steht genau in der Mitte des Matthäusevangeliums.

    Wenn Sie schon einige Wochen in diesem Tagebuch dabei sind, werden Sie schon im ersten Vers hellhörig geworden sein: „Nach sechs Tagen …“ . Es sind die sechs Tage der Weltschöpfung. Es geht um den Aufstieg aus dem Alltag, dem Sichtbaren, der materiellen Welt. Ein Berg? Wer stieg mit zwei Gefährten auf einen Berg und begegnete dort Gott? Mose natürlich, der auf den Berg Sinai stieg. Eine Wolke? Gottes verhüllte Präsenz auf der Wanderung Israels durch die Wüste. Es erscheinen Mose und Elija als Repräsentanten des Gesetzes und der Propheten. Drei Hütten will Petrus errichten. Das wird häufig ausgelegt als Spruch zum Augenblick „verweile doch, du bist so schön!“ Doch verbirgt sich mehr dahinter als die Sehnsucht, am Ort des Glücks zu bleiben: Drei Personen: Mose, Christus, Elija, ergo drei Hütten. Denn es geht nicht um das Bleiben der drei Jünger, es geht um drei Stiftszelte, Zelte der Begegnung mit der Gottheit. Es soll keine drei geben, sondern EINER ist „mein geliebter Sohn, auf ihn sollt ihr hören“. Wie wird es im vorletzten Kapitel der Bibel, in der Offenbarung des Johannes (21,3): Und ich hörte eine große Stimme von dem Thron, die sprach: Siehe, die Hütte Gottes bei den Menschen! Und ER wird bei ihnen wohnen. Bemerken Sie, wie alles sich fügt? Christus selbst ist die Stiftshütte, in der die Gottheit im Menschen Jesus verborgen gegenwärtig ist.

    Aufstieg, eine Erfahrung göttlicher Gegenwart, aber dann auch Abstieg. Es beginnt der Weg zur Passion. Vers 9 ist das Gelenk: Er lenkt den Blick auf die Auferstehung des Menschensohns; die folgenden Verse verknüpfen dann dazu antithetisch Elija (= Johannes der Täufer) mit dem Leidensweg.

    Eine Bemerkung zum Schluß dieser Gedankenschnipsel: Es geht in Religion primär nicht um Ethik, primär nicht um Regeln für das Zusammenleben in Staat und Gesellschaft, es geht um Verwandlung des Selbst. Vielen griechischen Kirchenvätern fiel bei den Stichworten „Aufstieg“ und „Abstieg“ natürlich Platons Höhlengleichnis ein, das sie als Studenten in Athen kennen gelernt hatten. (Klemens von Alexandrien, Gregor von Nazianz, Basilius der Große, Gregor von Nyssa).

    Metamorphose der Raupe zum Schmetterling: das Wunder ist für mich, dass sich im Kokon nicht ein Raupenbein in ein Schmetterlingsbein, nicht der Raupenkopf in einen Schmetterlingskopf (etc) verwandeln, sondern der gesamte Inhalt des Kokons sich verflüssigt und dann zum Schmetterling neu organisiert. Ein abgründiges Gleichnis für menschliche Lebensprozesse: es geht nicht darum, einzelne Aspekte des Ichs umzuorganisieren, sondern alles muss in Fluss geraten, damit Neues wird.

  • Heute Vormittag hatte ich eine Trauerfeier im Thanatorium von Dabringhaus in Stockelsdorf. Ich habe bei Trauerfeiern schon einiges Seltsame gesehen, wenn die Angehörigen versuchten, die Situation persönlich zu gestalten. Das Schrägste war wohl das volle Bierglas mit Doppelkorn daneben auf dem Sarg. Das war die Parallele zur Hochzeitsanfrage: „Darf unser Hund die Ringe in einem Körbchen an den Altar bringen?“ (Nein!) Andererseits waren schon zwei Mal Hunde der Verstorbenen mit in der Kirche und auch anschließend auf dem Friedhof dabei.

    Heute schien mir die Situation bei Dabringhaus richtig gelungen: die Kinder hatten den Verstorbenen mit einem kleinen Bühnenbild vergegenwärtigt. Es stand neben dem weißen Sarg von der Insel Fanø sein Ohrensessel, es lagen dort Lieblingsbücher, darunter Ronja Räubertochter, eine Sammlung Pinsel (er hatte gemalt), ein Landschaftsfoto und seine Teekanne mit Becher. Es wirkte auf mich liebevoll und stimmig. Beim Verlassen des Gebäudes hörte ich dann einen Gesprächsfetzen aus der kleinen (Corona!) Trauergesellschaft: „Das war viel schöner als in der Kirche. Da hätten wir das so nicht gedurft“. Ich wurde ganz nachdenklich. Nein, auch künftig werden in St. Aegidien keine Biergläser auf Särgen stehen und es werden keine Hündchen Ringe tragen. Aber ich habe mir vorgenommen, mit dem Satz „das geht bei uns nicht“ etwas vorsichtiger zu sein.

    Ich bin angespannt und unruhig wegen der Trauerfeier morgen in der Nähe von Kiel, freue mich aber in einer eigenartigen Verwirrung der Gefühle auch auf die Möglichkeit, Jörgs Abschied zu gestalten.

    Morgen wird es keinen Eintrag geben!

    Am Sonntag werde ich hier die „Verklärung Christi“ (Matthäus 17, 1 - 9) auslegen. Eigentlich muss man die Verse 10 - 13 mit dazunehmen. Wieder ein bedeutender, geheimnisvoller Text. Wenn Sie mögen, lesen Sie ihn schon einmal.

    Dieser Szene hat Raffael sein letztes Bild gewidmet, die monumentale „trasfiguratione“ von 1520, mein liebstes Werk des Meisters. Das erinnert mich an die große Raffaelschau zu seinem 500. Todestag im vergangenen Jahr in Rom, die ich hatte besuchen wollen. Aber da waren die Zeiten, in denen man für drei Tage nach Rom oder London oder Venedig flog, um eine Ausstellung zu besuchen, schon vergangen. Tempi passati … .

    Gucken Sie einmal „Transfiguration / Raffael“ bei Wikipedia. Schöne, perfekt zu vergrößernde Abbildungen, auch von Details.

  • Die Tage werden tatsächlich länger und heute früh waren weniger Wolken unterwegs: Es wir morgens heller, heute gab es einen glühenden roten Vorsonnenaufgangshimmel. Trotzdem blieb die Runde kurz. Ich hatte mir am Wochenende das rechte Knie verdreht - manche von Ihnen werden das Gefühl kennen: Plötzlich hat man eine Nadel im Gelenk. Ex - Tänzer und Ergotherapeutendiagnose: Bänderzerrung. Nicht besonders intelligent war es dann von mir, am Montag zwei große Hunderunden um die Stadt zu drehen. Dankenswerterweise hat Adelheid Schröder nun die Nachmittagsrunden übernommen.

    Gestern hatten wir Zoom - GeiMi; das GeiMi ist das „Geistliche Ministerium“, die schöne geschichtsbewusste Bezeichnung für unseren Pastorenkonvent. Ein verstorbener Marienpastor spottete übrigens vor 25 Jahren: „Geistloses Mysterium“.

    Richtig unwillkommen war dann während der Sitzung Ullis Nachricht aus der Klinik, er habe Kontakt zu einem Corona - infiziertem Patienten gehabt. Test. Und auch wenn der Test negativ ausfiele, fünf Tage Quarantäne bis zum nächsten Test. Ulli darf also das Haus nicht verlassen, genauer, er sitzt im zweiten Stockwerk. Verpflegung stelle ich ihm auf die Treppe. Wir verkehren per Telefon. Und da saßen wir nun gestern in unseren jeweiligen   Stockwerken vor den Pastatellern - eine der seltenen Situationen, wo die Gleichung „ein Teller dampfende Pasta = Trost“ nicht funktionieren wollte. Es gibt einiges zu organisieren, das ist aber alles machbar und Hilfsangebote gibt es reichlich. Richtig schlimm finde ich, dass Ulli übermorgen nicht zu Jörgs Trauerfeier nach Flintbek mitkommen darf. Er ist traurig, weil er sich nicht von unserem Freund verabschieden kann, ich bin traurig, weil ich ohne Ullis Begleitung die Trauerfeier leiten muss - was ich ansonsten sehr gern tue.

    Es ist etwas Merkwürdiges um Trauerfeiern für Menschen, die man gekannt hat: Es ist immer ein letzter Freundschaftsdienst und das ist schön. Es ist einerseits einfacher als die Begleitung eines Unbekannten und zugleich viel schwerer. Friedhelm Mennekes sagte einmal, eine gute Beerdigung koste den Priester (Friedhelm ist Jesuit) einen Tag des eigenen Lebens. Das mag so sein. Und ist auch in Ordnung.

    Eines fällt mir noch ein - ich erzähle, denke ich, keine Interna: Wir unterhielten uns in einer Fünfer - Pastor*innen - Runde darüber, worauf wir uns in diesem Jahr denn freuen würden. Das Ergebnis: Verzagtes Schweigen; und als wir dann tröpfchenweise antworteten, geschah es immer unter der Voraussetzung „wenn es denn möglich ist“. Kurz vor Ende unserer Runde fiel mir noch etwas ein: Ich freue mich darauf, irgendwann wieder mit 12 Personen um unseren Küchentisch zu sitzen. Auf dem Tisch: Platten und Schüsseln mit Vorspeisen, dann Berge dampfender Pasta alla Sorrentina, danach Meerestiere oder Schweinbraten nach Art von Ariccia. Und ich will einmal wieder fröhliches Lachen und das Klirren der Gläser in unserer Küche hören. Seit März hat es das nicht mehr gegeben. Das wird schön!

  • Der Verfasser des brutalen Gedichts von gestern ist - Wilhelm Busch! Hier ein versöhnlicheres Gedicht von ihm:

     

    Hund und Katze

    Miezel, eine schlaue Katze,
    Molly, ein begabter Hund,
    Wohnhaft an demselben Platze,
    Haßten sich aus Herzensgrund.

    Schon der Ausdruck ihrer Mienen,
    Bei gesträubter Haarfrisur,
    Zeigt es deutlich: Zwischen ihnen
    Ist von Liebe keine Spur.

    Doch wenn Miezel in dem Baume,
    Wo sie meistens hin entwich,
    Friedlich dasitzt, wie im Traum,
    Dann ist Molly außer sich.

    Beide lebten in der Scheune,
    Die gefüllt mit frischem Heu.
    Alle beide hatten Kleine,
    Molly zwei und Miezel drei.

    Einst zur Jagd ging Miezel wieder
    Auf das Feld. Da geht es bumm.
    Der Herr Förster schoß sie nieder.
    Ihre Lebenszeit ist um.

    Oh, wie jämmerlich miauen
    Die drei Kinderchen daheim.
    Molly eilt, sie zu beschauen,
    Und ihr Herz geht aus dem Leim.

    Und sie trägt sie kurz entschlossen
    Zu der eignen Lagerstatt,
    Wo sie nunmehr fünf Genossen
    An der Brust zu Gaste hat.

    Mensch mit traurigem Gesichte,
    Sprich nicht nur von Leid und Streit.
    Selbst in Brehms Naturgeschichte
    Findet sich Barmherzigkeit.

  • Raten Sie einmal: Wer schrieb dieses rabenschwarze Gedicht? (Googeln gilt nicht, Auflösung morgen!)

     

    Der fremde Hund

     

    Was fällt da im Boskettgesträuch

    Dem fremden Hunde ein?

    Geht man vorbei, so bellt er gleich

    Und scheint wie toll zu sein.

     

    Der Gärtner holt die Flinte her.

    Es knallt im Augenblick.

    Der arme Hund, getroffen schwer,

    Wankt ins Gebüsch zurück.

     

    Vier kleine Hündchen liegen hier

    Nackt, blind und unbewußt.

    Sie saugen emsig alle vier

    An einer toten Brust.

  • In den vergangenen Wochen ging die Meldung mehrmals durch die Presse, dass viele Menschen sich in Zeiten des Lockdowns einen Hund anschaffen. Tatsächlich gibt es auch in Lübeck eine für Ende Januar sehr ungewöhnlich hohe Zahl  neuer  Welpen. Dass ich einen Hund in diesen Tagen besonders klasse finde, brauche ich hier wohl niemandem zu erklären. Und wohl auch nicht, dass der illegale Welpenhandel boomt und die Tierheime sich wahrscheinlich  demnächst füllen werden.

    Aus Neugier war ich gestern auf einer Website mit - nehme ich an - seriösen Labradorzüchtern. Ich war sprachlos. Moose ist ein Goldstück. Ein brauner Labradorwelpe mit Stammbaum kostet zur Zeit zwischen 2.800 und 6.000 (!) Euro. Ich gucke meinen Hund mit ganz anderen Augen an. Und wir Idioten haben ihn kastrieren lassen. Der Pastor, der mich konfirmiert hat, hat mich weder im Unterricht noch als Prediger jemals erreicht. Aber hinten im Pastoratsgarten war ein Hundezwinger und dort wurden Cockerspaniel gezüchtet.

    Heute früh brachen wir eine halbe Stunde später als üblich auf und um 7.45 Uhr begann es schon zu dämmern. Der riesige Krähenschwarm kreiste über dem Behördenhochhaus - ich wundere mich immer wieder darüber, dass sich kaum jemand für dieses Schauspiel interessiert. Doch die Sensation des Morgens war: Zum ersten Mal seit Monaten sangen Vögel. Eine Amsel, ein Rotkelchen und mehrere Kohlmeisen ließen sich hören. Als Krönung der Morgenrunde erschreckte uns auf dem Katzenberg ein abstreichender nordischer Bussard.

    In der Sanaklinik gibt es einen Corona - Ausbruch und eben erfuhr ich von 19 Neuinfektionen beim Personal einer weiteren Klinik. Hoffentlich sind das nicht Anfänge von Entwicklungen wie in Großbritannien und Irland.

    Erst spät habe heute in die Losungen geguckt: Ein interessanter Spruch aus dem Buch des Propheten Jeremia (30,11):

    Spruch Jahwes: Aber mit dir will ich nicht ein Ende machen. Ich will dich mit Maßen züchtigen, doch ungestraft kann ich dich nicht lassen.

    Ich bin kein Anhänger göttlicher oder menschlicher Prügelpädagogik. Den Satz kann ich aber in folgender Deutung für unser Land und mich akzeptieren: „Es wird mit dir weitergehen. Die Welt wird nicht untergehen. Doch so wie bisher kannst du nicht weitermachen. Deine Reisen, dein Essen, deine Kleidung, dein Müll … : Die Konsequenzen werde ich dir nicht ersparen können.

  • Gott lässt sich auch vom Gottesvolk nicht domestizieren - um diese Einsicht kreisen die Texte des 3. Sonntags nach Epiphanias: Der aramäische Feldherr Naaman, die Reisepläne des Apostels Paulus (Römerbrief 1, 13 - 17) und der Hauptmann von Kapernaum (Matthäus 8, 5 13) als Evangelium.

    Ich habe stets große Freude an der alttestamentlichen Lesung über den Feldherrn Naaman im 2. Buch der Könige, 5, 1 - 19; einem Juwel altorientalischer Erzählkunst.

    Man beachte, wie der Erzähler mit „groß“ und „klein“ spielt: Der große Feldherr ist krank, seine Frau erfährt von einer - namenlosen - kriegsgefangenen kleinen Sklavin vom Gottesmann in Israel. Naaman und sein König versuchen die Angelegenheit auf höchster Ebene mit viel Geld zu klären. Der König von Israel, seiner Unfähigkeit zu heilen sehr bewusst, gerät in Panik.

    Köstlich die Szene, wie der hohe Herr mit großem Gefolge vor der Hütte Elisas steht und die Auskunft erhält, er möge sich im Jordan waschen. Große Empörung: „Das soll alles sein? Zu Hause haben wir viel bessere Flüsse!“ Die Diener überreden ihn zum Bad im Jordan und seine Haut wird wie die eines Knaben. Er reist zurück mit Erde aus Israel - Jahwe erhört nur Gebete vom Boden des gelobten Landes. Und dann die wunderbare Schlußwendung: Aufgrund seiner Stellung am Hofe müsse er, Naaman, gelegentlich mit dem König an Zeremonien vor dem Reichsgott Arams, Baal - Rimmon, teilnehmen - Jahwe möge dann doch bitte ein Auge zudrücken.

    „Groß“ und „klein“: Was stellen die Menschen doch für Sachen an, um an Leib und Seele zu gesunden. Mit verbundenen Augen rückwärts nach Santiago di Compostela  zu pilgern und dabei die eigenen Schritte zu zählen - kein Problem; aber jeden Tag mit den Losungen zu beginnen und mit Luthers Abendsegen (Im Gesangbuch Nr. 852) zu Bett zu gehen, das ist natürlich viel zu einfach.

  • In der Nacht schlecht geschlafen. Ich habe geträumt, ich sei in einem Krankenhaus und habe nicht mehr heraus gefunden. In einer kleinen Gruppe irrten wir durch ein Labyrinth endloser Gänge. Schließlich fand ich eine kleine Tür, die in ein schmales Treppenhaus führte. Allein fand ich einen Ausgang, doch draußen regnete es in Strömen und die Straßen standen bis zu den Knien unter Wasser. Plötzlich war Moose da, doch kein Taxi wollte mich mit dem nassen Hund mitnehmen. Irgendwann war ich wach.

    Auf dem Brink hatte ich für heute Abend eine große Dorade aus Wildfang bestellt, hatte aber überhaupt keine Lust, sie zu holen, geschweige denn, heute zuzubereiten. Aber was solls: Der Fischhändler hat sie besorgt und muss sein Geld erhalten, kein Fisch wird im Gefrierschrank besser und irgendetwas wird man essen.

    Von der Freimaurerloge zur Weltbruderkette durfte ich heute Mittag einen Scheck für die Lübbert  - Stiftung für Altenhilfe entgegen nehmen. Wie schön! Durch den Lockdown ist das Angebot der Tafeln eingeschränkt und daher jede Gabe willkommen.

    Dann habe ich mir die Texte für den morgigen Sonntag durchgesehen, denn es soll hier natürlich eine Auslegung geben.

    Den Rest des Nachmittags habe ich mich dann in meinen Horaz verkrochen. Diese Gedichte, vor 2000 Jahren entstanden, sind für mich die vollkommensten Gebilde aller Literaturen, die ich kenne. Klangmagie und höchst bewußt gestalte Form lassen in wenigen Strophen kleine Welten entstehen, in denen ich auch nach 40 Jahren noch immer neue Beziehungen entdecke. Es ist ein vergessenes Geheimnis: Form und Schönheit können trösten.

    Aber eine komische Begebenheit gab es auch: Auf dem Weg zum Brink trug ich eine gelbe, sehr gelbe Hose und einen blauen Parka. Eine Hundehalterin kam mir entgegen und gluckste mich an: „Herr Baltrock als Schwedenhappen!“ Ich fand das geistreich.

  • Heute gibt es keinen Text. Im Februar 2016 hatten Ulli und ich ein Paar in unserem Alter auf den Hurtigruten kennen gelernt. Aus der Bekanntschaft entwickelte sich eine enge Freundschaft. Im November 2019 haben Andrea, Jörg, Ulli und ich eine hinreissende Woche in Rom verbracht. Kurz darauf erhielt Jörg die Diagnose einer ernsthaften Krankheit. Am 4. Januar 2020 habe ich die beiden vor zwei Hochzeitsgästen in unserer Kirche getraut. Heute wurde ich nach Kiel gerufen, um ihn mit dem Valet - Segen zu verabschieden. Ich bin dankbar dafür, daß ich ihm diesen vorletzten Dienst habe leisten können. Ich bin sehr traurig. Farewell Jörg!

  • Gestern gab es im Hause Aegidienstr. 75 einen gehörigen Schreck: Ulli Gebauer kam gegen Mittag mit einem kratzenden Hals und Unwohlsein vom Dienst. Ein Abstrich war schon gemacht worden. Als Ergotherapeut ist er eben nah an Menschen und diese an ihm. Er begab sich erstmal in vorläufige Quarantäne im zweiten Stock; ich lief mit FFP2-Maske durch die Wohnung und überlegte, wie man die Quarantäne für uns beide organisieren könnte. Lebensmittel - abgesehen von Obst, Gemüse und dergleichen - wären kein Problem, die Vorräte sind beträchtlich. Aber der Hund.

    Abends kam dann ein befreiender Anruf: Ergebnis negativ. Doch die Stunden dazwischen waren unruhig. Seltsam: Man hat sich so gut es geht in diesen Tagen eingerichtet, doch wenn der Ernst plötzlich an die Tür klopft, sieht die Lage schon anders aus. Aber nun: Es ist eine Erkältung, wie sie auch bei mir relativ zäh vor zwei Wochen ausgebrochen war.

    Also heute Mittag zum Marktplatz und nun köchelt schon wieder ein Suppenhuhn im großen Topf.

    Die Sonne schien, ich hatte noch ein Buch in der Hüxstraße abzuholen, und die leere Innenstadt erschien mir im Sonnenschein noch gespenstischer als im Regen der vergangenen Tage.

    Die Losung von heute ist einer der großen Texte des Alten Testaments: 1. Mose 2, 7:
    "Gott der Herr machte den Menschen aus Staub von der Erde und blies ihm den Odem des Lebens in die Nase. Und so ward der Mensch ein lebendiges Wesen“.

    Oft habe ich den Eindruck, es wird zu optimistisch oder zu pessimistisch über den Menschen gedacht. Dabei sind wir beides: Staub und göttlicher Atem, hinfällig, vergänglich und erdgebunden - aber eben auch groß, durchdrungen von göttlichem Geist und bestimmt zu ewigem Leben.

    Ich habe mir das „Kursbuch 204“ bestellt. Es hat den Titel „Essen fassen“ und beschäftigt sich in mehreren Aufsätzen verschiedener Autoren / Autorinnen mit der „Ideologisierung des Essen“. Früher war man katholisch oder evangelisch, heute ist man Vegetarier oder Fleischfresser. Allmählich werden ja die größeren Abendessen in manchen Kreisen schwierig - auch ohne Corona. Jeder möge nach seiner Façon selig werden. Es stört mich auch überhaupt nicht, wenn jemand an der Tafel einen Gang aussetzt - das gab es immer: Unverträglichkeiten, Allergien oder einfach Abneigung. Doch habe ich inzwischen einige Male einen mitleidigen bis vorwurfsvollen Blick erlebt, wenn die Ente auf den Tisch kam - nö, das tue ich mir nicht an. Einmal wurden sogar Bekehrungsversuche gestartet, was schlicht und einfach mit einem Rauswurf 1. Klasse endete - die Gästin, nicht die Ente.

  • Nun ist also der 14. Februar der nächste Termin; unser MP sagte allerdings heute im Kieler Landtag, ab Ostern sei mit Erleichterungen zu rechnen. Das macht allmählich mürbe.

    Neuigkeiten aus der Vogelwelt: gestern Nachmittag entdeckte ich auf dem Stadtgraben einen komischen Vogel: Er sah aus wie ein Entenküken, also kleiner als ein Teichhuhn, war basisprotestantisch graubraun und konnte sehr lange und weit tauchen. Zuhause half das Vogelbuch weiter: Ein Zwergtaucher. Ein seltener Gast aus dem Norden.

    An unseren Futterstationen war heute Vormittag Partystimmung: Mehrere Kohl- und Blaumeisen, ein Zaunkönig, ein Rotkehlchen, Amseln und ein Paar Buchfinken.

    Ich habe übrigens ein wunderbares Büchlein entdeckt: „Das verborgene Leben der Meisen“ von Andreas Tjernshaugen (als Taschenbuch bei Insel). Der norwegische Autor beschreibt das Leben der Meisen in seinem Garten am Oslofjord und hat sich auch wissenschaftlich tief in das Thema hineingekniet. Seit gestern kann ich übrigens bei Kohlmeisen Männchen und Weibchen unterscheiden. Und : Haben Sie gewusst, dass Kohlmeisen Blaumeisen töten, um sich deren Nistkästen anzueignen? Und dass Meisen Fledermäuse töten, weil sie deren Gehirne so lecker finden? Wunder über Wunder … .

    Ansonsten aufgrund mehrerer Erkrankungen im Umfeld ein dunkler Tag. Hoffentlich bleibt es in den USA friedlich. Irgendwie habe ich ein ungutes Gefühl. Aber man besteht ja nicht nur aus Gefühlen, sondern auch aus Verstand und Vernunft.

  • Das klingt nicht schön, was in Berlin gerade angedacht wird: Lockdown bis Mitte Februar?

    Was trägt in diesen Tagen? - Jenseits der Religion, so man eine hat.

    Zu Beginn de ersten Lockdowns im Frühjahr hatte ich zu einer neuen Wahrnehmung und Wertschätzung des „Kleinen“ aufgerufen: Ein Dompfaffpärchen auf dem Morgenspaziergang, das Klopfen eines Spechts, der Graureiher am Krähenteich. In diesen Tagen die Frühblüher im Garten, die ihre Köpfe herausstrecken. Glücksburg statt Bangkok.

    Es ist sinnvoll und sinnstiftend, die Achtsamkeit für das meist Übersehene zu schärfen, doch es reicht nicht: Klein bleibt eben - klein; der Krähenteich wird nicht zum Indischen Ozean. Diese neue Aufmerksamkeit für das Kleine muss begleitet werden von einer Besinnung auf das Große. Was will ich mit den verbliebenen Tagen meines Lebens anfangen? Was ist mir eigentlich wichtig? Kurz: In diesen Tagen kann man sich auch auf das Wesentliche konzentrieren, bzw. manche der Dinge und Tätigkeiten, die vor Corona immer „Ich bin wichtig! Ganz wichtig!“ geschriehen hatten, beiseite legen. Ich beobachte diese Doppelbewegung hin zum Kleinen und zum Großen bei den ägyptischen Wüstenvätern. Sie takten ihren Alltag mit ritualisierter Bewältigung des Überlebens - Wasser holen, Körbe flechten, etc. … und mit der ständigen Vergegenwärtigung ihrer Berufung: „Du bist Ebenbild Gottes, doch es ist in dir verschüttet - lege es frei!“

    (Es ist mir schon klar, dass ich hier nicht von der Situation „Homeoffice mit zwei aufgeweckten, bewegungsfreudigen Kleinkindern“ rede - das sind noch ganz andere Herausforderungen! - die die frühen Mönche eher nicht kannten.)

  • Nun der dritte der traditionellen Epiphaniastexte der Kirche: Nach den Weisen aus dem Morgenland und der Taufe Jesu die Hochzeit zu Kana:

    Hier ist alles voller verborgener Bedeutungen: Das beginnt schon mit der Datierung „am dritten Tag“ - eine Anspielung auf die Auferstehung, die große Verwandlung des Lebens.

    Aber damit nicht genug: Im ersten Kapitel des Evangeliums heißt es dreimal „am folgenden Tag“ (1,29, 35, 43). Wir haben also Tag Nr. 1, dann 3 Folgetage und dann die 3 Tage bis zur Hochzeitsfeier - also 7 Tage!. Es ist Sabbat. In der Ruhe des Feiertages begegnen sich Gott und Mensch. Der Mensch ist am 6. Tag geschaffen, der 7. ist Ziel und Krone der Schöpfung: Die Ruhe, das Fest. In Christus erneuert Gott die Schöpfung, er feiert Hochzeit mit den Menschen, es vereinen sich Gottheit und Menschheit.

    Die Menschen haben keinen Wein mehr. Sie wollen Hochzeit feiern, doch sie haben keine Liebe, keine Freude. Johannes geht es nicht so sehr um Erlösung von Schuld, sondern um Befreiung aus Einsamkeit und Lieblosigkeit.

    Es stehen 6 Krüge mit Wasser bereit. Die 6 ist die Zahl des Alltags, des Unvollendeten. Sie stehen für Arbeit, Mühe und die Versuche, durch Rituale und Befolgung von Vorschriften, sauber zu bleiben und zu werden. Doch so wird es nicht gelingen. Mit Wasser kann man kein Fest feiern.

    Die Zurückweisung Mariens durch Jesus ist keine Aussage über einen Mutter - Sohn - Konflikt, sondern wieder ein Hinweis auf Kreuz und Auferstehung: Dann wird Christus selbst zum Wein im Wasser unseres Lebens - und Maria wird abermals dabei sein. Aus der Seitenwunde Christi wird der 7. Krug - der Heilige Gral - gefüllt werden.

    Der Speisemeister will wissen, woher der Wein stammt. Die Diener kennen den Urheber - und wir, die wir das 1. Kapitel des Evangeliums gelesen haben: „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. (…) Es war in der Welt, und die Welt ist durch dasselbe gemacht; und die Welt erkannte es nicht“.

    „Du hast den guten Wein bis jetzt zurückgehalten“ - ja, spät ist Christus in die Welt getreten. Augustinus legt die 6 Krüge als die 6 Weltzeitalter von der Schöpfung bis zu Johannes dem Täufer aus.

    Wasser zu Wein: Es ist seltsam; oft habe ich den Eindruck, dass Menschen, die zu Gott und seiner Kirche finden - oder zu dem, was sie für Gott und seine Kirche halten, ihr Leben von Wein in Wasser verwandeln. „Eine interessante Person bis zu seiner Bekehrung“ - so sagte es ein Historiker selbst über den großen Augustinus. Es gibt Unterschiede zwischen den konfessionellen Milieus, doch gibt es noch gelegentlich eine gewisse protestantische Freudlosigkeit, ein Mißtrauen gegenüber Lebenslust, Formschönheit und der Pracht dieser Welt. Doch ist es nicht nötig, sich zum Lachen in den Keller zu begeben.

    Die Gemeinschaft mit Christus mindert nicht unsere Vitalität, sondern steigert sie! Oder, mit Thomas von Aquin: „Die Gnade hebt die Natur nicht auf, sondern setzt sie voraus und vollendet sie“ (gratia non tollit naturam, sed supponit et perficit).

    Es gibt einen hinreißenden künstlerischen Kommentar zur Lebensfreude der Hochzeit zu Kana: Es ist da Gemälde Veroneses aus dem venezianischen Kloster San Giorgio Maggiore, das sich heute im Louvre befindet. Napoleon hatte es aus dem Rahmen im Speisesaal der Mönche schneiden lassen. 1593 gemalt, ist es eines der größten und prächtigsten Leinwandgemälde der Welt. Wenn Sie „Veronese Hochzeit zu Kana“ googeln, finden Sie den Wikipedia - Artikel zum Gemälde. Die kleine Abbildung kann man vergrößern und sich in der Vergrößerung noch Details ansehen. Ein Triumph der Lebensfreude und heutiger Technik.

  • Morgen gibt es hier eine Auslegung der Hochzeit zu Kana. Vielleicht mögen Sie den Text schon einmal lesen und sich eigene Fragen stellen. Ein Hinweis dazu: In den anderen drei Evangelien werden die Wunder Jesu „Krafttaten“ (dynameis) genannt, ihre Anzahl variiert von Evangelium zu Evangelium. Bei Johannes gibt es genau SIEBEN Wunder; er nennt sie „Zeichen“ (semeia). Was bedeutet das? Was ist ein Zeichen? Wenn Sie durch Schweden fahren und sehen ein rotes Warnschild mit einem Elch, dann warnt sie das Schild nicht vor dem Elch auf dem Schild, sondern der Elch auf dem Schild ist nur ein Zeichen für einen realen Elch, der die Straße kreuzen könnte. Ebenso bei Johannes: Es geht ihm nicht um die Rettung einer Hochzeitsparty an sich, sondern um das, was die Ereignisse bedeuten.

    Sie finden die Geschichte im Neuen Testament im 2. Kapitel des Johannesevangeliums (Joh 2, 1-11). Ich habe schon mit der Lektüre der einschlägigen Kirchenvätertexte begonnen. Sie sind so klug, nein: Weise.

     

    Gestern waren wir kulinarisch in Rom. Es gibt dort ein Feinkostgeschäft mit angeschlossenem Restaurant: Roscioli. Das Essen ist teuer, aber perfekt, jeden Cent wert. Bei meinen letzten beiden Romaufenthalten war ich nicht mehr dort. Warum nicht? Man muss inzwischen online einen Termin buchen. Vor Ort hat man keine Chance, wenn man nur eine Woche in der Stadt ist. Es gibt drei „Schichten“ von jeweils 90 Minuten pro Abend. Da hat man dann da zu sein, seine drei Gänge zu essen und zu zahlen und zu verschwinden. Nö: Nicht mit mir. Ich verstehe es völlig, dass es einem Wirt auf die Nerven geht, wenn ein verliebtes Pärchen sich eine Pasta teilt - Susi und Strolch - und sich anschließend bei einem viertel Wein noch zwei Stunden lang tief in die Augen blickt und damit den Tisch blockiert. Dieses „Sitzen danach“ ist in Rom ohnehin unüblich. Aber die Haltung „Machen Sie sich einen schönen Abend bei uns zwischen 20.00 Uhr und 21.30 Uhr“ geht für mich gar nicht. Aber ich habe ein Rezept! Günstig, einfach, köstlich!

    Spaghetti Carbonara alla Roscioli

    Man nehme 250 Gramm Guanciale (luftgetrocknete Schweinebacke) zur Not festen geräucherten durchwachsenen Speck und würfele ihn in Stücke mit 1 cm Seitenlänge. Sie lachen? Nein, nein: Zu klein ist nicht gut, zu groß auch nicht. Die Würfel lasse man bei schwacher Hitze ca. 20 Minuten lang aus, bis sie knusprig werden. Nach einigen Minuten gebe ich 3 Knoblauchzehen dazu, die entfernt werden, sobald sie gebräunt sind.

    Nun stelle ich eine Metallschüssel in eine andere, die mit heißem - nicht kochendem! - Wasser gefüllt ist, um erstere zu wärmen. Hinein gebe ich 1 großes Ei und 4 weitere Eigelb und verschlage sie mit etwas Salz und 200 Gramm Käse. Ich nehme  1/2 Pecorino Romano und 1/2 Parmesan - der von Aldi ist dafür völlig ok. Einen Esslöffel frisch gemörserten schwarzen Pfeffer dazu. Szechuanpfeffer ist auch fein, Kampot - Pfeffer der Himmel - gibt es bei Bohmers auf dem Markt.

    400 Gramm Spaghetti kochen, abgießen und in vier Portionen nacheinander unter die Eimasse heben. Das bewirkt, dass die Eier nicht zu heiß werden und gerinnen - Nudeln mit Rührei geht anders. Ordentlich durchheben und auf eine gewärmte Platte geben. Essteller auch vorwärmen! Sofort servieren, da zählen Minuten.

    Die Menge soll angeblich für vier Personen reichen, doch waren wir gestern nur zu zweit und haben trotzdem … . Heute war es dann auch trocken und zeitweise sonnig!

  • Es war heute trocken! Ein neues Lebensgefühl. Ich weiß nicht warum, doch hat mich die Durchsicht meiner englischen Bücher etwas nostalgisch gestimmt. „Bis hierher hat mich Gott gebracht durch seine große Güte … (Evangelisches Gesangbuch, Nr 329)“. Mir kam auf der Morgenrunde die Idee zu einer Autobiographie als Folge von Desserts. Das sähe bei mir so aus:

    1. Schokoladenpudding oder Götterspeise in Rot (Himbeere) oder Grün (Waldmeister) mit Vanillesauce am Wohnzimmertisch, den man zum Esstisch hochkurbeln konnte.
    2. Eis und heiß: Das war Vanilleeis mit heißen Himbeeren oder Kirschen mit Schlagsahne - das gab es zu meiner Konfirmation.
    3. Mousse au Chocolate: Da beginnt die Zeitrechnung nach Wolfgang Siebeck; der Höhepunkt der Innovation: keine Schlagsahne bitte, Creme fraiche ist angesagt.
    4. Irgendwann musste man als Nachtisch flambierte Crepes Suzettes essen.
    5. Tarte tatin: der Höhepunkt der Raffinesse - ein umgedreht gebackener Apfelkuchen, in meiner Erinnerung meist bitter wegen des  viel zu dunkel karamellisierten - sprich: verbrannten - Zuckers.
    6. Ich glaube, dann kam die Phase mit Käse und Obst: Gorgonzola mit Birnen, etc.  Und gleichzeitig natürlich: „Tiramisu“ für alle!
    7. Wir nähern uns der Jetztzeit: Es regierte das Dreigestirn (in dieser Reihenfolge) Zabaglione, Panne cotta, Creme brulee. Mit der Letzteren begann der Einzug der Bunsenbrenner in die Küchenschränke.
    8. Und heute? Was mache ich heute als Paradenachtisch? Welfenspeise geht nicht mehr. Seit der Pinkelei von Ernst - August habe ich umdelikate Assoziationen bei der gelben Weinschaumsauce. 
      Ich habe zwei Favoriten: Bairische Creme - schon wegen des unglaublich schönen Namens bei den Einheimischen: „Rahmsulz“. 
      Und: Die Kreise schließen sich - Selbstgekochter Schokoladenpudding aus Sahne, Zucker, Vanille, Kakao und 80 prozentiger Schokolade. Dazu: Schlagsahne!

    Das war mein Leben - nun, zumindest ein Aspekt desselben.

  • Bis zum 31. Januar finden in St. Aegidien und den anderen Innenstadtkirchen keine Präsenzgottesdienste statt!

    Wie gewohnt wird es hier jeden Sonntag eine Auslegung des Evangeliums geben - ich freue mich schon auf die Hochzeit zu Kana am kommenden Sonntag.

     

    Ein Mistverständnis habe ich offenbar gestern erzeugt, denn ich wurde gefragt, wie ich auf ausgerechnet diese Bücher „fürs Alter“ käme. Ganz einfach: Sie sind nicht neu für mich, ich habe sie schon gelesen, sie begleiten mich zum Teil, wie z.B. Robinson Crusoe und das Portrait of the Artist as a Young Man, seit 40 Jahren. Es sind jene englischen Bücher, von denen ich mir vorstellen kann, sie wieder und wieder zu lesen.

    Ausgesondert habe ich dem kompletten Hemingway - eine wunderbare, lakonisch - klare Sprache, doch dieser endlose Machismus geht mir inzwischen auf die Nerven. Da gucke ich lieber die Filme, wie „Der alte Mann und das Meer“ oder „Schnee am Kilimandscharo“. Entsorgt habe ich ebenso meine Oscar - Wilde - Ausgabe. Ich finde seine Aphorismen außerordentlich amüsant und seine Theaterstücke bestehen eigentlich nur aus Aphorismen, doch irgendwann ging mir dieses endlose Posieren auf die Nerven. Als ich ihn vor einiger Zeit aufschlug und einige Seiten las, fühlte ich mich, als hätte ich jahrelang ein viel zu schwüles Parfum getragen.

    Was ich im vergangenen Jahr ebenfalls weggeschmissen habe, ist meine Ernst - Jünger - Ausgabe: Gewiß, eine elegante Prosa, doch diese Ästhetisierung des Krieges, dieses Ausblenden von menschlichem Leid in den Tagebüchern nach dem Motto: „Beim SS - Kommandanten von Paris vorzüglichen Champagner getrunken, geistreiche Gesellschaft“ - mit Verlaub, da kriege ich inzwischen das Kotzen. Also: Raus! Aus ähnlichen Gründen habe ich auch meine Nietzsche - Ausgabe weggeschmissen. Auch er ein blendender Stilist mit inspirierenden Einfällen (Gegensatz Apollon - Dionysos), ein wirklich zur Bosheit begabter Polemiker (gegen Richard Wagner), doch für mich unter dem Strich ein größenwahnsinniges, leptosom - schizoides Schulmeisterlein. Weg damit!

    Und ebenfalls wurden verbannt die „Memoiren des Herzogs von Saint-Simon“. Er lebte als Mitglied des französischen Hochadels am Hofe Ludwig XIV. in Versailles und führte ein geheimes Tagebuch. Einst fand ich diesen Blick durchs Schlüsselloch faszinierend. Das Schloss und System Versailles finde ich nach wie vor einzigartig: So funktioniert Herrschaft über Menschen: Man muss es nur ordentlich glitzern lassen und dafür sorgen, dass Menschen ihre Oma und sich selbst verkaufen würden, um nur ein einziges Mal an diesem Glamour teil zu haben.

    Doch worum geht es in diesen Memoiren? Es geht um Ehrgeiz, Neid, Häme, Kränkungen, Missgunst, Schadenfreude, also um den Bodensatz einer jeden Gruppe von Menschen, vom Kegelclub über Kirchengemeinden bis zu staatstragenden Parteien - nur die Kostüme waren besser. In jeder dieser Gruppen gibt es aber auch das andere: Pflicht- und Verantwortungsgefühl, Fürsorge, Mitgefühl und Sympathie. Davon gibt es in den Erinnerungen des Herzogs von Saint-Simon nichts. Also: Weg damit!

  • Heute früh sind wir ein wenig später aufgebrochen, es gab einige Wolkenlücken und daher war es heller als in den vergangenen Tagen. Um 7.40 Uhr waren Moose und ich zwischen Possehl- und Lachswehrbrücke: Der Krähenschwarm ist angewachsen auf mehrere tausend Tiere. Als sie plötzlich aufflogen, erst kreisten und dann begannen, in Richtung Südsüdwest abzudrehen, war das ein Bild der Kategorie „Naturschauspiel“. Ich kann nur empfehlen, sich einmal frühmorgens auf den Weg zu machen, um diesen Schwarm zu beobachten.

    Die Hunderunde nachmittags - nun ja: Hat jemand von Ihnen zwischen 13:15Uhr und 13:45Uhr aus dem Fenster geguckt? Wir waren gerade auf dem Katzenberg, als Sturm- und einige Orkanböen uns den Schneeregen waagerecht entgegen peitschten. Nass, sehr nass.

    Ich liebe Listen. Umberto Eco auch: Er hat ein dickes Buch über Listen in allen Variationen geschrieben. Einer der schönsten Aspekte von Listen ist die Entscheidung, wer nicht mit aufgenommen wird - so z.B. bei Gästelisten.

    Nun habe ich 34 Bände Kirchenväter geerbt und halte es seit geraumer Zeit so, dass für ein Buch, das kommt, eines gehen muss. Nun waren die englischsprachigen Bücher dran.

    Was habe ich behalten? (Shakespeare und Fachliteratur zählen nicht)

    Vielleicht regt Sie die kleine Liste zur Lektüre an. Übrigens: Irgendein versnobter Besucher ließ sich bei Goethe darüber aus, dass man fremde Literatur natürlich nur in der Ursprache lesen könne - er meinte wohl „dürfe“. Goethe bemerkt dazu trocken, dass in einer Übersetzung natürlich immer etwas verloren gehe, aber besser übersetzt gelesen als garnicht.

    Hier die Liste, wir mir die Bücher in die Hände fielen:

    • Mark Twain, Tom Sawyer
    • Emily Bronty, Wuthering Heights (Sturmhöhen)
    • Lawrence Sterne, Tristam Shandy
    • Charles Dickens, David Copperfield und Oliver Twist
    • James Joyce, Dubliners (Kurzgeschichten) und Portrait of the Artist as a Young Man
    • D. H. Lawrence, Lady Chatterley´s Lover
    • Daniel Defoe, Robinson Crusoe
    • Lewis Caroll, Alice in Wonderland
    • William Thackeray, Vanity Fair (Jahrmarkt der Eitelkeiten)
    • Rudyard Kipling, Collected Short Stories
    • Jane Austen, Pride and Prejudice (Stolz und Vorurteil)
    • Jonathan Swift, Gulliver´s Travels
    • Henry James, The Turn of the Screw (Die Drehung der Schraube) und Portrait of a Lady (Bildnis einer Dame)
    • Joseph Conrad, Lord Jim und Heart of Darkness (Herz der Finsternis)
    • Herman Melville, Moby Dick
    • E. M. Forster, Howard´s End
    • Somerset Maugham, Collected Short Stories und Of Human Bondage (Eine   Menschen Hörigkeit
    • Catherine Mansfield, the Garden Party (Kurzgeschichten)
    • Und: Tolkien, The Hobbit und The Lord of the Rings

     

    Das sollte fürs Alter reichen. Eigentlich könnte ich auch die Franzosen mal durchgehen; da bin ich über den „Kleinen Prinzen“ in der Ursprache nicht hinausgekommen.

  • Recht machen kann es einem die Welt natürlich nie. In strömendem Regen im Dunkeln allein um Lübeck zu marschieren, ist nicht willkommen; heute Mittag in strahlendem Sonnenschein an glitzerndem Wasser entlang mit Menschenmassen, die das ebenso toll fanden, war auch nicht so prickelnd.

    Aber wenigstens Licht! Es ist bemerkenswert, wir groß der Einfluss von Wetter auf unsere Stimmung sein kann. Selbst wenn sich Trauerfälle ähneln, macht es einen Unterschied, ob man an einem trüben Januarmorgen auf dem Burgtorfriedhof einen Sarg begleitet oder im hellen Mai mit seiner Rhododendrenpracht. Es gibt eben Wintertage, da glaubt man nicht mehr an den Frühling.

    Meine Stimmung: Ich mache mir gerade mehr Sorgen um die Entwicklungen in den USA als um Corona in Deutschland. Vor meinem inneren Auge sehe ich zahlreiche Machthaber der Welt schenkelklopfend Champagnerflaschen köpfen und die USA in inneren Konflikten versinken. Es klingt so schön, wenn es in der neuen Susan - Sontag - Biographie heißt, in den USA hätten sich in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts die Schwarzen, die Frauen und die Schwulen emanzipiert. Das stimmt eventuell für die Küsten, für New York und San Francisco und einige andere Metropolen. Im Kernamerika sind diese Emanzipationen nicht angekommen. Der Riss ist viel tiefer als zwischen Berlin Mitte  - „Berlin Mitte“ ist das falsche Bild - zwischen Kölner Altstadt und manchen Dörfern Dunkeldeutschlands.

    Fernsehschelte: Seit dem Golfkrieg, der 1991 auf den Angriff Iraks auf Kuwait folgte, stehe ich um 5.30 Uhr mit dem Beginn des Frühstücksfernsehens auf. Die Sendung wird im wöchentlichen Wechsel von ARD und ZDF produziert. Wie hat sich das Format verändert. Aus dem ursprünglichen frühen Nachrichtenmagazin ist - insbesondere im WDR, der für die ARD produziert - ein schwer erträgliches Geplapper und Gegacker geworden. Ich stehe gern früh auf, bin aber bis zum Hundegang mißgestimmt und murre mich in den Tag hinein. Es gibt Lichtblicke, etwa wenn Dunja Hayali übernimmt und kluge Fragen stellt; aber gutgelaunte Haushaltstips um 5.45 Uhr?

    Ohnehin scheinen wir für die Sendezeiten, die von den zahllosen Kanälen gefüllt werden müssen, schlichtweg zu wenig Katastrophen zu haben. Allmählich wird diese Endlosschleife aus Corona, Brexit, Trump, EU und Greta doch grotesk.

    Fernsehlob: Am 3. Januar zeigte Arte eine knapp einstündige Dokumentation über den Maler Caravaggio: „Caravaggio - das Spiel mit Licht und Schatten“. Großartig! Und im Netz frei verfügbar. Angucken!

    Und auch manche Naturdokumentation ist für mich eine echte Bereicherung, gerade in Zeiten, in denen ich notgedrungen zu Hause bleibe.

  • Heute früh der kürzeste Hundespaziergang meines Lebens. Moose hatte seine Geschäfte rasch verrichtet, guckte mich fragend an und kehrte um. Ich habe ihm nicht widersprochen. Nachmittags dann matschige Wege, Nieselregen, der Wind begann aufzufrischen und ich hatte einen fröhlichen Hund. Er spielte mit anderen Hunden, hopste  wie ein junges Fohlen mit einem baseballgroßem Knüppel durch die Landschaft und versuchte, in meinen Handschuh zu zwicken. Es gibt einen bestimmten Gesichtsausdruck bei Moose  - den Kopf erhoben, die Augen weit, das Maul halb geöffnet, der Blick keck seitwärts auf mich gerichtet - ich glaube, er lacht.

    Wie hat mir dieses Tier in den vergangenen Monaten geholfen, manche dunklen Tage zu überstehen!

    Ich lese gerade von Jürgen Kaube „Hegels Welt“, ein gutes Buch über faszinierende Jahre. Was sich an der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert bis 1832 - Goethes Tod - in Deutschland tummelte, kann man nur mit der Geniedichte von Athens großen 50 Jahren in der Antike vergleichen: Lessing, Wieland, Herder, Schleiermacher, Goethe, Schiller, Hölderlin, Fichte, Schelling, Hegel. Lebens- und Weltentwürfe entstehen in umbegreifbarer Dichte. Eine unglaubliche Zeit.

  • Die Taufe Jesu: Er ist nun ungefähr 30 Jahre alt. Das ging ja schnell, könnte man sagen, schließlich ist Weihnachten mit Kind und Krippe erst 17 Tage her. Seltsam, aber wahr: Weihnachten ist schon unendlich weit weg. Das Evangelium des heutigen Sonntags ist der Bericht über Jesu Taufe nach Matthäus (2, 13 - 17). Der Text hat die alte Kirche in einige Verlegenheit gebracht; es hört sich so an, als sei Jesus erst als Erwachsener mit dem Heiligen Geist begabt und als Gottes Sohn adoptiert worden. Genaues Hören auf den Text verschafft Erleichterung: Es heißt eben nicht „DU bist mein geliebter Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe“ - das wäre eine Adoption -, sondern: „DIES ist mein geliebter Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe“. In dieser Form ist es keine Adoption, sondern eine Proklamation. Die öffentliche Vorstellung eines Herrschers. Wie lautet einer der letzten Sätze des Matthäusevangeliums - übrigens im Taufbefehl? „Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden“.

    Johannes zuckt vor der Taufe Jesu zurück - er selbst hätte es nötiger, von Jesus Christus getauft zu werden. Jesu Antwort, „…  es gebührt uns, alle Gerechtigkeit zu erfüllen“, heißt frei übersetzt: Ich hätte es nicht nötig gehabt, Mensch zu werden und beschnitten zu werden. Ich hätte nicht über tote Freunde und meine Stadt weinen müssen, ich hätte mich nicht anspucken, geißeln und kreuzigen lassen müssen. Da ich aber nun den Weg der Menschen teilen, ja ihnen vorangehen will, lasse ich mich auch taufen. „Nötig“ hätte ich das nicht.

    Mich fasziniert die Bewegung in dieser Szene: Jesus Christus steigt hinab ins Element des Chaos und des Lebens, um dort gereinigt zu werden; er steigt aus dem Wasser heraus und der Himmel öffnet sich.

    Das ist mehr als ein Bericht über ein längst vergangenes Ereignis; ich denke, viele von uns kennen den Vorgang: Hinabsteigen in die Krise, untertauchen, dadurch geläutert werden und verändert aus dem Element, das keine Balken hat, emporsteigen.

    Eine der schönsten Darstellungen der Taufe Jesu befindet sich in Ravenna in der Kuppel des Baptisteriums (Taufkapelle) der Orthodoxen aus dem 5. Jahrhundert.

  • Meine kleiner Bericht über das Hundeshampoo scheint amüsiert zu haben; die netteste Reaktion war: „Solange man Ihnen keine Leckerlis anbietet, ist alles in Ordnung“. Übrigens finde ich, dass nicht nur in Kirchenkreisen die Kultur der Selbstironie und des über - sich - selbst - lachen - Könnens ein wenig unterentwickelt ist. Manchmal sind wir alle so komisch - doch es wird kaum gelacht! Umberto Eco war ein kluger Mann und er wusste, was er tat, als er seinen Roman „Der Name der Rose“ um einen verschollenen Traktat des Aristoteles „Über das Lachen“ kreisen ließ.

    Morgen wieder Theologie - der 1. Sonntag nach Epiphanias -, heute Alltag: Auf dem Herd steht der 15 - Liter - Topf mit Grünkohl für heute Abend und Übermorgen.

    Küchenthemen: Es kommt der Skrei, Kabeljau von den Lofoten, fester als unser Travemünder Ostseedorsch, für den es sich aber in anderen Zeiten immer lohnt, frühmorgens in den Bus zu steigen, um Fisch vom Kutter zu kaufen.

    Kochdorsch mit Senfsauce: Einen Sud aufkochen aus Wasser, Weißwein, Zwiebeln, Karotten, Zitronenscheiben, Salz - viel Salz -, Pfeffer, Lorbeer - ein Schuss Wermut, Noilly Prat schadet nicht, tut aber nicht not. Eine halbe Stunde köcheln lassen. Den Fisch einlegen und etwa 20 Minuten ziehen lassen, nicht mehr kochen, keine Bläschen!

    Jetzt aber der Clou: Statt kompliziert aufgeschlagener Saucen die genialste Senfsauce der Welt: Ich erwärme 500 g griechischen Joghurts, salze, pfeffere, gebe 100 g Butter dazu, Zitronensaft und zwei große Esslöffel Senf. Unter Rühren vorsichtig erhitzen, nicht kochen. Mit einem viertel Teelöffel Zucker abschmecken. Fertig. Kein Mehl und auch kein Risiko. Lecker! Dazu Salzkartoffeln und einen grünen oder Gurkensalat. Den Fischsud kippe ich durch ein Sieb und friere ihn ein für ein Risotto mit Miesmuscheln oder Ähnlichem.

  • Im späten dritten Jahrhundert begannen ägyptische Christen sich als Einsiedler in die Wüste zurückzuziehen, der berühmteste unter ihnen sicherlich der heilige Antonius. Zu ihrem Erstaunen fanden sie in der Einsamkeit zunächst nicht Gott, sondern sich selbst. So wurden sie nicht nur die Begründer des späteren Mönchtums, sondern auch Meister der Selbstbeobachtung.

    Dem Westen wurde ihr Wissen vor allem durch Johannes Cassian (360 - 430) vermittelt, der vierzehn Jahre bei den Mönchen gelebt hatte und im höheren Alter zwei Klöster in der Nähe von Marseille gründete. Seine zwei Schriften sollten unter anderen Benedict von Nursia inspirieren.

    „Acedia“  - „Verdrossenheit“, „Lustlosigkeit“ ist eine der Hauptsünden. Irgendjemand hat einmal flapsig gesagt, es sei „Acedia“, wenn dem Mönch die Decke auf den Kopf fällt. Über dieses Laster gibt es übrigens einen ausführlichen Wikipedia - Artikel, deshalb hier nur eine Passage aus dem 10. Buch der „Institutionen“:

    „Wenn der Dämon der Acedia einmal von dem unglücklichen Geist Besitz ergriffen hat, dann erzeugt er in ihm einen horror loci (Widerwillen gegen den Aufenthaltsort). Der horror loci läßt ihn dann die näher oder entfernter lebenden Brüder, mit denen er täglich Umgang hat, verachten, weil es ihm so vorkommt, als seien sie alle ungeistige Menschen und als könne er unter ihnen keine geistlichen Früchte bringen, solange er an ihre Gemeinschaft gebunden sei. Der Ort, an dem er lebe, sei eben für ihn unfruchtbar. Er rühmt andere Orte, die weit weg liegen, und malt sich die Gemeinschaft mit den dort lebenden Brüdern als überaus lieblich aus. Dort habe man wirklich geistlichen Umgang miteinander. Dagegen sei alles, was man hier vor Augen habe, unerquicklich. Zuletzt wähnt er sein Heil zu verlieren, wenn er am bisherigen Ort bleibt und nicht so schnell wie möglich eine Änderung seiner Lebenssituation herbeiführt, da er sonst an diesem Ort zugrunde gehe.

    Dann ruft dieser Dämon gegen Mittag eine solch körperliche Ermüdung hervor und einen Heißhunger nach Essen, dass es unserem Mann erscheint,  als sei er von einer sehr langen Reise oder von sehr schwerer Arbeit ermüdet und erschöpft und als habe er zwei oder drei Tage nichts gegessen.

    Und so blickt er ängstlich hierhin und dorthin und seufzt, dass ihn niemand besuchen komme; er läuft aus seiner Behausung heraus und wieder hinein; schaut immer wieder nach der Sonne, die Zeit kriecht nur so dahin. Und so lagert sich, wie Nebel über die Erde, über seinen Geist eine nicht greifbare Verwirrung. Er wird geistlich träge und kraftlos. Schließlich weiß er gegen solche Anfechtung kein anderes Heilmittel, als irgend jemand zu besuchen; oder er flüchtet sich in den Schlaf.“

    Irgendwie kommen mir diese Sätze in Zeiten des Lockdowns vertraut vor.

    Man kann es auch mit Blaise Pascal aus dem 17. Jahrhundert sagen: „Alles Unglück der Menschen rührt daher, dass sie nicht allein in einem Zimmer bleiben können.“

    Ich kannte einst eine reiselustige, nein - eine verzweifelt reisende Lübeckerin, die ständig über das langweilige und spießige Lübeck schimpfte und von einem geistvollen und kurzweiligen Leben woanders schwadronierte. Ihr war nur nicht aufgefallen, dass nicht unsere Stadt, sondern sie selbst uninspiriert und borniert war.

    So.: Der Tannenbaum ist abgetakelt. Die Engelkapelle und der Herrnhuter Stern bleiben noch.

    Und noch etwas zum Schmunzeln: Ich wurde doch heute tatsächlich in der Stadt gefragt, ob ich beim Friseur gewesen sei. Nun ja, so ähnlich: Heute früh unter der Dusche bemerkte ich plötzlich, dass mein Shampoo nicht unangenehm, aber ungewohnt duftete: Ich wusch mir die Haare gerade mit dem Hundeshampoo von Moose. Und so verbrachte ich den Tag frisch duftend mit glänzendem Fell auf dem Kopf.

  • Eigentlich wollte ich heute die Wüstenväter nach hilfreichen Texten durchforsten, doch es ist anders gekommen. Als ich um Mitternacht noch einmal die Fernsehnachrichten gucken wollte, liefen dort Livebilder aus Washington. Zuletzt habe ich wohl bei 9 / 11 und beim großen Tsunami so vor dem Fernseher gehockt. Erschrecken - nein, mehr: Entsetzen, Ekel angesichts dieses Mobs, Ungläubigkeit - „das kann nicht wahr sein!“ -, Bangen um Menschenleben und Angst vor künftigen Entwicklungen schwirrten in mir durcheinander. Ich habe einige Male ausgeschaltet, dann aber wieder angeschaltet, weil ich nicht einschlafen konnte. Ich habe auf diese Szenen geblickt wie das Kaninchen auf die Schlange.

    Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich Anfang der 80er Jahre auf den Stufen des Kapitols stand und auf den Beginn einer Führung durch das riesige Gebäude wartete. Das erste, was mir auffiel, war die Präsenz von Sicherheitsleuten in allen Varianten von Uniformen und unauffälligen dunklen Anzügen. Ich dachte, wenn mir nur ein Taschentuch auf den Boden fallen würde, läge ich sofort bäuchlings daneben. Das andere: Ich war tief ergriffen von diesem Ort. Schließlich ist dieses Gebäude für unsere westlichen Demokratien das, was die Peterskirche für die Katholiken ist - obwohl die Architekten sich offenbar nicht ganz sicher gewesen sind, ob sie sich an der römischen Basilika oder an einem Albtraum von Hochzeitstorte orientieren sollten.

    Beeindruckt war ich dann heute vom Pflichtbewußtsein der Abgeordneten, die nach der Räumung des Kongresses ihre Sitzung fortsetzten. Das macht Mut.

    Ich bin mir gewiß, dass die demokratischen Institutionen der Vereinigten Staaten sich nicht auf Dauer durch eine geifernde Fönfrisur und ihre Schlägerbanden einschüchtern lassen. Die Bemerkung eines Basketballers hat mich dann aber doch noch zusammenzucken lassen: Er fragte, was Trump angeordnet hätte, wenn nicht Angehörige des „white trash“, sondern Mitglieder der Bewegung „black lives matter“ das Capitol gestürmt hätten. Ich fürchte, er hätte ein Blutbad befohlen.

  • Die „Heiligen drei Könige“ haben wir ja schon vor einigen Tagen im Text „Weihnachten in der Kunst“ bedacht. Hier einige weitere Gedanken zum Fest: Das griechische Wort „epiphania“ beschreibt das Erscheinen einer Gottheit, sei es ungeplant und plötzlich oder kultisch inszeniert, indem man z.B. die Statue der Gottheit aus dem Tempel holte und sie durch die Stadt trug. Solch ein Ritual gab es übrigens in der Antike am 6. Januar in Alexandria; es wurde gesungen: „Heute hat die Jungfrau den Aion geboren!“

    Die Liturgiegeschichte des Epiphanienfestes ist außerordentlich kompliziert: Evangelien des Festes waren der Besuch der Weisen, die Taufe Jesu und das Wunder der Hochzeit von Kana. Diese Themen verteilen sich heute auf drei Sonntage im Januar.

    In der Geschichte der drei Weisen gibt es einen Zug, der mich stets wieder schmunzeln lässt: Die Weisen kommen nach Jerusalem, um dem neuen König zu huldigen. Herodes weiß von nichts und wird panisch. Er fragt die Schriftgelehrten, ob sie etwas wüssten. Klar, sagen die, Bethlehem, das steht doch bei Micha. Aber keiner geht hin. Diese eunuchenartige Form der Religion gibt es auch im Christentum, ich denke in jeder Religion: Natürlich weiß man alles, aber man macht es eben nicht, bricht nicht auf.

    „Epiphanie“: Ein plötzliches Aufleuchten der Gottheit, ein Erscheinen des Kerns von allem in einer konkreten Situation. Es sind Augenblicke der Erfahrung völliger Übereinstimmung und zugleich absoluter Distanz. Es sind Augenblicke, von denen man anschließend sagt: Das war es - der perfekte Moment, für den es sich lohnt zu leben. Momente der Liebe und Leidenschaft, mit Kunst und Literatur oder in der Natur - mehr wüsste ich nicht. Es gibt allerdings das Gerücht, auch das Sterben könne zu solch einem ekstatischen Moment werden.

     

    Und einen Sprung in den Alltag! Heute früh war ich in der Erwartung aufgestanden, mit dem Hund durch ein puderzuckerweißes Winterwunderland zu stapfen - nun ja. Aber nach einer nasskalten Hunderunde keinen Kaffee, sondern einen Becher heißer Hühnersuppe mit Ingwer zu nehmen, das hat auch etwas. Was es hier heute Abend gibt? Hühnersuppe!

    Ich überlege seit gestern, was die Stimmung in diesen Januartagen aufhellen, wer gegen drohenden Trübsinn helfen könnte. Trübsinn stellt sich immer dann ein, wenn man sein Ziel aus den Augen verliert, dann schleppt man sich nur noch von Tag zu Tag. Vermutlich wussten die frühen Mönche, die Wüstenväter Syriens und Ägyptens im 4. Jahrhundert viel darüber zu sagen. Morgen früh ab ins Amtszimmer im Erdgeschoss, wo die Kirchenväter im Regal stehen. Ein Bücherregal als Medizinschrank. Dazu Hühnersuppe!

  • Inzwischen habe auch ich meine Verschwörungstheorie: Ich glaube, der Regen beobachtet Moose und mich. Er meint uns, wenn er kurz pausiert, damit wir das Haus verlassen. Er wartet dann noch solange, bis wir knapp auf der Hälfte unserer Strecke sind, und dann legt er los. Jetzt sagen Sie, das sei ja wohl Unsinn, schließlich gebe es zehntausende Menschen, die in Lübeck morgens das Haus verlassen. Da sage ich Ihnen: Nein! Der Regen meint MICH, er will MIR den Tag versauen, er hat sich gegen MICH verschworen, denn ich bin der Mittelpunkt der Welt und wenn Sie den verlogenen Meteorologen glauben, sitzen Sie nur Lügen auf. Denn wir wissen doch alle, dass Bill Gates und Angela Merkel das Wetter machen und sich mit den Bauern die Gewinne teilen, die diese mit dem Verkauf von Suppenhühnern machen.

    Nun, noch tagen Bund und Länder, doch scheint es mir eindeutig, dass der Lockdown bis Ende Januar verlängert wird. Im Advent und Weihnachten konnte man sich ja noch immer beschäftigen, Januar und Februar sind - für mich - immer zähe Monate. Jetzt sage ich einmal einen Satz, der sich vielleicht seltsam anhört: Die ursprüngliche Absicht war, dieses Tagebuch morgen am Epiphaniasfest zu beenden. Aber ich schreibe hier nicht für mich, sondern für Sie und werde deshalb bis zum 2. Februar, Mariä Lichtmess, weiterschreiben. Doch nun warte ich erstmal die Berliner Beschlüsse ab.

    Heute gab es dann noch eine kleine, traurige Bescherung: Ein betagter Kollege hat seine Wohnung aufgeben müssen und ich durfte mir 34 Bände Kirchenväter abholen, darunter zehn Bände Johannes Chrysostomos, des größten Predigers der antiken griechischen Kirche. Traurig - wie immer: Die fast leer geräumte Wohnung, in der fröhliche Feste gefeiert worden waren … . Der Begriff Wohnungs - „Auflösung“ ist von brutaler Präzision. Da stehen dann noch viele Dinge herum, Nippes, Krimskrams, Kitsch: Für den unbeteiligten Betrachter wertloses Zeug, doch waren sie einst geladen mit Erinnerungen und Gefühlen. Mit dem Verschwinden des Besitzers läuft diese Aura aus ihnen heraus, es ist nur noch - Zeug, das entsorgt werden kann.

  • So geht also ein richtiger Montag in diesen Tagen. Zum ersten Mal in 8 1/2 Jahren habe ich heute früh den Hundespaziergang abgebrochen; nicht ich allein - Moose und ich haben gemeinsam entschieden. Um 7.00 Uhr war es auf den matschigen Wegen am Kanal natürlich noch stockdunkel, es schüttete zwischenzeitlich wie aus Eimern und es pfiff uns ein kräftiger Ostwind um die Ohren. Außerdem habe ich mir eine Erkältung eingefangen. Da war der Kauf des Suppenhuhns am Samstag ja geradezu eine prophetische Zeichenhandlung. Hühnerbrühe hilft. Gestern Abend hatten wir Hühnerfrikassee und es waren noch drei Liter Brühe übrig, die seit dem Frühstück tassenweise ihren Weg in den Pastor finden.

    Aber es hilft ja nichts - um 13.00 Uhr wollte der Hund wieder raus. Wieder zwischenzeitlich stärkerer Regen. Jedenfalls gab es zwei Mal etwas zu sehen. Dort, wo sich Stadtgraben und Kanal trennen, hinter der Possehlbrücke, war ein Geschwader Kormorane auf der Jagd, ungefähr 30 Vögel. Sie agierten gemeinsam, als hätten sie ihre Formation abgesprochen. Sie erinnerten mich unangenehm an Raptoren, eine unfreundliche Dinosaurierart aus „Jurassic Park“.

    Ein wenig weiter schon wieder eine seltene Szene: Auf dem Weg am Stadtgraben prügelten sich ein Fischreiher und eine große Mantelmöwe um einen toten Barsch. Als wir uns näherten, flogen beide auf - und schon waren zwei weniger ängstliche Krähen zur Stelle.

    Anschließend wurde Moose trocken gerubbelt, ich habe mir nochmals Hühnerbrühe erhitzt und sitze nun „an“ meinem Arbeitsplatz, von dem aus Sie seit dem 26. November täglich diese Zeilen erreichen. Mögen Sie mal gucken? Ich fühle mich in meiner Ecke ganz geborgen.

  • Ich habe eine Idee, warum dieser Jahreswechsel etwas nervt: Er ist kein Einschnitt. Ansonsten gibt es doch immer ein paar gute Vorsätze oder Reisepläne für das neue Jahr. Das alles fällt mehr oder weniger weg - 2020 Corona, 2021 zunächst auch noch mal Corona. Also flüchte ich mich in die Kunst:

    Weihnachten in der Kunst

    In der Alten Pinakothek in München kann man gelegentlich hübsche Szenen beobachten: Eltern schlendern mit ihren mäßig interessierten Kindern durch die Säle mit den frühen Niederländern und plötzlich hört man eine helle Stimme: „Guck mal, Weihnachten!“

    Der prächtige Columba-Altar des Rogier van der Weyden aus der Mitte des 15. Jahrhunderts verfehlt bis heute seine Wirkung nicht. Und schon gehen die Kinder auf Entdeckungsreise: Ochs´ und Esel sind da, den Weihnachtsstern muss man schon ein wenig suchen - aber: wieso sind keine Engel zu sehen? Warum fehlen die Hirten? Warum ist der Stall so kaputt? Die Eltern werden mit Fragen gelöchert.

    Und mancher Erwachsene wundert sich über das anachronistische Kruzifix im Bildmittelpunkt.

    Die Geburt Christi ist neben der Kreuzigung die bekannteste und sicherlich die beliebteste Szene der christlichen Bilderwelt; zugleich ist die vertraute Krippenszene aufgeladen mit verborgenen Botschaften, Anspielungen und auch mancher Polemik.

    Die Geburtsszene taucht in der Kunstgeschichte in Zusammenhängen auf, die durchaus nicht so idyllisch sind, wie die Krippe suggeriert. Im 4. Und 5. Jahrhundert zerriss ein heftiger Streit um das Wesen Jesu Christi die Kirche. Ist Jesus Christus „wahrer Gott“ oder nur ein besonders begnadeter Mensch? Die Auftraggeber der ersten Weihnachtsbilder waren überzeugte Anhänger der Gottheit Christi. Daher fehlt auf diesen frühesten Darstellungen noch jede Spur der späteren Ärmlichkeit der Szene. Das berühmteste dieser Bilder war das verlorene Apsismosaik in der Geburtskirche in Bethlehem, bis heute zu Bestaunen ist das prächtige Mosaik in Santa Maria Maggiore in Rom aus dem 4. Jahrhundert. Die Könige nähern sich demütig dem auf einem prunkvollen Thron sitzenden  Kind. Im Laufe der Jahrhunderte wird die Szene mit immer mehr Motiven angereichert.

    Im Osten findet die Geburt meistens in einer Felsenhöhle statt, im Westen bevorzugt man einen Stall. Oft ist der Stall nur eine Ruine, eine polemische Anspielung auf das Ende der alten Religionen und der Synagoge durch die Geburt des Gottessohnes. Auch Ochs´ und Esel sind keine biologischen, sondern theologische Tiere. Der Prophet Jesaja hatte  einst verkündet: „Ein Ochse kennt seinen Herrn und ein Esel die Worte seines Herrn, aber mein Volk hat nicht begriffen …“ . Die Kirchenväter haben die beiden Tiere dann als Vertreter von Heiden- und Judentum gedeutet.

    Ebenso werden die Hirten und die Könige zu Repräsentanten von Juden- und Heidentum.

    Die heiligen drei Könige, die im Matthäusevangelium weder drei noch Könige, sondern „magoi“, Astrologen sind, werden im Mittelalter weiter ausgedeutet. Aus den drei Geschenken - Weihrauch, Gold und Myrrhe - schloss man auf ihre Zahl und betrachtete sie als Vertreter der drei bekannten Erdteile Afrika, Asien und Europa.. Zugleich werden sie, wie auch bei Rogier van der Weyden, zu Vertretern der drei Lebensalter Jugend, Reife und Alter.

    Die Künstler und ihre Auftraggeber liebten die drei Könige: Kleidung, Gefolge und Geschenke boten reiche Gelegenheit zu extravaganter Prachtentfaltung. Hier konnte man in kostbarsten Pigmenten schwelgen und die Auftraggeber konnten sich als reiche und demütige Fürsten darstellen lassen. Auf einem berühmten Fresko in Florenz haben die Medici  sich selbst und ihre Hofgesellschaft in einem üppigst geschmückten Zug zur Krippe verewigen lassen - pikanterweise taucht das Ziel des Zuges auf dem Fresko selbst gar nicht mehr auf.

    Neue Gefühlswelten erscheinen auf den Krippenbildern des sechzehnten und siebzehnten Jahrhunderts: Maria wird zur strahlenden Schönheit pittoresk in ärmlicher Umgebung, raffinierte Lichtführung lässt das leuchtende Kind einen Schein auf das demütig und liebevoll geneigte Haupt seiner Mutter werfen. Erst jetzt wird die Szene endgültig in die Nacht verlegt, wovon die Bibel noch nichts wusste.

    Künstler wie Rubens inszenieren das Paradox „Gott wird Mensch“ mit einem Feuerwerk von Kontrasten: Im Dunkel schimmern die Gewänder der Könige - Reichtum kniet vor Armut. Die abgearbeiteten Hände und zerfurchten Gesichter der Hirten werden neben das zarte Kind und dessen schöne Mutter gesetzt. Eine ganze Skala von Gefühlen spiegelt sich in den Gesichtern der Beteiligten: Ungläubiges und gläubiges Staunen, Ehrfurcht, tiefe Nachdenklichkeit.

    Und das zwanzigste Jahrhundert? Da gibt es ein bemerkenswertes Phänomen: Passionsbilder, Kreuzwege und Kreuzigungen sind in großer Zahl entstanden - Weihnachten dagegen? Fehlanzeige. Eine Arbeit von Gauguin, eine von Nolde, ein ironisches Bild von Max Ernst - Maria versohlt das Jesuskind. Grundsätzlich interessiert sich die Kunst des zwanzigsten Jahrhundert eher für den geschundenen Menschen Jesus als für den neugeborenen Gottessohn.

    In einer volkstümlichen Tradition lebt das Weihnachtsbild wie eh und je, seit Franz von Assisi die erste Krippe aufstellte:  Inzwischen auch in evangelischen Kirchen erfreuen sich Krippendarstellungen größter Beliebtheit wie auch die Ausstellungen von Krippen einzelner Sammler.

    Aus den Kirchen außerhalb Europas haben ganz neue Bilder die westliche Welt erreicht: Das Christuskind als Indio, als Schwarzafrikaner, als Inder und Chinese. Wie in Europa wird die Geburtsszene in die eigene Kultur transferiert.

    Denn eines haben alle Weihnachtsbilder gemeinsam.: Ob als millionenschwerer Botticelli oder als unscheinbare Terracottagruppe aus Lateinamerika - sie wollen stets mehr sein als die Erinnerung an ein historisches Ereignis: Sie wollen den Betrachter auch heute einladen, die Knie vor diesem Kind zu beugen.

  • Wenn der Kalender einen Kater haben könnte, dann wäre heute so ein Tag. Er wirkt nicht wie ein Samstag, sondern so, als hätte man alle Montage des Jahres auf heute gelegt.

    Was soll ich von einem Tag berichten, dessen emotionaler Höhepunkt aus dem Kauf eines Suppenhuhns auf dem Markt bestand? Es ist einfach nur nass und grau.

    Es hat mich eine Frage zum „Gottessohn - Text“ vom 29. 12. erreicht. Es geht um das Glaubensbekenntnis von Nizäa, das wir an den hohen Feiertagen sprechen. Da heißt es vom Sohn Gottes, er sei „gezeugt, nicht geschaffen“. Was das bedeute? Geht es hier nicht doch um eine physische Zeugung?

    Der Sachverhalt ist etwas kompliziert: Es geht nicht um die Entstehung neuen Lebens in Mariens Schoß, sondern um das Heraustreten des LOGOS, des ewigen Wortes aus dem Vater. Der Vater zeugt, indem er denkt. Der LOGOS ist das Denken Gottes, der sich selbst denkt - von ihm unterscheidbar und doch mit ihm identisch. Wie lautete der Beginn des Johannesevangeliums? „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort“. Dieses Geschehen findet ausserhalb der Zeit statt.

    Aus der Summa Theologica des Thomas von Aquin:

    „In der Zeit ist eines das Unteilbare, der Augenblick, und ein anderes das Währende, die Zeit. In der Ewigkeit aber ist das Nun unteilbar und immerwährend zugleich. Die Zeugung des Sohnes geschieht nicht in einem Nun der Zeit oder in der Zeit, sondern in der Ewigkeit. Und darum kann, wie es bei Origenes heißt, gesagt werden, er werde immer geboren, damit so die Gegenwärtigkeit und das Währen der Ewigkeit bezeichnet sei“.

  • Nochmal allen, die diese Zeilen lesen, ein gutes, gesegnetes neues Jahr. - und auch denen, die diese Zeilen nicht lesen.

    Die Jahreslosung der Herrnhuter Brüdergemeine (ohne „d“ ist richtig) lautet:

    Jesus Christus spricht: Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist!
    (Lukas   6,36)

    Auf den ersten Blick ein schlichter Satz, der dann aber doch einige bedenkenswerte Momente hat. An mehreren Stellen der Bibel wird eine Aufforderung an die Gemeinde begründet mit einer Eigenschaft Gottes. So im 3. Buch Mose im Heiligkeitsgesetz: „Ich bin heilig. Darum sollt auch ihr heilig sein“. Und bei Matthäus: „Seid vollkommen, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist“. Leben vor Gott wird verstanden als Verähnlichung mit Gott, ein Gedanke, der auch die platonische Philosophie durchzieht. Es ist der tiefe Sinn der Weihnacht, wir Papst Leo der Große es formuliert hat: „Gott wurde Mensch, damit der Mensch Gott werde“.

    Oder in der Summa Theologica des Thomas von Aquin: „Die Platoniker nahmen „Ideen“ an, indem sie sagten, jegliches Ding entstehe kraft der Teilhabe an der Idee, etwa des Menschen oder irgendwelcher Wesenheit sonst. An der Stelle dieser „Ideen“ haben wir eines: den Sohn, das WORT Gottes.

    „Barmherzig“ - ganz praktisch: Ich erinnere mich noch gut daran, wie unbarmherzig ich seit dem ersten Tag meines Nichtraucherlebens am 1. Advent 2014 Rauchern gegenüber war … : Die schärfsten Kritiker der Elche waren meistens selber welche.

    Ich lese aber bei Thomas von Aquin auch: „Gerechtigkeit ohne Barmherzigkeit ist Grausamkeit; Barmherzigkeit ohne Gerechtigkeit ist die Mutter der Auflösung“.

    Nun aber ab in die Küche! Es gibt Orangen - Tiramisu: Ich lege eine Form mit Löffelbiskuits (savoiardi) aus, die ich mit einer Mischung aus 50 ml Orangensaft und 50 ml Rum tränke. Dann verteile ich darauf drei El Bitterorangenmarmelade. 4 Eigelb schlage ich mit 4 El Zucker auf, bis die Creme weiß wird und der Zucker sich aufgelöst hat. Darunter ziehe ich 500 g Mascarpone, abgeriebene Orangenschale und 50 ml Cointreau. Dann die 4 inzwischen steif geschlagenen Eiweiß. Die Mischung kommt auf die Kekse und dann das ganze für einige Stunden auf die Terrasse. Gut abdecken! Krähen lieben dieses Dessert. Der Kühlschrank tut es übrigens auch. Keine Krähen! Meisten!

    Ich serviere dazu Orangenfilets, die erst kurz vor dem Auftragen ausgelöst werden dürfen.

    Nett sieht es aus, wenn man das Dessert mit gehackten Pistazien und Krokant bestreut - tut aber nicht not.

Beiträge aus 2020

  • Rückblick: Für mich war es ein Jahr mit unerwarteten Enttäuschungen und unerwarteten Freuden, auf jeden Fall jedoch ein Jahr, anders als alle bisherigen: Tiefpunkte für mich: Als ich am Karfreitag zur Todesstunde Christi in der leeren Kirche weinend vor dem Altar kniete und auf Griechisch die Kreuzigung aus dem Evangelium nach Johannes las - ich habe nicht meine Situation beweint - der HERR hing da so allein. Eine Bestattung mit zwei Trauernden im Nieselregen, von denen eine für die Familie filmte. All die abgesagten Trauungen. Eine nicht angetretene weite Reise, auf die wir zwei Jahre lang gespart und uns gefreut hatten.

    Höhepunkte: Die vier Konfirmationen! Zwei Einzelkonfirmationen und dann zwei Mal jeweils zehn junge Leute. Keine Pauken und Trompeten. Aber ich hatte die Chance, jedem  Konfirmanden / jeder Konfirmandin einen persönlich formulierten Segen nur für ihn / sie zuzusprechen. Das war  - zumindest für mich - sehr, sehr intensiv.

    Eine Woche mit Hund an der Flensburger Förde. Googeln Sie einmal „Glück in Sicht - Ostseelodges“. Nach Tondern  und Apenrade fahren, durch die Geltinger Birk wandern, in Flensburg bei Piet Henningsen Fisch essen - es war gut. Und auf der Rückfahrt ein erster Übernachtungsbesuch bei einem Ehepaar, das wir vor vier Jahren auf den Hurtigruten kennengelernt hatten, war auch toll. Der Hund war zwischenzeitlich krank, es gab mehrere Termine bei mehreren Tierärzten, doch eine finnische Chiropraktikerin hat ihn in einer halben Stunde wieder eingerenkt. Ich habe eine lateinische Ausgabe der „Summa Theologica“ des Thomas von Aquin entdeckt und erworben. Sechs Bände, herausgegeben von den römischen Dominikanern im 19. Jahrhundert. Papst Leo XIII. gibt vorn sein OK - dann wird ja alles seine Richtigkeit haben. Ein kristallklares Christentum ohne Kleingruppenseligkeit und sentimentalen Kitsch. Bei der Lektüre fühle ich mich am Riemen gerissen. Auf welchem Niveau haben wir einst gedacht!

    Konsum: Auch da gibt es ein Highlight: Ich habe Anfang des Jahres eine große Eisenpfanne von de Buyer gekauft: das gute Stück ist unbeschichtet, war relativ günstig und wollte eingearbeitet werden: Dreimal Öl hoch erhitzen und dann vorsichtig anfangen. Eine Pfanne „einbraten“ - ich fühlte mich wie ein Profi. Inzwischen ist das gute Stück schwarz, sieht natürlich niemals nur einen Tropfen Spülmittel und macht die besten Bratkartoffeln der Welt. Die Pfanne ist sehr schwer und man muss mit dieser Aura des „siffigen“ umgehen können. Und man muss sie mindestens einmal wöchentlich benutzen - sonst rostet sie. Eine Pfanne wie unser Verstand.

    14.02 Uhr: Gerade habe ich die Bilder vom Feuerwerk an der Harbour - Bridge in Sydney gesehen. Auch hier rückt der Silvesterabend nun näher. Wir werden zu zweit essen - es gibt ein paar Austern, dann ein Steak (aus der Eisenpfanne), Champignons à la Creme und Herzoginkartoffeln. Zum Schluß Rotweincreme.

    Draussen ist es ruhig - (noch) kein Geböller; der Hund hat sich übrigens noch nie um Feuerwerk gekümmert. Er ist da ein echt cooler Köter.

    Aber nun: Alle Gedanken, die mir zur Jahreswende durch den Kopf gehen, finde ich in einem Gebet von Jochen Klepper aus dem Jahr 1938, das als Lied Nr. 64 in unserem Gesangbuch steht:

    Der du die Zeit in Händen hast, / Herr nimm auch diesen Jahres Last / und wandle sie in Segen. / Nun von dir selbst in Jesus Christ / die Mitte uns gewiesen ist, / führ uns dem Ziel entgegen.

    Da alles, was der Mensch beginnt, / vor seinen Augen noch zerrinnt, / sei du selbst der Vollender. / Die Jahre, die du uns geschenkt, / wenn deine Güte uns nicht lenkt,/ veralten wie Gewänder.

    Wer ist hier, der vor dir besteht? / Der Mensch, sein Tag, sein Werk vergeht: / Nur du allein wirst bleiben. / Nur Gottes Jahr währt für und für, / drum kehre jeden Tag zu dir, / weil wir im Winde treiben.

    Der Mensch ahnt nichts von seiner Frist. / Du aber bleibest, der du bist, / in Jahren ohne Ende. / Wir fahren hin durch deinen Zorn, / und doch strömt deiner Gnade Born / in unsre leeren Hände.

    Und diese Gaben, Herr, allein / lass Wert und Maß der Tage sein, / die wir in Schuld verbringen. / Nach ihnen sei die Zeit gezählt; / was wir versäumt, was wir verfehlt, / darf nicht mehr vor dich dringen,

    Der du allein der Ewige heißt / und Anfang, Ziel und Mitte weißt / im Fluge unsrer Zeiten: / Bleib du uns gnädig zugewandt / und führe uns an deiner Hand, / damit wir sicher schreiten.

    (Jochen Klepper, verheiratet mit einer Jüdin, gab sich mit mit seiner Familie in der Nacht vom 10. Auf den 11. Dezember 1942 den Tod.)

    Mein Jahr wird heute am späten Abend mit einem Gebet enden - vielleicht mögen Sie sich anschließen:

    Barmherziger Gott, das alte Jahr geht zu Ende. Es liegt vor mir mit allem, was ich erlebt habe.

    Ich danke dir für alles, was du mir auch in diesem schwierigen Jahr geschenkt hast. Ich habe Erfahrungen machen dürfen, die mich bereichert haben. Menschen haben mir ihre Zuneigung und Freundschaft geschenkt.

    Ich durfte etwas gestalten und formen, was für andere zum Segen wurde.

    Ich erinnere mich auch an das, was nicht gut war. Ich bin verletzt worden und habe verletzt und manches versäumt. Doch will ich selbst keine Bilanz ziehen.

    Ich halte dir das vergangene Jahr hin. Ich übergebe es dir. Ich verzichte darauf, es zu bewerten. Ich überlasse es dir, damit du das Gewesene in Segen und Weisheit verwandelst, aus denen ich im kommenden Jahr leben kann.

    Du erinnerst mich daran, dass meine Zeit vergeht, mein Leben begrenzt ist. Lass mich am Ende dieses Jahres auch mein eigenes Ende in den Blick nehmen. Ich bitte dich: Lass nicht nur dieses Jahr, sondern mein ganzes Leben gut enden.

    Heute Abend bitte ich dich:
    - Für die Kranken und Sterbenden
    - Für die Einsamen
    - Für die Trauernden
    - Für alle, die gerade anderen helfen
    - Für alle, die Verantwortung tragen
    - Für die Menschen, die liebe und mag
    - Für die Menschen, die ich nicht mag.

     

    Das Vaterunser

    Und es segne und behüte uns der barmherzige und allmächtige Gott,
    Vater, Sohn und Heiliger Geist.
    Amen.

    Ein frohes und gesegnetes neues Jahr Ihnen und Euch allen!

  • Zunächst eine Bitte um Entschuldigung: Ich war gestern so froh gewesen, den langen Text über den Begriff „Gottessohn“ abgeschlossen zu haben, so dass ich ihn mir noch einmal auf den Inhalt konzentriert durchlas, aber eben nicht mit Blick auf die Rechtschreibung. Ganz witzig war ja noch, dass das Rechtschreibprogramm aus dem alttestamentlichen Helden „Simson“ einen „Simpson“ gemacht hatte, die anderen Fehler waren überflüssig. Heute wird die gestrige Fassung durch eine korrigierte ersetzt. Also: Abbitte!

     

    Morgen wird es hier eine kleine Besinnung zum Jahresende geben, zu Neujahr dann Gedanken zur Jahreslosung 2021. Heute deshalb hier nur ein paar Kleinigkeiten.

    Gestern früh eine wunderbare Hunderunde. Es lag noch der Schnee, es war windstill. Wie seltsam man die Welt doch wahrnimmt. Für einen kurzen Augenblick dachte ich am Kanal vor der Possehlbrücke: „Das Behördenhochhaus haben sie aber hübsch dekoriert!“ Dann fiel mir ein, dass die roten Leuchten auf dem Dach 1. das ganze Jahr hindurch brennen und 2. wohl eher Warnsignale für die Hubschrauber sind, die das nahe Krankenhaus anfliegen.

    Der Krähenschwarm war auch wieder da. Inzwischen riecht man ihn, wenn man sich der Lachswehrbrücke nähert. Die Vögel machen einen Heidenlärm: Natürlich krächzen sie, wie es sich für Krähen gehört, doch viel lauter ist ein höheres, fast schrilles Geschrei, mit dem sie kommunizieren. Ich habe überhaupt kein Wort dafür.

    Heute hatte ich auf dem Rückweg der Hunderunde einen schönen Moment: Ich war gerade mit Moose aus der Breiten Straße in die Hüxstraße eingebogen, da standen wir neben einem bekannten Süßwarengeschäft in einer Duftwolke aus frischen Berlinern. Es roch so köstlich - weder der Hund noch ich wollten weiter. Beim Fischgeschäft roch es auch appetitlich, aber eben nicht nach Berlinern. Am Mittag war ich auf dem Burgtorfriedhof, aber dann gegen 14.00 Uhr das volle Berlinerprogramm: Himbeer, Marzipan, Kirsche. Auch Moose hat seinen Teil bekommen. Wir leben ja sonst gesund. Er bekommt keine Schokolade, kein Schweinefleisch, nichts, was stark gesalzen ist, keine Kekse. Wenn der Hund krank ist, gibt es gekochtes Huhn mit Reis.

    Die einzige Extravaganz, die er fressen darf, sind Käsewürfel. Er findet Roquefort übrigens viel leckerer als jungen Gouda.

    Wenn wir nebeneinander auf einer Bank am Kanal sitzen, uns tief in die Augen blicken  und uns die Bergkäsewürfel teilen - einen für Moose, einen für Herrchen, einen für Moose … - gucken manche Passanten, als wären wir Außerirdische.

  • Gottessohn - Gottessohn? - Gottessohn! Ein Versuch:

    Als einziges christliches Fest leuchtet Weihnachten weit über die Kirchengrenzen hinaus. Seine Bilder sind so eindringlich und anrührend, dass sich kaum jemand ihnen entziehen kann. Die Eltern auf der Suche nach einer Herberge, das hilflose Kind, die Tiere im Stall, die Begegnung der Hirten mit den Engeln , dieses Ineinander vom Einfachen, Schlichten, Armen mit himmlischem Glanz im Zeichen des Friedens - all das ist verständlicherweise anrührend.

    Zugleich jedoch kann man den Eindruck gewinnen, die Weihnachtsrakete habe ihre christliche Brennstufe längst abgestoßen und werde nun von anderen Energien angetrieben.

    Ich möchte heute Ihre Weihnachtsrakete in drei Schritten mit christlichem Brennstoff betanken: „Menschwerdung“, „Sohn Gottes“ und die Jungfräulichkeit Mariens sollen bedacht werden.

    Gott ist Mensch geworden. Diese Unwahrscheinlichkeit gilt es zu bedenken. Eines vorweg - es gibt da nichts zu beweisen. Doch kann man einige Verständnisschwierigkeiten aus dem Weg räumen, wenn man die historische Bedingtheit auch unserer Kategorien in Betracht zieht. Verfallen wir nicht der unhistorischen Naivität jener, die ihre eigene Zeitgenossenschaft zum Tribunal für jeden älteren Gedanken ausrufen: „Das kann man nach Kant nicht mehr sagen …, nach Nietzsche, nach Marx, nach Popper, nach Foucault … etc“; eine verbreitete, doch unreflektierte Argumentation, die schlicht eine Heilsgeschichte durch eine andere ersetzt.

    Versuchen wir zu verorten, wo die grundsätzlichen Schwierigkeiten unseres Denkens mit einer Menschwerdung Gottes liegen. Der Weg führt ins 17. Jahrhundert zu René Descartes: Dieser Philosoph versuchte, das Gesamt des Wirklichen zu verstehen, indem er zwei Seinsweisen strikt unterschied. Materie (res extensa, das ausgedehnte Sein) einerseits und die Wirklichkeit geistigen Seins (res cogitans, das denkende Sein) andererseits. Zwischen beiden Dimensionen besteht keine Gemeinschaft, so dass eine Kristallisation von Geist zu Materie, eine Fleischwerdung für Descartes undenkbar war.

    Später setzte sich die Anschauung durch, „Geist“ sei lediglich ein sekundäres Interpretationsmedium der allein realen materiellen Wirklichkeit - mit dem Ergebnis, dass Jesus sich in einen - bedeutenden - Interpreten der materiellen Welt verwandelte. Der Sohn Gottes wurde zum Prediger. Und schließlich der reine Materialismus, der im „Geist“ nur noch eine Funktion der Materie, gesellschaftlicher oder ökonomischer Bedingtheiten sah. Gegenüber diesen drei Ansätzen hält christliches Denken am Paradox fest: „… hat Fleisch angenommen durch den Heiligen Geist von der Jungfrau Maria und ist Mensch geworden“.

    Die zweite Hürde für eine Denkmöglichkeit der Fleischwerdung ist die Vorstellung von Raum und Zeit als bruchloser Kontinua, bzw. als Anschauungsformen des Intellekts. Sollte der, der das Universum trägt, zu einem bestimmten Zeitpunkt auf diesem Staubkorn Erde im letzten Winkel des römischen Reiches in einem Winkel Palästinas im Winkel eines Stalls erschienen sein?

    Tatsächlich behauptet christliche Theologie, dass der Unbegrenzte sich an einem bestimmten Moment und Ort der Geschichte hat begrenzen lassen. „Gott, der größte - so klein?“ Bedenken wir den Begriff der „Größe“. Hier fragen die Alten: Stellt Ihr Euch die Größe Gottes so klein vor, dass er nicht klein zu sein vermag? Wollt Ihr seine Allmacht auf das Allgemeine begrenzen und ihn das Konkrete verweigern?

    Das Motto von Hölderlins Hyperion setzt dagegen: „Nicht umschlossen werden vom Größten, sich umschließen lassen vom Kleinsten - das ist göttlich.“ Ein Paradox, gewiss, aber kein unverständliches.

    „Sohn Gottes“: Der Begriff stammt nicht, wie oft wiederholt wird, aus der Welt der griechischen Mythologie, wo Kinder von Göttern und Menschen die Sagenwelt scharenweise bevölkern. Er stammt aus der Königstheologie des Alten Orients. Der Herrscher ist als Sohn Gottes dessen Stellvertreter auf Erden und garantiert so die heilvolle göttliche Ordnung der Welt. Dieser vor allem in Ägypten entfaltete Gedanke wurde auch von den Königen in Jerusalem rezipiert: „Heute habe ich dich gezeugt, du bist mein geliebter Sohn“ (Psalm 2, 7). Der Satz gehört eben nicht in die Liturgie eines rituellen Beischlafs, sondern ins Krönungsritual der Könige von Israel. Im Moment der Krönung wird der König zum „Sohn Gottes“. Im Hintergrund steht nicht die Vorstellung einer physischen Zeugung, sondern der Gedanke einer göttlichen Erwählung.

    Erwählung wozu? Zur Repräsentation: Der Herrscher repräsentiert als Gottessohn die göttliche Ordnung der Welt, zugleich jedoch als Stellvertreter seines Volkes die Menschen vor Gott.

    Was in Ägypten als politischer Großmacht und exklusivem kulturellen Kosmos seine Plausibilität gehabt haben mag, wirkt beim Duodezfürsten von Juda, das weniger Einwohner hatte als der Amuntempel von Theben Sklaven, wie eine Karikatur. Und so wurde aus der Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit eine Erwartung: Der wahre Repräsentant Gottes und der Menschen stehe noch aus.

    Eben diesen Titel „Sohn Gottes“ mit dieser Vorgeschichte überträgt die frühe christliche Gemeinde auf Jesus Christus und es entsteht eine völlig neue Form der Repräsentanz: Hier wird niemand in die Privilegien einer höfischen Welt hineingeboren, sondern zur Stellvertretung eines jeden Menschen erwählt. Nicht der Pharao, der Kaiser oder der König repräsentieren ihr Volk, sondern dieses Kind in ärmlichen Verhältnissen zeigt, wer der Mensch vor Gott ist: Schutzlos, ohnmächtig, liebebedürftig.

    Und es entsteht ein neues Verständnis von göttlicher Macht: Sie zeigt sich nicht, indem sie durch ihre Stellvertreter andere in den Tod schickt, sondern indem sie selbst in den Tod geht, nicht indem sie sich abgrenzt, sondern indem sie teilnimmt.

    Wieder greift hier das Zitat Hölderlins. Wahre Souveränität bedarf keiner Abgrenzung, sondern kann ihre eigenen Grenzen überschreiten.

    Absolute Macht ist die, die sich selbst aufgeben kann bis in den Tod hinein. Der neue Name göttlicher Macht ist - Liebe.

    Auch zur Zeit Jesu taucht das Wort „Gottessohn“ in der Politik auf. Augustus wird als Gottessohn tituliert.

    Lukas ist ein sehr reflektierter Erzähler: Er stellt dem Kaiser Augustus, von dem ein Gebot ausging, den anderen Gottessohn entgegen. Macht als Selbstbehauptung und Macht als Fähigkeit zur Hingabe: Hier treffen zwei Formen von Herrschaft aufeinander, die notwendigerweise in Konflikte geraten mussten. Einer politischen Herrschaft, die sich für göttlich erklärt, wird die frühe Christenheit die Anbetung verweigern.

    „Gottessohn“ - wir haben den Begriff bedacht ohne die Jungfräulichkeit Mariens auch nur zu erwähnen. In der Tat hängt die Gottessohnschaft Jesu Christi nicht an der Unberührtheit seiner Mutter.

    Kaum einer Bildfindung des Christentums sollte ein solcher Erfolg beschieden sein wie der Madonna mit dem Jesuskind - ein Motiv, in das schon früh „Isis mit dem Horusknaben“ einfloss.

    Drei Momente scheinen mir wesentlich für diese Beliebtheit: Das Motiv „reine Jungfrau“ - eine Vorstellung, die in den entfalteten westlichen Gesellschaften kaum noch relevant ist, jedoch in einigen muslimischen Milieus bis heute von elementarer Bedeutung für die Wertschätzung einer jungen Frau ist. Dann das Motiv mütterlicher Fürsorge und Geborgenheit und als drittes das Kleinkind als Symbol von Unschuld, Neuanfang und Hoffnung; auch dieses Motiv ist schon vorbereitet - in einem Hirtengedicht des römischen Dichters Vergil.

    Doch wie immer hilft zum Verstehen neutestamentlicher Ereignisse und Gestalten am besten ein Blick ins Alte Testament: Wunderbare Geburten sind dort keine Seltenheit: Sara, die Mutter Isaaks, Hanna, die Mutter Samuels, die Mutter Simsons und im Neuen Testament Elisabeth, die Mutter Johannes des Täufers: Sie alle zeichnen eine Linie des Unerwarteten. Unfruchtbare und Hochbetagte gebären die Väter, Retter und Richter Israels. Daher gehört die Jungfräulichkeit Mariens in den Komplex der Gnadentheologie Israels und ist kein notwendiges Gegenüber einer physischen göttlichen Vaterschaft.

    Ein Vers, der uns schon am 4. Advent begegnet war, fasst diese Ideen vielschichtig zusammen: Der Engel spricht zu Maria:

    Heiliger Geist wird auf dich herabkommen und die Kraft des Höchsten dich überschatten. Darum wird der, der aus dir geboren wird, heilig genannt werden: Sohn Gottes“(Lk 1,35).

    Der „Geist“ spielt auf die Schöpfung an; es geht nicht um physische Vaterschaft, sondern um eine Neuschöpfung der Welt aus dem Nichts - diesmal in der Welt, doch nicht aus der Welt. „Mein Reich ist nicht von dieser Welt“ wird einige Jahre später Jesus Christus vor Pilatus sagen.

    Das Bild des Schattens spielt auf den Jerusalemer Tempel an, in dem sich der Gott Israels anrufen ließ, ungreifbar und doch gegenwärtig. All diese Gedanken versuchen ein Phänomen zu fassen: Es beginnt etwas Neues, Unableitbares, Unverdientes.

    Der, der die Welten trägt, entschließt sich, unser Leben zu teilen. Wir sind nicht mehr allein. Es ist Weihnachten geworden.

  • Liebe Aegidianerinnen und Aegidianer! Heute nur ein kurzer Gruß - ich arbeite an einem umfangreicheren Text für morgen, in dem ich versuchen will, den Begriff „Sohn Gottes“, bzw. „Gottessohn“ so zu erklären, dass Sie nach der Lektüre sagen können: „Ich verstehe, was mit diesem zentralen Weihnachtsbegriff gemeint ist.“

    Heute haben sich die ersten winzigen Blüten der Barbarazweige geöffnet.

    Für mich war Weihnachten schön: Vermisst habe ich das gemeinsame Singen im 17.00 Uhr - Gottesdienst am 24. 12., den Gottesdienst am 25. 12., mancherlei Geselligkeit im Pastorat am Küchentisch und um den Weihnachtsbaum. Gestern erfuhr ich, dass die  kleine Heiligabendpredigt mehr als 300 Mal geklickt wurde. Das freut mich sehr.

    Aber nun weiter mit dem „Gottessohn“. Bis morgen!

  • Evangelium und Predigttext ist die Darstellung Jesu im Tempel mit den beiden Begegnungen mit Simeon und Hanna. Der Text steht im Lukasevangelium im 2. Kapitel, Verse 22 bis 40. Einige Gedanken zu dieser Szene:

    Lukas arbeitet in dieser Szene mit einem äußerst raffinierten Plan: Dreimal wird erwähnt, dass sich Maria und Joseph dem „Gesetz“ unterwerfen, dreimal wird Simeon als Träger des „Geistes“ beschrieben. Also der Vertreter Israels als Geistträger, die Heilige Familie als gesetzestreu. Was bedeutet das? Es bedeutet, dass Gesetz und Geist keine Gegensätze sind, sondern sich durchdringen. In meinen Worten: „Struktur“ und „Inspiration“ gehören zusammen. Struktur bedarf der Inspiration, um nicht hohl zu klappern, Inspiration bedarf der Struktur oder der Organisation, um sich nicht wirkungslos zu verflüchtigen.

    Darüber hinaus sind an der Begegnung Simeons mit Maria und Jesus - Joseph steht einmal mehr im Hintergrund - für mich drei Momente bemerkenswert.

    Religionsgeschichtlich ist die Ehrung des Kindes durch den greisen Vertreter Israels ausgerechnet im Tempel bemerkenswert. Es ist eine Würdigung und eine Entwertung des Ortes.

    Menschlich ist natürlich rührend, wie der Greis das Kleinkind in die Arme nimmt. Ich sehe ihn förmlich strahlen! Die Szene ist übrigens von Domenico Ghirlandaio säkularisiert worden im Gemälde „Großvater und Enkel“. Simeon, der seinem Ende entgegen geht, ist an seinem Ziel angekommen; er hat den Heiland gesehen. Die Szene möge in die Herzen aller Alten leuchten, die bitter und hart geworden sind ob verpasster Gelegenheiten und unerlebter Träume.

    Und schließlich: Die kirchliche Tradition hat das Lob des Simeon - „Herr, nun lässt du deinen Diener in Frieden fahren …(Lk 2, 29 - 32), das „nunc dimittis“ - in das Nachtgebet der Klöster eingefügt. Jeder Schlaf ist ein Bruder des Todes, jedes Einschlafen ein Sterben. Man blickt zu später Stunde auf den Tag zurück und ruht für einige Stunden in Frieden. Wie kostbar dieser Moment ist, weiß jeder, der schon einmal vor Zorn auf den vergehenden oder vor Sorge wegen des kommenden Tages nicht einschlafen konnte - und ich vermute, das kennen wir alle.

    Hatte ich übrigens berichtet, dass 2021 ein gutes Jahr wird? Am Heiligen Abend hatte ich - ein Teil meiner Familie stammt aus Jütland - dem Nissemann ein Schälchen mit Sahne in den Garten gestellt: Am Morgen des 1. Weihnachtstages war das Schälchen leer. Fußspuren waren keine zu sehen, denn es lag kein Schnee. Aber er war da und das ist ein gutes Omen.

    Wir sind ja jetzt mitten in den „Rauhnächten“. Wenn Sie wissen mögen, was es damit auf sich hat, gucken Sie einfach im Wikipedia - Artikel nach. Bei uns zu Hause wurde tatsächlich während der 12 Tage keine weiße Wäsche gewaschen.

  • Am Heiligen Abend hatte die Weihnachtsgeschichte des Lukas im Mittelpunkt der Gottesdienste gestanden. Ein Text wie Baumwolle. Gestern, am ersten Weihnachtstag stand der Anfang des Johannesevangeliums im Zentrum. Ein Text wie Brokat. Die beiden wichtigsten Sätze sind wohl:

    „Im Anfang war das Wort, uns das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort.“ Und: „Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit“.

    Der Kirchenvater Augustinus braucht in seinem Johanneskommentar 32 Seiten, um diesen sog. „Johannesprolog“ zu erklären.

    Einige Andeutungen: „Im Anfang“ spielt an auf den Beginn des Alten Testaments: „Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde.“ Das „Wort“ ist keine menschlicher Lautfolge, sondern der LOGOS, die geistige Struktur des Kosmos, der Sinn, der Zusammenhang von allem, was ist. Und dieser Logos materialisiert sich in einem Menschen, Jesus von Nazareth. Es geht im Christentum also nicht - nur - um irgendwelche Lehren eines palästinensischen Wanderpredigers des 1. Jahrhunderts, sondern in seiner Person scheinen die Konturen Gottes auf: Um es ganz kurz zu fassen:

    Die Gottheit tritt aus sich selbst heraus und wird Mensch, als Mensch tritt sie aus sich selbst heraus, stirbt für die Welt und schreitet durch den Tod hindurch zurück in die Einheit mit der Gottheit. Diesen Weg können wir mitgehen, wenn wir aus Egozentrik und Selbstsucht heraustreten in Gottvertrauen und Nächstenliebe.

    Ich denke, das ist der Kern meines christlichen Glaubens in zwei Sätzen. Es gibt übrigens im Philipperbrief des Paulus im neuen Testament einen uralten christlichen Hymnus, der Paulus schon vorgelegen hat. Dieser Hymnus (Phil. 2, 5 - 11) beschreibt den Weg Christi in ähnlicher Weise. Wenn Sie mögen, lesen Sie ihn einmal nach.

    Gestern haben wir die Weihnachtsansprache des Bundespräsidenten gesehen. Es war gewiß alles richtig, was er sagte, doch hat er mich überhaupt nicht erreicht. Wann immer er staatstragend mahnt, verurteilt oder lobt, es hat für mich immer etwas „Aufgesagtes“.

    Die Kanzlerin ist ja auch nicht unbedingt der rhetorische Knaller, doch hat sie mich in diesem Jahr mit ihren Reden schon mehrmals berührt. Seltsam.

    Haushalt: Gestern war Fischtag. Ich hatte einen Steinbutt vom Kutter in Travemünde im Gefrierschrank. Beim Filettieren passierte ein Missgeschick: wer hat eigentlich den Blödsinn in die Welt gesetzt, man schneide sich eher mit stumpfen als mit scharfen Messern? Es funktioniert auch mit scharfen Messern hervorragen: Der Unterschied ist lediglich, dass man den Schnitt mit einem scharfen Messer nicht sofort bemerkt. Aber der Zeigefinger ist noch dran, der Fisch wurde köstlich und ich habe mich zum ersten Mal an eine „beurre blanc“ gewagt. Und siehe, das Leben zeigte sich versöhnlich - sie gelang. Ich fürchte, Anfängerglück.

  • Ihnen und Euch allen nochmal ein frohes, gesegnetes Weihnachtsfest!

    Gestern war ein seltsamer Tag: Mit jeder Stunde begann er sich mehr vom üblichen Heiligabend zu unterscheiden. Alles fing an wie in jedem Jahr: Im Regen auf den Brink, Amaryllis holen.

    Dann wurden die Dinge allmählich anders: Kein Graved Lachs musste aus dem Keller  geholt und gehäutet werden - zu zweit brauchen wir keinen halben Lachs. Manche anderen Aufgaben, die normalerweise am 23. 12. erledigt wurden, verteilten sich über den Tag: Das Dessert zubereiten, Spätzle schaben, den - winzigen - Rehrücken parieren, daraus die Sauce ziehen und das Tischdecken. Wenn die Welt aus den Fugen gerät, will ich wenigstens einen schön gedeckten Tisch. Übrigens war gestern in der Süddeutschen Zeitung ein großer Artikel über Tafelgerät. Nach Jahren des Niedergangs - wer braucht heutzutage  schon ein „gutes Geschirr?“ - boomen die Porzellanverkäufe. Im Artikel fiel der Satz „Tische werden nicht mehr gedeckt, sondern kuratiert.“

    Gestern zwischendurch immer wieder Telefonate, die man sonst nicht geführt hätte, weil man sich in der Kirche begegnet wäre. Aber auch: kein Lampenfieber vor dem 17.00 Uhr - Gottesdienst, der schwarze Anzug bleibt auf dem Bügel.

    Ich habe ein Weihnachtsgeschenk für Sie: ein Dessertrezept. Gottseidank ahnte ich im Juni, dass es eines Tages Weihnachten werden würde und habe schöne Schmilauer Erdbeeren püriert, mit etwas Zucker und Zitronensaft abgeschmeckt und eingefroren. Dieses Püree hatte gestern Abend seinen Auftritt als Sauce zu:

    SAFRAN - PANNA COTTA

    Ich gebe Safranfäden ein einen Eierbecher und fülle zur Hälfte mit kochendem Wasser auf - so färbt er besser und gibt mehr Aroma ab. 5 Blatt Gelatine werden eingeweicht.

    500 ml Sahne  mit 70 g Puderzucker, dem Mark einer Vanilleschote und etwas Zitronenabrieb  bis kurz vor dem Aufkochen unter Rühren erhitzen. Dann den Safran mit dem Einweichwasser dazugeben. Die Gelatine ausdrücken und in der Sahne auflösen. Die Safransahne in Förmchen oder eine Servierschüssel geben, auf Zimmertemperatur abkühlen lassen und dann für einige Stunden oder über Nacht in den Kühlschrank stellen.

    Mit einer Sauce servieren: Karamell ist sehr lecker, pürierte Erdbeeren oder Himbeeren (Tk - Ware, durch ein Sieb gestrichen) sind auch nicht zu verachten.

  • Eine Vorbemerkung, eine Einladung und dann eine schlichte Lesepredigt, auch für eine häusliche Andacht zum Lesen oder Vorlesen:

    „Stille Nacht, heilige Nacht“ - so beginnt das vielleicht beliebteste aller Weihnachtslieder.

    „Stille“ und „Heiligkeit“ gehören zusammen. Als der Engel Maria besuchte, war sie in einer Kammer - so sehen es jedenfalls viele Künstler. Sie ist nicht im Tempel. So wie wir heute nicht in den Kirchen sind, sondern in unseren Kammern - so wir welche haben, wofür man dankbar sein darf. „Heilig“ bedeutet nicht „moralisch in Hochform“, sondern zu Gott gehörig, eine Sphäre, geladen mit schützender Energie - der brennende Dornbusch -, jenseits profaner Alltäglichkeit. „Heilig“ - das sind die raren, kostbaren Momente unserer Leben, voller Glück und Schrecken, die uns durch unsere Jahre tragen.

    Diese Sphäre erschließt sich nur in der Stille.

    Für mich ist der bewegendste Aufruf zur Stille der Anfang eines Buches - „Proslogion“ - des großen Bischofs, Theologen und Philosophen Anselm von Canterbury (1033 - 1109). Da heißt es:

    „Auf, du kleiner Mensch, flieh ein wenig deine Geschäftigkeit! Verstecke dich eine Weile vor deinen lauten Gedanken! Wirf die Sorgen ab, die auf dir lasten, und nimm Abstand von dem, was dich zerstreut! Gönne dir Zeit für Gott und ruhe in ihm! Sprich zu Gott: „Dein Antlitz, o Herr, will ich suchen.“ (Psalm 27, 8)

    „Mein Herr und mein Gott, lehre du mein Herz, wo und wie es dich suchen, wo und wie es dich finden kann.“

    Lesen sie diese wenigen Zeilen einmal laut, um ihrer Größe, Kraft und Schönheit gewahr zu werden. Aber nun:

    Schlichte Gedanken zur Weihnachtsgeschichte

    Eine Art Predigt

    Es ist eine einfache Geschichte: Maria und Joseph, die Geburt Jesu, die Engel bei den Hirten, ihr Besuch im Stall. Schon bald kamen Ochse und Esel hinzu. Eine einfache Geschichte, und doch abgründig tief. Die Mystiker aller Jahrhunderte haben sie als Drehbuch für eine Erfahrung gelesen. Eine Geschichte, die  - so oder so ähnlich - einmal geschah und immer wieder geschieht. Es ist ein bisschen wie bei Shakespeares „Hamlet“: Es hat diesen Dänenprinzen einmal gegeben, doch erst auf der Bühne kann sich sein Schicksal in erschütternde Gegenwärtigkeit verwandeln.

    Joseph und Maria hatten sich ihr Weihnachten wahrscheinlich anders vorgestellt. Sie mussten aufbrechen, wir sollen zu Hause bleiben. Natürlich zwingt uns kein kaiserlicher Befehl - aber manchmal müssen wir uns fügen, werden wir nicht gefragt. Klaglos aufbrechen, klaglos daheim bleiben - die Aufgaben sind unterschiedlich. Allerdings liebt es Gott, seine Wege im der Stille, im Winkel, im Kämmerchen zu beginnen. Pauken und Trompeten waren selten Erscheinungen seiner Gegenwart.

    Maria trägt in sich göttliches Leben, das in die Welt treten will. So wie wir alle die Möglichkeit göttlichen Lebens in uns tragen, das in die Welt drängt. Wir müssen es nur zur Welt bringen. Hier sind die Tiere wichtig, die - so die späteren Legenden - das göttliche Kind mit ihrem Atem wärmen. Das Kind wird von animalischem Leben geschützt und von den Engeln verkündet. Es verbindet jegliches atmende Leben mit den kosmischen Kräften der Gottheit.

    Wir werden dieses Kind gebären, wenn wir erkennen, dass wir hier keine Herberge haben.

    Ob Notunterkunft oder Villa in Strandnähe, Bleiben ist nirgendwo.

    Die Hirten: Es ist Nacht, sie sind draussen bei ihrem Vieh. Denen, die „draussen“ sind, erscheint der Engel. „Draussen“ muss sich nicht auf soziale Randständigkeit reduzieren. Wir alle kennen dieses „draussen“ sein, vor der Stadt.

    Und dann dieser Gruß des Engels: „Fürchtet euch nicht!“ Diesen Gruß lasse ich mir beim Schreiben dieser Zeilen zurufen und ich rufe ihn Ihnen zu: „Fürchtet euch nicht!“ Es sind schwierige Tage in diesem Winter 2020 / 2021. Und die Lasten sind sehr unterschiedlich verteilt, manchmal skandalös unterschiedlich verteilt. Es ist einer dieser Sätze wie „Ich liebe dich!“ Wenn man ihn gesagt bekommt, kann man ihn eben glauben oder nicht. Bewiesen werden wird da nichts und es helfen auch keine notariellen Dokumente. Ich will es glauben, dass ich mich nicht zu fürchten brauche, dass große Freude in die Welt getreten ist.

    Und dann will ich ich mich mit den Hirten auf den Weg zur Krippe machen und mit Paul Gerhardt singen (Evangelisches Gesangbuch 37,1):

    Ich steh an deiner Krippen hier, o Jesu, du mein Leben;
    ich komm und bring und schenke dir, was du mir hast gegeben.
    Nimm hin, es ist mein Geist und Sinn, Herz, Seel und Mut,
    nimm alles hin und lass dir´s wohl gefallen.

    Frohe Weihnachten Ihnen und Euch allen!

  • Heute gibt es eine Konserve. Vor einigen Jahren habe ich einen Text über Engel für den Schleswig - Holsteinischen Zeitungsverlag geschrieben, den ich Ihnen hier nochmal vorlege - viel verändert hat sich seitdem im Himmel nichts.

    Der Tag wird gefüllt mit letzten Besorgungen - Salat, Milch, Käse -, ersten Arbeiten am Herd für morgen Abend und natürlich der Predigt für die Hausandacht, die morgen Mittag hier eingestellt wird.

    Viel Spaß mit den Engeln!

    Die Engel: Lückenbüßer, Luftwaffe und himmlische Boten

    Das Problem vorweg: Wie berichtet man über Wesen, deren Bilder allgegenwärtig, die selbst aber empirisch nicht nachweisbar sind? Man guckt in die Bücher – und stellt zunächst drei Dinge fest: Himmlische Wesen zwischen Gott und Mensch existieren in allen Hochreligionen. Im Einzelnen gibt es die unterschiedlichsten Auffassungen vom Wesen und Wirken der Engel. Und: Je ferner und ungreifbarer der Gott für die Gläubigen wird, desto wichtiger werden die Engel – so im Judentum kurz vor der Zeitenwende und in den vergangenen zwanzig Jahren.

    Unser Wort „Engel“ stammt vom griechischen „angelos“ (Bote) ab. Die Vorstellungen, die mit solchen Gottesboten verbunden sind, reichen weit in den alten Orient zurück. Dort stellte man sich Gott als Großkönig vor, der von seinem Hofstaat umgeben im himmlischen Thronsaal die Welt lenkte. Es gab Engel, die als Statthalter die verschiedenen Völker lenkten und Herolde für besondere Aufträge an einzelne Menschen.

    Die frühen Engel reisten übrigens inkognito in Menschengestalt. Man wird – abkürzend – sagen können: Engel sind poetische Chiffren für die Macht des transzendenten Gottes. Als das Christentum in die griechisch-römische Welt eintrat, fand es dort keinen leeren Himmel vor: Zahllose Mittelinstanzen bewohnten dort den Kosmos zwischen Gott und Mensch. Die frühen griechischen Theologen gingen an die Arbeit und taten das, was sie am besten konnten: in ein Durcheinander Ordnung bringen. Und so wurde die wissbegierige Christenheit belehrt, es gäbe eine neunstufige Rangordnung der Engel, die sich aus dreimal drei Ordnungen zusammensetze. Ganz oben stehen die „Seraphen“ und „Cheruben“; die sieben Erzengel mit der Prominenz Gabriel, Michael und Raphael belegen übrigens nur den mittleren Platz in Ordnung drei.

    Diese himmlischen Heerscharen boten dem frommen Organisationstrieb ein unerschöpfliches Reservoir für Spekulationen. Aus der Welt der Spätantike stammt auch die Idee von einem geheimnisvollen Aufstand der Engel vor unendlichen Zeiten. Damals habe sich der vornehmste Engel (Luzifer – der Lichtbringer) gegen seinen Gott gewandt und sei mit seinen Anhängern in die Hölle gestürzt worden, wo er seitdem eine spiegelverkehrte Welt der Dämonen regiere. Erst am jüngsten Tag werden sich himmlische Heerscharen unter Michaels Führung und Luzifers Reich zur Entscheidungsschlacht gegenüberstehen.

    Der Kirchenvater Augustinus betrachtete die Spekulationen über die Engel eher schulterzuckend: „Über den Zustand dieser glücklichen himmlischen Gemeinschaft und ihre Ränge möge entscheiden, wer dazu in der Lage ist. Ich gestehe, dass ich diese Dinge nicht weiß“.

    Damit hatte Augustinus den Ton für die kommenden Jahrhunderte angeschlagen: Zurückhaltung bei den Theologen, aber Begeisterung bei Gläubigen und Künstlern. Der philosophisch geladene Gottesbegriff des Mittelalters rückte Gott in unbegreifliche Fernen. Umso wichtiger wurden konkrete Figuren, die dem einzelnen Begleitung und Schutz gewährten. Für die Kunst war die offizielle Unsicherheit Gold wert:

    Die Künstler waren bei der Darstellung der Engel weniger strikten Regeln unterworfen als bei Christus oder der Madonna. Welche Möglichkeiten für Farbe und Zeichnung! Engel schweben, rauschen, stürzen, wirbeln in weiß oder rot mit Flügeln in Regenbogenfarben oder kolibriartig metallisch schimmernd.

    In Renaissance und Barock bekommen die „großen“ Engel – der kämpferische Michael und Gabriel, der Weihnachtsengel, frivole Gesellschaft und die Hüllen fallen: Die heidnische Verwandtschaft der ungezogenen antiken Liebesgötter kehrt zurück in Gestalt munterer Putten. Zu Zehntausenden bevölkern seitdem nackte, geflügelte Kleinkinder mit bedenklichem Unernst die Kirchen.

    Seit der Aufklärung des achtzehnten Jahrhunderts mussten die Engel Federn lassen. In Zeiten, in denen sich kaum ein Geistlicher traut, etwas zu sagen, was einem naturwissenschaftlichen Zeitgenossen unverständlich sein könnte, haben es die traumhaften Wesen schwer. Erst langsam entwickelte sich wieder ein Gespür für den Ernst und die Erhabenheit der alten Boten aus jenseitiger Welt: „Wer, wenn ich schriee, hörte mich denn aus der Engel / Ordnungen? Und gesetzt selbst, es nähme / mich einer plötzlich ans Herz: ich verginge vor seinem / stärkeren Dasein. (…) Ein jeder Engel ist schrecklich.“ So Rainer Maria Rilke; und Paul Klee: „Einst werde ich liegen / im Nirgend / bei einem Engel / irgend“

    Bis heute haben die Engel in Kunst, Literatur und spirituellen Gruppen außerhalb der Kirchen mehr Heimatrecht als in den Großkirchen selbst. Übrigens glauben in Deutschland mehr Menschen an einen persönlichen Schutzengel als an die Göttlichkeit Jesu Christi.

    Sind Engel denn heute denkmöglich? Nun, innerhalb unseres modernen Weltbildes nicht.

    Sobald man jedoch versucht, die Möglichkeit von Geist, der ohne materielle Grundlage existiert, zu bejahen, sieht die Lage schon anders aus: Unter dieser Voraussetzung kann man den hoffnungslosen Rationalisten rationalistisch, aber verspielt antworten: „Weil Gott das Geschöpf kraft seines Intellekts und Willens hervorbringt, die volle Ähnlichkeit des Verursachten mit der Ursache es erfordert, dass das Verursachte gerade darin, wodurch die Ursache das Verursachte hervorbringt, die Ursache nachahmt, so verlangt die Vollkommenheit des Universums, dass es rein intellektuelle, mit einem Willen ausgestattete Wesen gibt. Das aber sind die Engel.“

    Wer es unter den Skeptikern noch nicht gemerkt hat: Sie sind schachmatt – aber geschlagen immerhin von Thomas von Aquin, dem genialen Theologen des 13. Jahrhunderts.

    Zugegeben, das ist kompliziert, doch es geht auch einfacher: Keiner hat je die Existenz der Liebe bewiesen – und es gibt gute Gründe, ihrer Existenz zu misstrauen. Aber trotzdem lieben die Leute. So ähnlich ist das wohl auch mit dem Glauben an die Engel.

     

  • Heute früh bin ich schon um kurz vor 7 Uhr mit dem Hund aufgebrochen. Es regnete. Als wir kurz vor der Possehlbrücke waren, begann es dann richtig zu regnen. Klatschnass kamen wir zu Hause an. Der Hund findet es ja großartig, nass zu werden, weil er dann im Flur mit einem großen Frotteetuch abgerubbelt wird. Wenn ich ihm das Handtuch unter dem Bauch durchziehe und es dann hin und her ziehe, geht er in ganz tiefe Yogastellung und hängt sich förmlich in das Tuch.

    Eigentlich tauscht man nur: Anschließend ist Moose etwas sauberer und trockener, das Herrchen hingegen etwas dreckiger und nasser.

    Das Bild vom Baum gestern war übrigens der Museumsbaum, nicht der aktuelle.

    Seit Tagen schon summte ich Bruchstücke einer Melodie vor mich hin, fand aber das Lied nicht. Jetzt habe ich es: Es es das erste Weihnachtslied, das ich gelernt habe; es steht nicht im Gesangbuch - wahrscheinlich ist es zu schlicht, zu kindlich. Theologisch höchst bedenklich ist natürlich für fromme Erbsenzähler, dass im Text Christus alljährlich kommt - dabei ist er nur einmal geboren worden. Wenn Sie schon eine Weile dieses Tagebuch lesen, wissen Sie natürlich vom zweiten adventus Christi als Gottesgeburt in der Seele.

    Ich wette, Sie alle kennen dieses wunderbare kleine Lied und könnten es sofort singen:

    Alle Jahre wieder kommt das Christuskind
    auf die Erde nieder, wo wir Menschen sind.

    Kehrt mit seinem Segen ein in jedes Haus,
    geht auf allen Wegen mit uns ein und aus.

    Steht auch mir zur Seite, still und unerkannt,
    dass es treu mich leite an der lieben Hand.

    Die Zeile „Steht auch mir zur Seite, still und unerkannt“ rührt mich in ihrer Einfachheit an. Welch eine schöne Vorstellung, dass Christus mir zur Seite steht, freilich: „Still und unerkannt“.

  • Der Tannenbaum steht und ist fertig geschmückt. Ich erinnere mich noch gut an Weihnachten 2017. Es gab im Annenmuseum eine Weihnachtsausstellung mit altem Spielzeug. Die Museumsdirektorin hatte uns schon im August gefragt, ob wir für das „Weihnachtszimmer“ im Museum unseren Baumschmuck zur Verfügung stellen würden. Wir würden. Ein großer Fehler. Aber: Wer weiß schon im August, was im Dezember wichtig ist?

    Lustig war ja noch, dass eine geplagte Praktikantin jede einzelne der rund 600 Kugeln, Glasfiguren, Lichterketten, Strohsterne und die dänischen Nissemänner aus Holz inventarisieren und den Versicherungswert festsetzen musste. Im Museum war ich dann mässig begeistert: Ein Plastikbaum, keine echten Kerzen - verständlich, aber doof.

    Und dann kam die Weihnachtswoche. Wir sind erwachsene Menschen; wir werden ein Jahr ohne Baum schon überstehen. Dachte ich. Also auf den letzten Drücker im Blumenladen am Kohlmarkt ein Bäumchen im Topf geholt. Eine Lichterkette gab es auch noch. Schon vor dem Jahresende hat das Bäumchen den Geist aufgegeben. Eines war nach diesem Fest klar: Nie wieder wird der Christbaumschmuck verliehen - höchstens zu Ostern!

  • Wie angekündigt, hier ein Vorschlag für eine schlichte Hausandacht am Heiligen Abend Bis Donnerstag ist noch Zeit, um die Lieder auszudrucken und die Bibel bereit zu legen. Am Donnerstag Mittag liefere ich dann noch eine kleine Predigt.

    Im Mittelpunkt einer Andacht zum Heiligen Abend steht natürlich die Weihnachtsgeschichte. Sie finden sie im Neuen Testament, im 2. Kapitel des Lukasevangeliums, die Verse 1 - 20. Auch wenn sie allein sind, lesen sie sich die Verse laut vor.

     

    Hausandacht am Heiligen Abend

     

    Ein Lied, zu singen oder zu lesen:

    Stille Nacht, heilige Nacht!
    Alles schläft, einsam wacht
    nur das traute, hochheilige Paar.
    Holder Knabe im lockigen Haar,
    schlaf in himmlischer Ruh,
    schlaf in himmlischer Ruh!

    Stille Nacht, heilige Nacht!
    Hirten erst kundgemacht;
    durch der Engel Halleluja
    Tönt es laut von fern und nah:
    Christ, der Retter ist da,
    Christ, der Retter ist da.

    Stille Nacht, heilige Nacht!
    Gottes Sohn, o wie lacht
    Lieb aus deinem göttlichen Mund,
    da uns schlägt die rettende Stund:
    Christ, in deiner Geburt,
    Christ in deiner Geburt.

     

    Lesung der Wehnachtsgeschichte. Lk, 2, 1 -20

     

    (Eine kurze Meditation finden sie am Mittag des 24. 12. In diesem Tagebuch)

     

    Ein Lied, zu singen oder zu lesen:

    O du fröhliche, o du selige,
    gnadenbringende Weihnachtszeit!
    Welt ging verloren,
    Christ ist geboren:
    Freue, freue dich, o Christenheit!

    O du fröhliche, o du selige,
    gnadenbringende Weihnachtszeit!
    Christ ist erschienen,
    uns zu versühnen:
    Freue, freue dich, o Christenheit!

    O du fröhliche, o du selige,
    gnadenbringende Weihnachtszeit!
    Himmlische Heere
    jauchzen dir Ehre:
    Freue, freue dich, o Christenheit

     

     

    Gebet:

    Gütiger Gott, heute feiern wir Weihnachten, das Fest der Geburt deines Sohnes, das Fest unserer Erlösung.

    Das göttliche Kind, so sagt uns dieses Fest - ist nicht nur in der Krippe im Stall von Betlehem. Es ist auch in unseren Herzen.

    Lass mich heute daran glauben und lass es mich erfahren, dass das göttliche Kind in mir ist, dass mein Herz mit Liebe erfüllt wird, weil du selbst in mir geboren wirst.

    Wenn du in mir geboren wirst, beginne ich meine Bestimmung und Würde zu erkennen. Du begibst dich in den ärmlichen Stall meines Herzens, um mich in meiner Alltäglichkeit und Banalität daran zu erinnern, dass in mir ein Geheimnis wohnt, das größer ist als ich selbst.

    Dieses Geheimnis lässt uns daheim sein in uns und miteinander. Wir sind nicht allein in unserem Haus. Du selbst hast unser Haus zu deiner Wohnung erwählt. Lass uns auf neue weise in unseren Herzen und in unserem haus wohnen, als Menschen, die du gewürdigt hast, Ort deiner Gegenwart zu werden.

    An diesem Abend beten wir

    - für die Menschen, die mit uns diesen Abend verbringen wollten;
    - für die Menschen, die heute Abend unfreiwillig allein sein müssen;
    - für die Menschen, die heute Nacht arbeiten;
    - für die Kranken und Sterbenden;
    - für uns und die Menschen, die wir lieben;

     

    Das Vaterunser

     

    Segen:

    In dieser geheimnisvollen Nacht segne uns und behüte uns
    der allmächtige und barmherzige Gott,
    Vater, Sohn und Heiliger Geist
    Amen

  • Stand am 3. Advent die Gestalt Johannes des Täufers im Mittelpunkt, wird es morgen, am 4. Advent, Maria sein, die Mutter Jesu. Welch ein Unterschied der Stimmungen! Dort der schneidende Ruf zur Umkehr, Menschenmassen in der Wüste, hier ein stilles Beschenktwerden.

    Betrachten wir gemeinsam das Evangelium des 4. Advents: Es ist die Verkündigung des Engels Gabriel an Maria und steht im Lukasevangelium im 1. Kapitel, Verse 26 - 38. Der scheinbar schlichte Text ist ein höchst komplexes Gewebe aus Erinnerungen und Erwartungen:

    Der Engel begrüßt Maria nicht mit „Schalom“, sondern mit „Chaire“ - „Freue dich“. Freude als Zeichen der Gegenwart Gottes; der Engel wird den Hirten der Weihnachtsgeschichte sagen: „Ich verkündige euch eine große Freude!“ Und am Ende der Evangelien heißt es von der Begegnung der Jünger mit dem Auferstandenen: „Sie freuten sich, als sie den Herrn sahen“ (Joh. 20,20).

    Man freut sich über Unverdientes, Geschenktes - „Charis“ heißt übrigens auch „Gnade“. Auf Verdientes, eigene Leistungen kann man stolz sein, Freude entspringt immer der freien Zuwendung eines Gegenübers.

    Das Stichwort „Freude“ stammt aus einem wenig gelesenen Propheten des Alten Testaments: Bei Zephania 3, 14 - 17 heißt es: „Freue dich, Tochter Zion (ein anderer Name für Jerusalem). Jauchze, Israel! … Der König Israels, der Herr, ist in deiner Mitte“. Wörtlich: Er ist in deinem Schoß. Diese Formulierung verweist in noch fernere Zusammenhänge: Auf der Wanderung Israels durch die Wüste wird das Wohnen Gottes in der Bundeslade als Wohnen „in Israels Schoß“ beschrieben (Ex 33,3). Maria wird also zur lebendigen Verkörperung des Gottesvolkes.

    „Der Heilige Geist wird über dich kommen und die Kraft des Höchsten wird dich überschatten (Lk 1,35)“ Auch hier ist die Wortwahl nicht zufällig. Der „Schatten“ ist die „Schechina“, die Wolke, die Gottes Gegenwart im Tempel anzeigt und verbirgt. Diese Wolke - erinnern Sie sich noch an die Meditation zum 2. Advent? - wird Jesus in der Verklärung (Lk 9,34) und am Ende der Zeiten abermals verhüllen. Sie werden bemerken, wie weit wir entfernt sind von irgendwelchen erotischen Abenteuern griechischer Götter mit Menschenfrauen.

    Die Antwort Marias ist dreifach gestaffelt und in bewußtem Kontrast zu Reaktion des greisen Zacharias komponiert, dem vor unserem Evangelium die Geburt eines Sohnes - Johannes des Täufers - verkündigt worden war.

    1. Maria erschrickt und - fürchtet sich dann nicht, sondern überlegt. Sie versucht zu verstehen.

    2. Maria fragt: „Wie soll das geschehen, da ich doch von keinem Mann weiß? (LK1, 34)“ Sie fragt. Sie erhält die Antwort: „Für Gott ist nichts unmöglich“.

    3. Der 3. Schritt ist der entscheidende. Maria stimmt zu: „Mir geschehe nach deinem Wort“ (Lk 1, 38). Bernhard von Clairvaux hat im 12. Jahrhundert in einer Adventspredigt die Dramatik dieses Augenblicks eindrücklich geschildert. Gott sucht einen neuen Eingang in die Welt. Er klopft bei Maria an. Er braucht die

    menschliche Freiheit. Er kann den frei geschaffenen Menschen nicht ohne ein freies Ja zu seinem Willen erlösen. Den Menschen als freien erschaffend, hat er sich in gewisser Weise vom Menschen abhängig gemacht. Seine Macht ist gebunden an das unerzwingbare Ja eines Menschen. So zeigt Bernhard, wie Himmel und Erde in diesem Augenblick der Frage an Maria gleichsam den Atem anhalten. Wird sie ja sagen? Sie zögert … . Wird ihre Demut sie hindern? Dies eine Mal -  so ruft Bernhard Maria zu - sei nicht demütig, sondern hochgemut! Gib uns dein Ja! Das ist der entscheidende Augenblick, in dem aus ihrem Mund die Antwort kommt: „Mir geschehe nach deinem Wort.“ Es ist der Augenblick des freien, demütigen und zugleich hochgemuten Gehorsams, in dem sich die höchste Entscheidung menschlicher Freiheit ereignet.

    Vergessen wir nicht den letzten Satz unserer Geschichte: „Dann verließ sie der Engel“ (Lk 1, 38). Dann beginnen die Prüfungen: Was wird Joseph zu diesem Geschehen sagen? Die Mutter wird erleben, wir man ihren Sohn bedroht, verfolgt, beschimpft und schließlich kreuzigt.

    Ich kenne  - im kleinen Rahmen meines Lebens - solche Vorgänge: Da gibt es Situationen, in denen alles klar ist, in denen ich meinem Auftrag zustimme und einwillige - und dann verlässt mich der Engel … . Dann fängt die Arbeit an.

  • So: Weihnachten kann kommen. Alle Einkäufe sind erledigt; Keller, Gartenhaus und Gefriertruhen quellen über. Der Baum steht. Das Aufstellen hatte diesmal seine Tücken - zwischendurch ist der fast fertig geschmückten Baum in einen Winkel von 45 Grad abgeschmiert Der Baum steht schief … . Aber nun steht er gerade.

    Ich habe mir Literatur für den 4. Advent an den Ohrensessel geholt - auch wenn kein Gottesdienst stattfindet, wird es eine Auslegung oder Meditation geben; im Mittelpunkt des 4. Advents steht die Gestalt Mariens; ich denke, da gibt es einiges zu erklären, zu bedenken und entdecken. Nachher wird dann noch der endgültige Speiseplan für die Tage vom vom 20. bis zum 27. 12. geschrieben. In den vergangenen Jahren mit zahlreichen Gottesdiensten hatte ich immer zwei kleine Stapel DinA5 - Karteikarten. Der eine enthält die täglichen Speisen, der andere, was jeden Tag zu tun ist, damit wir auch ja nicht verhungern müssen. Solch eine Organisation kann eigentlich auch ohne Gottesdienste - aber mit vielen zu schreibenden Texten - nicht falsch sein. Angesichts der Küchenschlachten, die da kommen, gibt es heute nur Salat - meinen Lieblingssalat:

    Salat aus weißen Bohnen mit Thunfisch

    In eine große Schüssel gebe ich: 1 Dose weiße Riesenbohnen (bianchi di spagna),
    (abgetropft)
    2 rote Zwiebeln in Streifen
    2 - 3 gehackte Knoblauchzehen
    2 El Kapern (gesalzene werden gewässert und ausgedrückt, Kapern in Lake abgespült und ausgedrückt)
    5 Sardellenfilets in Öl, jeweils in 3 - 4 Stücke geschnitten
    1 Glas Thunfisch in Olivenöl
    6 - 8 Salbeiblätter in Streifchen

    Die Zutaten durchheben, salzen, pfeffern (ich mörsere einen El Körner), Olivenöl und Rotweinessig nach Geschmack. Wer noch ein paar gute Tomaten hat, gibt sie geachtelt dazu - ist in dieser Jahreszeit aber eigentlich nicht zu empfehlen. Für den großen Hunger schadet auch ein hart gekochtes Ei nicht, ebensowenig gehackte glatte Petersilie oder einige schwarze Oliven. Den Hauptakkord sollten aber immer die Zutaten aus der obigen Liste bilden.

  • Kennen Sie „Die Losungen“? Seit 290 Jahren lost die Herrnhuter Brüdergemeine (ohne „d“ ist richtig) für jeden Tag des Jahres einen Vers aus dem Alten Testament aus, dazu wird ein Vers aus dem Neuen Testament ausgesucht und ein kurzes Gebet oder eine Strophe aus dem Gesangbuch.

    Die Losungen sind fester Teil meines Morgenrituals. Aufstehen, Badezimmer, Hunderunde, Fütterung des Raubtiers, Kaffee oder warmes Wasser mit Zitronensaft für Herrchen, Losungen, Zeitung.

    Oft lese ich die Verse, zucke innerlich mit den Schultern und schlage die LN auf. Doch manchmal funkt es. Zum Beispiel heute:

    Losung: Es gibt eine Hoffnung für deine Zukunft, spricht der Herr. (Jeremia 31, 17)

    NT: Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an. Wenn jemand meine Stimme hören wird und die Tür auftun, zu dem werde ich hineingehen und das Abendmahl mit ihm halten und er mit mir. (Offenbarung 3, 20)

    Die beiden Verse können zugleich als Beispiel für den Umgang mit diesen uralten Texten dienen: Der Prophet Jeremia verkündet das Gotteswort kurz vor dem Untergang des Alten Israel am Ende des 7. Jahrhunderts vor Christus. Den Satz des Auferstandenen aus der Johannesoffenbarung  soll der Seher dem Engel der Gemeinde von Laodicea in Kleinasien ausrichten. So weit, so gut. Nun beginnt die Arbeit: Übersetzen - geht es beim Wort „Abendmahl“ um das kultische Abendmahl oder ein gemeinsames Abendessen? - , das Bedenken des historischen Umfeldes, Fragen nach der Authentizität der Texte, die Durchsicht anders überlieferter Abschriften, usw. … . Man kann da gar nicht sorgfältig genug sein.

    Und dann beginnt - manchmal - ein geheimnisvoller Vorgang: Der Horizont meines eigenen Lebens beginnt mit dem Alten Israel und der frühchristlichen Gemeinde in Laodicea zu verschmelzen zu einer Gleichzeitigkeit vor dem Gotteswort. Auch ich bin angesprochen: „Es gibt eine Hoffnung …“; „ich stehe vor der Tür …“ .

    Dieser Schritt mündet bei mir oft in ein spontanes Gebet:

     

    Ich höre Herr, es gibt Hoffnung, es gibt Zukunft.

    Die Pandemie, ein Weihnachten ohne Gottesdienste sind nicht dein letztes Wort.

    Alte und Kranke werden nicht allein bleiben.

    Du stehst vor der Tür, ich lausche auf deine Stimme, ein leises Flüstern.

    Ich will mich dir öffnen, Christus, tritt ein in mich.

    Lass uns gemeinsam essen, damit wir satt werden.

     

    PS.: Ich habe gerade in den griechischen Text geguckt - da steht  tatsächlich nix von „Abendmahl“. Das griechische Wort heisst „Abendessen“.

    Und - zur allgemeinen Erheiterung: Sind Sie auch schon einmal frühmorgens mit bloßem Fuß in einen kleinen Legostein getreten? Als Kind oder als Elternteil? Ich erinnere mich daran, dass die kleinsten Steine - mit nur einem Knopf - die fiesesten waren. Gestern habe ich als Duftdeko eine Orange mit Nelken gespickt. Da müssen einige Nelken herunter gefallen sein. Ich versichere Ihnen, morgens beim Aufstehen um 6.00 Uhr in der dunklen Wohnung toppen Gewürznelken jeden Legostein - es riecht nur besser!

  • Wir vier evangelisch-lutherischen Kirchen in der Innenstadt sagen sämtliche „Präsenzgottesdienste“ ab - wieder so ein neues Wort, das einem das Virus beschert. Bereits am kommenden Sonntag, dem 4. Advent, findet kein Sonntagsgottesdienst statt.

    Warum? Wir verstehen uns nicht als Inseln in der Gesellschaft, sondern als Teil derselben. Wir übernehmen Verantwortung und wollen Vorbilder sein. Alle Wissenden bitten: „Bleibt zu Hause!“ Da können wir nicht sagen: „Bleibt zu Hause, aber kommt zu uns!“

    Wir wissen, wir hätten das Recht, Präsenzgottesdienste zu feiern. Wir verzichten auf dieses Recht, solidarisch mit allen, die solche Möglichkeiten zur Zeit nicht haben. Es ist klassische paulinische Theologie aus den Korintherbriefen:

    Ich weiß, das ich dürfen dürfte, aber ich muss nicht wollen müssen.

  • Gestern kam die neue Landesverordnung - Gottesdienste drinnen mit höchstens 50, draussen 100 Teilnehmern, kein Gemeindegesang, weder drinnen noch draussen. Heute vormittag haben wir Lübecker Pastorinnen und Pastoren mit der Pröpstin über Weihnachten beraten, anschließend wir pastores der Innenstadt, heute Abend eine Bildschirmsondersitzung des Kirchengemeinderats. Stürmische Zeiten.

    Deshalb etwas Heiteres. Ein Vertreter einer Religion soll einmal gesagt haben, ein Haus, in dem ein Hund lebe, werde von keinem Engel betreten. Soso. Muss aber auch nicht … .

     

  • So, nun ist es `raus: Ab Übermorgen ein harter Lockdown. Bürgerinnen und Bürger wurden schon gestern vom Ministerpräsidenten dringend aufgefordert, ab sofort zu Haus zu bleiben. Was sollen wir Gemeinden in dieser Lage tun? Morgen werden wir noch einmal mit der Pröpstin online beraten. Sie wird dann auch die Vorgaben von Land, Nordkirche und Stadt haben.

    Gestern gab es hier ja Theologie - es war übrigens für mich eine höchst anregende Art und Weise, den trüben Tag samt trüber Nachrichten zu verbringen. Manchmal tröstet Denken wirklich, obwohl es meistens traurig macht.

    Heute nun Neuigkeiten aus der Küche. Es gibt einen Salat! Die Römer sind im Winter verrückt nach einem Kraut namens „Puntarelle“. Manchmal bekommt man es im italienischen Supermarkt oder auf dem Brink als Löwenzahn oder Zichorie. Man verwendet die weissen Teile, das Grün wird weggeschnitten. Chicorée oder Radicchio gehen auch, am besten der längliche aus Treviso - Hauptsache bitter! Was immer man nimmt, es wird in lange, schmale Streifen geschnitten. Und nun „Rock n Roll“:

    In einem Mörser werden zerrieben:

    4 große Knoblauchzehen

    8 Sardellenfilets in Öl, abgetropft

    1 Teelöffel schwarze Pfefferkörner

    2 Esslöffel Rotweinessig

    Ist eine schöne Paste entstanden, werden nach Belieben 6 - 8 Esslöffel gutes Olivenöl eingearbeitet, bis eine Emulsion entsteht. Über den Salat geben, durchgeben, eine halbe Stunde durchziehen lassen - fertig. Man ißt Puntarelle alla Romana als Vorspeise. Coronazeiten zu Hause ohne fremde Menschen sind übrigens ziemlich passende Zeiten für dieses Gericht.

  • Die zentrale Figur des 3. Advents ist Johannes der Täufer. Bedenken Sie mit mir diese Gestalt - als historische Figur, in der Überlieferung der Kirche und als Wegweiser für unser spirituelles Leben:

    Die Jahrzehnte um das Jahr Null herum zeigen uns ein zerrissenes, fraktioniertes Judentum. Palästina war römisch besetzt, die hellenistisch-römische Weltkultur prägte die Oberschicht. Für zahlreiche Juden jedoch bedeutete die Integration Israels in die internationale Mittelmeerkultur einen Verrat der eigenen Identität und den Abfall vom Glauben Israels. Hatte Jahwe seinem Volk nicht immer wieder eingeschärft, sich nicht mit den Völkern gemein zu machen?

    Zu diesen Widerstandsgruppen gehörten die Zeloten (Eiferer), die mit Waffengewalt gegen die Römer vorgingen, die Pharisäer, eine Gruppe, die vor allem die häusliche Thorafrömmigkeit in Distanz zum offiziellen Tempelkult pflegte, die Essener - berühmt durch ihre Schriften aus den Höhlen von Qumran, und - Johannes der Täufer. Nachrichten über ihn haben wir in allen vier Evangelien, in der Apostelgeschichte und aus einer nichtchristlichen Quelle, den „jüdischen Altertümern“ des Flavius Josephus.

    Johannes stammte aus einer Priesterfamilie und zog sich als Asket in die Wüste des heutigen Jordanien zurück. Seit den zwanzig Jahren des ersten Jahrhunderts trat er als Bußprediger und Täufer auf.

    „Bußprediger“ - das Wort bedarf der Erläuterung. „Buße“, „metanoia“ auf Griechisch, bedeutet wörtlich „Umdenken“, Sinnesänderung“, später auch „Reue“. Ein Umdenken, einen Perspektivenwechsel hat Johannes von Israel mit schneidender Schärfe gefordert. Seit Jahrhunderten hatte das Judentum auf seine göttliche Erwählung zurückgeblickt. Hatte der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs sein Volk nicht durch die Geschichte geführt? Solcher Selbst- und Gottesgewissheit hält Johannes entgegen:

    „Denket nur nicht, dass ihr bei euch wollt sagen: Wir haben Abraham zum Vater. Ich sage euch: Gott vermag aus diesen Steinen Kinder zu erwecken. Es ist schon die Axt den Bäumen an die Wurzel gelegt“ (Matthäus 3, 9f).

    Johannes faucht hier etwas Ungeheuerliches: Er stellt die Erwählung Israels in Frage. Uns mag es heute selbstverständlich sein, dass Geltung vor Gott nicht vererbbar ist. Um den Skandal heute zu verstehen, ist es hilfreich, das Zentralthema Israels - Gott - durch das Zentralthema heutiger Gesellschaften - Geld - zu ersetzen. „Liebe Bundesbürger, das Erben wird abgeschafft. Nach dem Tod fällt das gesamte Vermögen an das Gemeinwesen zurück“. Hören Sie den Aufschrei?

    Johannes sah die Axt schon angelegt, hörte das Eis knistern. Die Lage ist ernst. Und erstaunlicherweise strömen die Menschen in Scharen zu Johannes, um ihn zu hören und sich von ihm taufen zu lassen. Die Taufe des Johannes war ein Reinigungsritual. Sie zog einen Schlussstrich unter das bisherige Leben. „Gott trennt euch von eurer Schuld vergangener Tage; nun lebt anders - bringt Früchte!“

    Johannes nahm kein Blatt vor den Mund. Später wird Jesus Christus über ihn sagen:

    „Was seid ihr hinausgegangen in die Wüste zu sehen? Wolltet ihr ein Rohr sehen, das der Wind hin und her weht? Oder was seid ihr hinausgegangen zu sehen? Wolltet ihr einen Menschen in weichen Kleidern sehen? Siehe, die da weiche Kleider tragen, sind in der Könige Häuser“ (Matthäus 11, 7). Seine Klarheit hat Johannes das Leben gekostet. Obwohl die Überlieferung legendarisch überformt ist, scheint deutlich: Seine Kritik an König Herodes Antipas hat Johannes den Kopf gekostet.

    Aus der kirchlichen Überlieferung zu Johannes möchte ich nur einen Aspekt herausgreifen:

    Sein Festtag ist der 24. Juno. Lukas berichtet, der Täufer sei sechs Monate älter gewesen als Jesus Christus. Der 25. Dezember als Tag von Christi Geburt ist kein historisches, sondern ein theologisches Datum: Im antiken Judentum datierte man den Beginn der Schöpfung auf einen 25. März, den Frühjahrsanfang. Die Geburt Christi dann am 25. Dezember. Die frühen Christen begriffen die Empfängnis Jesu Christi als Schöpfung einer neuen Welt und datierten die Verkündigung an Maria ebenfalls auf den 25. März. Neun Monate später wird Christus geboren.

    Das geheimnisvolle Wort des Täufers gehört in diesen Zusammenhang: „Er aber muss wachsen, ich aber abnehmen“ (Johannes 3,30). Dieses Wachsen und Abnehmen kann auch astronomisch - kosmisch gedeutet werden. Mit der Johannisnacht beginnen die Tage kürzer, die Nächte länger zu werden - Sonnenwende. Am Ziel des Advents beginnt dann der Sieg des Lichts: Die Tage werden länger. Die Johannisnacht ist im nordeuropäischen Brauchtum einer der legendenumwittertsten Termine des Jahres: Der Sommer steht in voller Pracht, doch kündigt sich sein Vergehen an. Wer jemals in Skandinavien oder Estland an einer Sonnwendfeier teilgenommen hat, wird sie kennen, diese eigenartige Mischung aus überbordender Lebenslust und leiser Melancholie. Alles Schöne muss sterben … . So wird Johannes zum Repräsentanten des Vorläufigen, Naturhaften, das in all seiner Vollendung stets über sich hinausweist auf den, der nicht mehr dem ewigen „stirb und werde“ unterworfen ist.

     

    Hat dieser schroffe, fordernde Prophet, der sich selbst als Vorläufer eines Größeren sah, eine Funktion für unseren Glauben 2020? Drei Momente:

    1. Er ist „die Stimme in der Wüste“. Wüste: Ort der Stille, Ort des Mangels, Ort des Todes. Wer sich der Wirklichkeit Gottes öffnen will, braucht Stille. Eine Stille, die sich den Blick auf die Wirklichkeit des eigenen Lebens nicht verschleiern lässt durch die Geräusche des Alltäglichen. „Mangel“: Nur in der Konzentration auf das wenige Nötige entsteht die Wahrnehmung eigener Bedürftigkeit. In der Wüste lernt man den Schluck klaren Wassers schätzen. Gefährlicher Gegner des Glaubens ist nicht der Zweifel und nicht akademische Aufgeklärtheit, wirklich gefährlich ist das sanftlebende Fett unserer Verwöhnt- und Gewohnheiten. „Ort des Todes“: Es sind die Krisen, die Brüche, Erfahrungen von Endlichkeit, in denen Glaube reift. „Not lehrt Beten“ Der alte Spruch ist kein Verweis auf den betäubenden Charakter von Religion, sondern die präzise Beschreibung einer menschlichen Grundstruktur.
    2. Johannes ist der große Prediger gegen menschliche Selbstgefälligkeit. Sie sagen: „Es ist doch Alles letztendlich in Ordnung“. „Nein!“ sagt Johannes und reiht sich so in die Schar der Propheten Israels ein, die sich nicht beruhigen ließen und sich nicht trösten lassen wollten. „Sie sagen „Friede“, „Friede“, aber es ist kein Friede“ so Jeremia (6,14).
    3. Johannes ist der Vorläufer Christi. Nun, Christus ist gekommen, was interessiert uns noch der Vorläufer? Ist Christus tatsächlich schon zu Ihnen gekommen? Hat er sie angerührt? Oder warten auch sie noch? Wir stehen alle „vor“ Christus, der uns entgegen kommt. Unter den Texten über den Täufer berührt mich am meisten seine Frage an Christus aus dem Kerker. Er wusste sich als Vorläufer eines Größeren, Stärkeren. Und nun sitzt Johannes, auf seine Hinrichtung wartend, im Dunkel und hört von jenem seltsamen Mann, der ein eigenartiger Souveränität die Gegenwart Gottes verkörpert, ganz anders als erwartet. Und so schickt er Schüler zu Christus mit der Frage aller Fragen: „Bist du es, auf den ich gewartet habe?“ Er weiß es nicht, er zweifelt, er sehnt. Selbst ein Johannes der Täufer endet mit einer offenen Frage. Wie oft haben wir uns beruhigt mit der Auskunft, den gefunden zu haben, auf den wir gewartet hatten. Und er war es nicht. Denn kein Mensch kann den Durst eines anderen stillen. Sie flüstern uns zu: „Ich bin es nicht!“ Im Dunkel des Kerkers diese Frage an Christus: „Bist du es, auf den ich gewartet habe?“ - das ist meine Frage.
  • Advent ist Wartezeit - an diesem Wochenende ganz anders gefüllt als in den vergangenen Jahren. Was werden Bund und Länder morgen beschließen? Warten wir es ab.

    Ich habe eben - zwei Stunden zu früh - die dritte Kerze des Adventkranzes angezündet.

    Nach drei Gesprächen im Laufe des Vormittags verweigere ich mich nun den neusten Gerüchten aus Kiel und Berlin und sitze vor dem Adventskranz. Kennen Sie die Symbolik? Vier Kerzen: Vier: Vier Elemente, vier Windrichtungen, vier Säfte im Menschen, die vier Temperamente formen: „Vier“ ist die Zahl der Welt. Der Kranz - ein Kreis: Symbol des Himmels, der Ewigkeit. Im Laufe des Advents bewegen sich Himmel und Erde, Zeit und Ewigkeit aufeinander zu. So soll es sein in unserem Leben: Nicht unserer konkreter Alltag auf der einen, unsere Visionen, Träume und Wünsche auf der anderen Seite. Sondern unser tatsächlich gelebtes Leben möge zur materiellen Kontur unserer Träume werden.

    Die Kerze: Wachs der Mensch, die Flamme göttliches Licht und göttliche Liebe. Ein Christussymbol: Jesus Christus - wahrer Gott und wahrer Mensch. Liebend verwandelt sich Menschlichkeit sich verzehrend in Gott. Johannes der Täufer, die zentrale Gestalt des dritten Advents, sagte: „ER, (Christus) muss zunehmen, ich aber muss abnehmen.“ Das Allzumenschliche soll weggeschmolzen werden hinein in göttliche Gegenwart.

  • Auch in Schleswig-Holstein explodieren die Infektionszahlen. Hektische Betriebsamkeit in der Politik, Schutzstarre bei mir. Bis Montag brauchen wir unsere kirchlichen Weihnachtsplanungen überhaupt nicht weiter zu verfolgen. Eines ist mir klar: Wenn alles dicht macht, lassen wir vielleicht die Kirchen offen, feiern aber keine Gottesdienste.

    Maria und Joseph hatten sich ihr Weihnachten wahrscheinlich auch etwas anders vorgestellt. Für sie war „Aufbruch nach Bethlehem“ die Herausforderung. Für uns wird es sein: „Brecht nicht zum gewohnten Heiligabendgottesdienst in eure Kirche auf - bleibt in eurem Stall und dankt Gott dafür, dass ihr einen habt“.

    „Aber der Weihnachtsgottesdienst ist doch das Herz des kirchlichen Lebens“. „Gottesdienst“ ist aber mehr als das jährlich wiederkehrende Ritual, Gottesdienst ist immer auch Dienst an den anderen. Gott kann in uns geboren werden, wenn wir bereit sind, ihn zu empfangen - das hängt nicht ab von der vollen Kirche im Kerzenlicht, nicht von der eindringlichen Predigt und den strahlendsten Arien der Kirchenmusik. Damit Gott in uns zu leben beginnt, müssen wir unsere Gewohnheiten unterbrechen - und ich sage Ihnen: Der 17.00 Uhr - Gottesdienst ist für mich stets einer der Höhepunkte des Jahres. Doch auch spirituelle Narzissmen können gebrochen werden und neuer Ernst, neue Nachdenklichkeit und neue Fruchtbarkeit können entstehen.

    Weihnachten ganz anders - ich finde das schrecklich - aber: Kann nicht auch im Trubelfasten ein anders gefülltes Weihnachten entstehen? „Die Geschäfte waren geschlossen - ich habe kein Geschenk für Dich“ - Kann nicht dieses Bedauern ein größeres Geschenk sein als irgendein auf den letzten Drücker gekauftes Zeug?

    Warten wir ab.

  • Eine Welt in grau. Nach der frühen Hunderunde war ich schon um kurz vor 8.00 Uhr am Fleischstand auf dem Brink. Ich war der dritte Kunde in der Reihe; als ich eine Viertelstunde später nochmal am Stand vorbeikam, standen dort exakt 15 Kunden in einer Schlange. Sollte es zu einem harten Lockdown noch vor Weihnachten kommen - dann stehen uns dramatische oder zähe Einkaufssituationen bevor.

    Leider lassen sich Gemüse und Obst nur schlecht konservieren. - also wird man kurz vor Weihnachten noch einmal  `raus müssen.

    Vorhin habe ich die Lektüre der Susan-Sontag-Biographie von Benjamin Moser - Pulitzer-Preis 2020 - beendet. Welch ein Leben! Für mich war sie in den achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts ein Idol. So klug wie ich dumm. Ihre Essays über „Stil“, „Form und Bedeutung“ (On camp), über Photographie und „Krankheit als Metapher“ (was ist Krebs? - unkontrolliertes Wachstum!) haben mich fasziniert und jahrelang beschäftigt. Und entsetzt bemerke ich, wie mir diese Fragestellungen und Gedankengänge abhanden gekommen sind. Es sind einige neue dazu gekommen, aber eigentlich bin ich ein pastorales Landei geworden. Den Diskursen der letzten Documenta vermochte ich intellektuell nicht mehr zu folgen. Ich war sogar einmal in einem Raum mit ihr - auf der Vernissage einer Photographieausstellung 1980 in New York. Kann es Annie Leibowitz gewesen sein? Ich denke, wie andere bedeutende Persönlichkeiten, mit denen ich einmal in einem Raum war, würde auch sie sich eher nicht an mich erinnern … .

    Andererseits: Welch eine Zicke! Welch ein um sich beißendes, unglückliches Biest. Da hilft es auch nicht, dass sich die Liste ihrer Liebhaber/innen liest wie ein who is who der Avantgarde der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

    Vor kurzem las ich einen Text über Susan Sontag auf einer Literaturmesse in Köln: Tatsächlich saß sie in einem Separee eines kölschen Brauhauses, umgeben von anbetenden Jüngern. Die Autorin saß im selben Brauhaus mit einem amerikanischen Autor, der sie aufforderte, sich Susan Sontag vorzustellen; kann es Elke Heidenreich gewesen sein?

    Jedenfalls trat sie vor, wurde vorgestellt als eine wichtige Person im deutschen Literaturbetrieb, und sagte, sie sei „just for fun“ in der Stadt. Die Sontag darauf - charmant wie Trockeneis: „Fun is not fun - work is fun“. Womit sie ja irgendwie recht hat.

  • Es bleibt tatsächlich jeden Tag einige Minuten länger dunkel. Im Sommer war ich ja gern manchmal um 6.30 Uhr unterwegs, zur Zeit schiebe ich den Aufbruch in Richtung 7.30 Uhr hinaus - zwischen Blicken aus dem Fenster, ob man schon sehen kann, ob es regnet, und einem immer nervöseren Hund, der die Pobacken zusammen kneift.

    Heute gab es im Supermarkt kein Mehl mehr. Aber nein: Heute nicht das Wort mit „C“.

    Morgen werde ich eine Bestandsaufnahme der Gefrierschränke machen - falsche Formulierung: es gibt 2 Gefrierschränke; es geht um die Füllungen. Was muss noch besorgt werden, was muss noch verzehrt werden, damit besorgt und eingefroren werden kann? Dann kommen die Karteikarten ins Spiel mit der Essensplanung für Weihnachten. Übrigens: Eines meiner komischsten Predigterlebnisse verdanke ich diesen Karteikarten. Ziemlich genau vor einem Jahr predigte ich in einem Sonntagsgottesdienst im Advent fröhlich vor mich hin, wie so oft mit meinen Stichwortkarteikarten in der Hand. Gerade wollte ich zum großen Schlusspathos ansetzen, als ich die letzte Karte zückte: Die Stichworte waren tatsächlich sehr, sehr schön: „1 kleiner Rehrücken, 1 Ente, 2 große Steaks, Garnelen, Artischockenherzen, Pfirsichpüree, Pesto, etc …“ . Es war die Gefrierschrankliste. Die habe ich dann nicht gepredigt. Aber ein Gottesdienstbesucher bemerkte am Ausgang , ich sei plötzlich so heiter geworden.

    Einen kleinen Hinweis habe ich heute noch: es könnte die Frage auftauchen, ob es im Leben des Pastors noch andere Themen gäbe als Hundespaziergänge und kulinarische Fragen, gelegentlich einmal unterbrochen von einem Gedicht oder einem Bibeltext. Ich kann Ihnen versichern, da gibt es noch mehr. Nur gibt es Themen, die hier nicht her gehören. Gerade heute gab es Beratungen der Pastores über die Möglichkeiten der Weihnachtsgottesdienste - die Pröpstin wird die Öffentlichkeit informieren. Ich habe heute zwei Seelsorgegespräche geführt - möchten Sie sich nach einem Gespräch mit mir auf diesen Seiten, verschlüsselt zwar - aber SIE würden sich erkennen - wiederfinden wollen? Und es gibt dienstliche Angelegenheiten, die schlichtweg vertraulich sind. Also: Es gibt sehr viel mehr - aber nicht alles gehört hier hin.

  • Sachsen hat eben dichtgemacht. Nur Lebensmittelgeschäfte bleiben offen. Auch das Statement unseres Ministerpräsidenten weckte keine Hoffnungen auf Erleichterungen. Bis zum 10. Januar bleiben die Einschränkungen, wenn sie nicht sogar verschärft werden. Morgen werden wir Pastores über die Ergebnisse der Beratungen von Landesregierung und Kirche informiert. Eine Öffnung der beiden Gottesdienste im Altstadtbad am Heiligen Abend für 250 Besucher - zur Zeit sind 100 gestattet - sehe ich gerade nicht. Heute bin ich niedergeschlagen und habe eben auch noch erfahren, dass einer der Konfirmanden in Quarantäne ist.

    Nach ja, Kopf hoch! Da war doch was am Sonntag: „Erhebet Eure Häupter!“

     

    Trost mit Christian Morgenstern

    Ein Hase sitzt auf einer Wiese,
    Des Glaubens, niemand sähe diese.

    Doch, im Besitze eines Zeißes,
    Betrachtet voll gehaltnen Fleißes

    Vom vis-a-vis gelegnen Berg
    Ein Mensch den kleinen Löffelzwerg.

    Ihn aber blickt hinwiederum
    Ein Gott von fern an, mild und stumm.

     

    Ich nehme an, ein „Zeiß“ ist ein Fernglas und hoffe, es ist nicht der Jäger, der den Hasen beobachtet. Das wäre ein fatales Bild für Gott.

  • Der Text des Wochenlieds von gestern „O Heiland, reiß die Himmel auf…“ (EG Nr. 7) stammt aus der Feder eines bedeutenden Theologen: Friedrich Spee von Langenfeld, ein Jesuit, geboren 1591, ab 1623 Professor für Moraltheologie, zunächst in Paderborn, dann in Köln und Trier, wo er 1635 starb. Er hatte erhebliche Schwierigkeiten mit seiner Kirche, weil er sich öffentlich gegen das System der Hexenverfolgungen aussprach und zahlreiche dieser bedauernswerten Frauen im Kerker und auf ihrem letzten Weg seelsorgerisch betreute. Er starb, weil er sich bei der Begleitung pestkranker Soldaten infizierte. Erst 1980 wurde sein Grab in der Trierer Jesuitenkirche identifiziert. Heute liegt er in einer Krypta in einem spätantiken Sarkophag.

    Als ich vor zwei Jahren an Spees Grab stand, ging mir die Frage nach der Gegenwart Christi in seiner Kirche nicht aus dem Kopf: 1626 wurde der barocke Petersdom in Rom, wie wir ihn heute kennen, feierlich geweiht. Friedrich Spee saß in Kerkern und versuchte, gefolterten Frauen beizustehen. Wo war damals Kirche? Wo war Christus? Wer war der wahre Stellvertreter auf Erden?

    Ein wichtiger Hinweis: Am 4. Advent, dem 20. Dezember, werde ich hier eine kleine Andacht für den Hausgebrauch am Heiligen Abend ins Netz stellen. Ich denke an alle, die am Heiligen Abend zu Hause bleiben wollen oder müssen. Es wird ein kurzes Eingangsgebet geben, zumindest die Texte von zwei Liedern, einen Psalm und ein Fürbittengebet. Die Weihnachtsgeschichte aus dem Lukasevangelium (Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot ausging … ) ist, denke ich, in den meisten Haushalten vorhanden. Eine kleine Lesepredigt wird es auch geben. Also keinen Stream oder YouTube - Film, sondern eine Andacht zum Selberhalten.

  • Das Thema des zweiten Advents ist der dritte. Wie bitte? Die westliche Tradition kennt das Thema der drei Advente: 1. Gott wird Mensch, Christus wird geboren. 2. Im menschlichen Herzen will Gott ankommen. 3. Am Ende der Zeit wird Christus wiederkommen, zu richten die Lebenden und die Toten.

    Evangelium des zweiten Advents ist der Text Lukas 21, 25 - 33. „Es werden Zeichen geschehen an Sonne und Mond, das Meer wird toben, die Himmel werden ins Wanken geraten, die Völker werden vergehen vor Furcht … . Dann wird auf einer Wolke der Menschensohn erscheinen …“. Die Paralleltexte bei Matthäus und Markus bieten dann auch noch Kriege und Seuchen auf.

    Die Prediger aller Zeiten hatten es am zweiten Advent einfach, ihre Gemeinden in diesen Text hineinzuführen. So Gregor der Große am zweiten Advent 590 in Rom. Es hatten der Küste einen Tsunami gegeben, von einer Million Einwohner waren noch fünftausend übrig. Drinnen die Pest, draußen die Langobarden. In den Jahren 1617 / 1618 , zu Beginn des dreißigjährigen Krieges tauchte im Winter ein Komet über Mitteleuropa auf. Ende des 18. Jahrhunderts brachen gewaltige Vulkane in Island und Indonesien aus - das sind die berühmten roten Himmel auf den Bildern von William Turner. Ein Kälteeinbruch, Missernten, Hungersnöte, dann die Revolution und die napoleonischen Kriege: Die Zeiten machten es den Predigern leicht, in den Text hineinzuführen.

    Mit der Wiederkunft des Herrn auf einer Wolke sah es dann nicht so eindeutig aus. er kam nicht.

    Das Geheimnis des Textes ist folgendes: „Sonne“, „Mond“ und „Himmel“ sind keine astronomischen Phänomene, das „Meer“ kein ozeangraphisches und die Wolke kein meteorologisches. Die Himmel sind Bilder für Ordnung, das Meer für das Chaos und die Wolke erinnert an jene Wolke, in der Jahwe das Volk Israel durch die Wüste geführt hatte.

    Ein Satz von Pater Mennekes hilft weiter: „Alltäglichkeit kennt keine Sehnsucht nach Erlösung“. Alltag kennt den Trott. Damit wir den Satz aus unserem Text „Seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht (LK 21, 28)“ verstehen, müssen wir erschüttert werden, unsere Gewissheiten ins Wanken geraten und unsere Gewohnheiten in Frage gestellt werden. Deshalb sind Krisen so kostbar.

    Und wir werden feststellen: Alles ist vorläufig, alles wird vergehen, doch in Gott wartet ewiges Bleiben.

    Soviel zum zweiten Advent. Zur allgemeinen Erheiterung noch ein Küchenbild. Pastor schabt Spätzle. Übrigens habe ich dann immer einen sehr andächtigen Hund. Spätzle, die zu dick geworden sind, finden nämlich ihren Weg in denselben.

  • Theologie gibt es morgen, heute ein Küchenthema: ich koche zu Weihnachten lieber für acht Personen als für zwei, aber in diesem Jahr werden wir zu zweit bleiben. Aber noch fataler ist ja die Lage all derer, die coronabedingt allein sind. Allein zu essen, ist ja ohnehin nicht das allergrößte Vergnügen und für eine Person zu kochen, ist ein Angang. Wenn ich einige Tage Strohwitwer bin, muss ich mich geradezu zwingen, mir den Tisch zu decken und etwas Vernünftiges zu kochen.

    Nun, Weihnachten 2020: Fällt Ihnen jemand ein, den oder die Sie zu Weihnachten zum essen bitten könnten? Es geht ja nicht darum, eine Familie zu gründen, sondern darum, am Tisch ein Gegenüber zu haben und jemandem ein Gegenüber zu sein.

    Ich stelle mir vor, was ich äße, wäre ich Weihnachten allein. Keine Kochorgien. Vorweg eine kalte Kleinigkeit, zum Beispiel eine dicke Scheibe Gänseleberwurst von Wittern auf dem Brink (keine Stopfleber!) oder ein paar Scheibchen Gänsebrust mit einer Handvoll Feldsalat und Johannesbeergelee. Oder eine Scheibe Räucherlachs aus der Hüxstraße. Eine heiße Suppe - für eine Person? Jetzt verrate ich mal ein Geheimnis: Die Jürgen - Langbein - Dosensuppen sind gar nicht so schlecht. Ich öffne sie  - auch bei größeren Abendessen - vormittags, kippe sie durch ein Sieb - die Einlagen sind meistens undelikat, fülle einen Teebeutel mit einigen Pfefferkörnern, einer Chili und Wacholderbeeren und lasse die kalte Suppe im Töpfchen bis zum Abend ziehen. Erhitzen - ein Schuss Sherry oder Portwein hat noch nie geschadet - fertig.

    Aber hier nun ein Rezept, das für eine, aber auch  - eines Tages wieder - für zwölf Personen völlig problemlos ist: Blätterteigschnitten:

    Ich nehme fertigen Blätterteig - achten Sie darauf, dass er mit Butter und nicht mit Palmfett hergestellt ist (Tante F… z.B.). Dann mörsere ich - je nach den Terminen am folgenden Tag - reichlich Knoblauchzehen. Den Blätterteig steche ich mit einer Gabel ein und bestreiche ihn lieber dick als dünn mit dem Knoblauch. Dann verteile ich Tomatenscheiben auf dem Teig, salze und pfeffere. Es folgen Stückchen von weichem Ziegenkäse und Thymianblättchen, frisch oder trocken. Erfahrene Esser geben dann noch Sardellenfilets drauf. Ein paar Tropfen Olivenöl, ab in den vorgeheizten Ofen - Ober/Unterhitze 200 Grad. Nach ungefähr 20 Minuten ist die Sache fertig.

    Lecker!

  • Der Tag begann mit einem spektakulären Himmel: Als ich kurz vor 8.00 Uhr aus dem Fischgeschäft in der Hüxstraße heraustrat, bot sich Moose und mir ein erstaunliches Schauspiel: Der Himmel war blau und die feinen Cirruswolken wurden von der gerade aufgehenden Sonne von unten angestrahlt und leuchteten in rosa und rot; es war der klassische „das Christkind backt Plätzchen - Himmel“. Als ich auf dem Weg nach Hause in die Straße Balauerfohr einbog, war der Zauber schon vorbei.

    Und noch ein Wunder: Karstadt bleibt! Wie ich mich für die Angestellten freue. Das ist doch einmal ein Weihnachtsgeschenk! Übrigens weiß ich gar nicht, wann ich zuletzt eine Dankekerze und keine Bittekerze vor dem Christus in der Kirche aufgestellt habe. Die letzte Bittekerze hatte ich gestern, zur Zeit der Schweigeminuten in Trier in Aegidien angezündet.

    Heute Nachmittag habe ich auf der Hunderunde Barbarazweige gekauft. Im Blumenladen dachte ich, statt eines braven Labradors wären zwei Dobermänner auch nicht schlecht, um Abstände einzuhalten.

    Barbara - die katholische Kirche hat sie als erfundene Gestalt aus dem Heiligenkalender gestrichen. Aber gerade diese Gestalten sind oft bedeutend. Die Geschichte in Kürze: Der heidnische Vater sperrt die lebendige junge Frau in einen Turm, sie wird Christin, schlägt drei Fenster - Dreieinigkeit! - in die Badezimmerwand, sie flieht, wird verraten, der Vater übergibt sie dem Richter, sie wird entsetzlich gefoltert, ein Engel heilt ihre Wunden und reicht ihr das Abendmahl, der Vater köpft sie eigenhändig und wird prompt vom Blitz erschlagen.

    Einige Hinweise zum eigenen Bedenken der Gestalt: „Barbara“ - die Fremde, die Nichtgriechin, die Wilde, „Barbarin“; sie wird eingesperrt, doch findet sie Fenster. Was haben wir in uns eingesperrt? Was will Fenster haben?

    Es gibt dunkle Nächte - die dunkelsten stehen uns bevor uns es wird kälter. In dieser Situation stelle ich die Barbarazweige in eine Vase. Sie werden blühen, wenn die Welt am dunkelsten ist. Kälte und Erstarrung - ich sehe manche Ehe, manches Berufsleben, manch leeren Alltag: Doch da ist noch Kraft verborgen. Ein Erwachen, Aufblühen ist möglich. Barbara trägt immer grüne Gewänder.

  • Da haben wir nun den Salat: Der „lockdown - light“ wird verlängert bis zum 10. Januar - zunächst. Machen wir das Beste draus. Allerdings bemerkte ich heute Nachmittag auf dem Rückweg der Hunderunde bei mir zwischen Holstentorplatz und Marktplatz einen Höchststand an innerem Unwillen gegenüber Menschen ohne Maske und besonders gegenüber Menschen ohne Maske mit Zigarette  - ich habe jahrelang selbst mehr oder weniger ununterbrochen geraucht - oder Pappkaffeebechern.

    Ablenkung: Hier eines meiner liebsten Gedichte des alten Fontane:

    Ein Chinese (´s sind nun schon an zweihundert Jahr)
    In Frankreich auf einem Hofball war.
    Und die einen frugen ihn: ob er das kenne?
    Und die andern fragen ihn: wie man es nenne?
    „Wir nennen es tanzen“, sprach er mit Lachen,
    „Aber wir lassen es andere machen.“

    Und dieses Wort, seit langer Frist,
    Mir immer in Erinnerung ist.
    Ich seh das Rennen, ich seh das Jagen,
    Und wenn mich die Menschen umdrängen und fragen:
    „Was tust du nicht mit? Warum stehst du beiseit?“
    So sag ich: „Alles hat seine Zeit.
    Auch die Jagd nach dem Glück. All derlei Sachen,
    Ich lasse sie längst durch andere machen.“

    Heute früh übrigens eine unheimlich Situation: auf den Bäumen zwischen Possehl- und Lachswehrbrücke saß ohrenbetäubend lärmend ein Schwarm von mehr als 1000 Krähen. Wer jemals Hitchcocks „Die Vögel“ gesehen hat, weiß, warum mir das unheimlich vorkam - andere Hundehalter guckten auch eher beunruhigt nach oben. Ich erinnere mich daran, wie im vorigen Jahr ein Trupp Krähen die Gärten unserer Pastorate (großartig: mein Rechtschreibprogramm will „Pastasorte“ statt „Pastorate“) geradezu systematisch nach Nestern und Gelegen kleinerer Vögel abgesucht hat. Als sie dann eine Kohlmeisenbrut fanden und zerlegten, war erstmal Schluß mit meiner Sympathie für die klugen schwarzen Vögel.

  • Heute früh bin ich um 6.20 Uhr mit dem Hund aufgebrochen, weil ich schon um 8.30 Uhr in der Kirche sein wollte. Und eine Stunde soll Moose morgens schon bekommen - und eine Stunde brauche ich dann für mich.

    Es war noch stockdunkel und außer einem Jogger ist uns auf unserer Strecke Krähenteich, am Kanal bis zur Possehlbrücke, am Stadtgraben entlang bis zum Holstentorplatz kein Mensch begegnet. Moose ist bei Dunkelheit geradezu wachsam, jedenfalls viel aufmerksamer als im Hellen. Zeit zum Nachdenken:

    Wie schlimm war nun eigentlich der Ausfall unserer großen Novemberreise nach Myanmar und Thailand? Der Schmerz hielt sich in Grenzen. Es gab trübselige Augenblicke, an meinem Geburtstag etwa, den ich eigentlich in einem bestimmten Restaurant in Yangon hätte feiern wollen. Ulli hatte zwar auch Urlaub, hatte aber eine Fortbildung gebucht, so dass ich etwas verloren in der Wohnung hockte. Aber die Erde drehte sich weiter.

    Geholfen hat mir die Aufmerksamkeit für Kleinigkeiten. Bei den Hunderunden mal ein Eisvogel, mehrere Zaunkönige, ganze Geschwader jagender Kormorane, einmal ein Seeadler. Aufmerksamkeit auch für bestimmte Tätigkeiten. Das alte Japan kennt das gut. Simple Dinge wie ein Schöpflöffel aus Bambus, eine Teeschale aus Keramik oder eine Bambusmatte wurden über Jahrhunderte von Handwerkern so perfektioniert, dass sie nicht mehr zu verbessern sind. Wie lange muss ein japanischer Kochlehrling Gemüse putzen, bis er zum ersten Mal in die Nähe eines zu filettierenden Fisches kommt … .

    Im Frühjahr hatte ich mir beigebracht, italienische Eiernudeln mit dem Nudelholz herzustellen. Es gab Anfängerglück, Fehlschläge, unpastörliche Flüche, allmähliche Fortschritte. Inzwischen geht es ganz fix von der Hand. Innerhalb einer halben Stunde - ohne das Ruhen der Teigkugel - kann ich eine ordentliche Platte mit dampfender Pasta mit Sahne, Butter und Parmesan auf den Tisch bringen. Tiefe Zufriedenheit.

    Jetzt ist eine Kindheitserinnerung an der Reihe: Mein Vater hatte einen Kriegskameraden, der in Esslingen bei Stuttgart lebte. Jeden Herbst waren wir für zwei Wochen in Schwaben. Dort stand - der Name ist echt - Oma Bemsel täglich in der Küche und schabte Spätzle von einem Brett in köchelndes Wasser. Tagaus, tagein hat sie das fast 80 (!) Jahre täglich gemacht. Für uns Norddeutsche gab sehr seltsame Gewohnheiten: Neben den Spätzle gab es zu jedem Essen einen grünen und einen Kartoffelsalat mit Essig und Öl. Sehr merkwürdig war das. Aber an den Geschmack von Oma Bemsels Spätzle erinnere ich mich bis heute.

    Also nun: Ich werde mich ans Spätzleschaben machen und das so lange, bis ich es kann. Aufmerksamkeit für das Kleine … . Ich glaube, von Josef Beuys stammt der Satz: „Wenn man sich jeden Morgen als erste Handlung ein Glas klares Wasser einschenkt und es trinkt, ist es nach zehn Jahren Kunst geworden“.

  • Drei Momente haben mich heute bewegt. In der Frühe, als ich die Herrnhuter Losung für heute las, dachte ich: „Nun, nicht gerade spektakulär für den 1. Dezember“. Sie lautet:

    Der Herr sprach zu Isaak: Bleibe als Fremdling in diesem Lande, und ich will mit dir sein und dich segnen. (1. Mose 26, 3)

    Erst später, am Kanal, ging mir die überraschende Pointe dieser scheinbar unscheinbaren Verheißung auf: Es ist die Beziehung von fremd bleiben und gesegnet werden. Üblicherweise verbinde ich „gesegnet sein“ mit wohligem sich eingerichtet haben, bleiben, Dauer. Hier aber nun genau andersrum: Richte dich nicht ein! Mach dich nicht gemein! Bleibe fremd! - und ich werde bei dir sein und du gesegnet werden.

    Der zweite Moment war die Begegnung mit den Konfirmanden: Der Kirchenkreis rät zur Zeit - mit Gründen - von realem Konfirmandenunterricht ab. Ich habe nun die jungen Leute gefragt, was wir tun sollen. Es gebe zwei Möglichkeiten: Entweder wir sehen uns bis in den Januar hinein nicht, ich würde sie aber wöchentlich mit einer Mail versorgen. Oder aber: Wir treffen uns weiterhin wöchentlich - zu einer halbstündigen Andacht in der Kirche - mit Abständen und Masken, ich erkläre ihnen das Thema des vorigen Sonntags, wir sprechen ein Fürbittengebet und das Vaterunser, zum Ende werden sie gesegnet.

    Das Votum war einstimmig (27 Konfirmanden in zwei Gruppen) es sollen die Andachten sein. Ich bin beeindruckt und gerührt. Was für tolle junge Leute! Welch ein beneidenswerter Pastor!

    Der dritte Moment: Eben haben wir in der Konfirmandenandacht für die Opfer der Amokfahrt in der Trierer Innenstadt gebetet und ich lade Sie, liebe Leserinnen und Leser, herzlich ein, das gleiche zu tun. Und wenn Sie die Weite haben, auch für den Täter - ich habe diese im Moment nicht.

     

  • Wenn man am Sonntag gepredigt hat, ist traditionell der Montag der Pastorensonntag. Trotzdem ein Tag, der dunkelgrau begann, sich zu helldunkelgrau steigerte und nun im leichten Nieselregen stockdunkel endet.

    Drei Waffen gegen den Trübsinn - und es herrscht Trübsinn in der Stadt. Nur bei Karstadt beginnt sich schnäppchenjagender Geierfrohsinn auszubreiten. Schlussverkauf … .

    1. Heute habe ich mehrmals auf die Frage, wie es mir gehe, geantwortet: „Es sind seltsame Tage, aber es geht mir gut“. Erstaunte und auch erfreute Reaktionen. „Das ist ja einmal schön zu hören, Herr Baltrock“. Machen wir uns Mut in blöder Zeit.

    2. Der erste Grünkohl des Jahres, nein, dieses Halbjahres köchelt in der Küche im 12-Liter-Topf. Wissen Sie / wißt Ihr, wie man die fette geräucherte Schweinebacke zum Grünkohl in Lübeck nannte? „Marzipanfleisch!“ Ist das nicht schön?

    3. Mir fiel vorhin beim Staubwischen meine geliebte Hadriansbiographie von Marguerite Yourcenar vor die Füße. Sie lässt den greisen, sterbenden Kaiser sinnieren:

    „Das Leben ist grausam; wir wissen es. Doch eben weil ich mir in unserer menschlichen Lage wenig verspreche, erscheinen mir die Zeiten des Glücks, die einzelnen Fortschritte, die Anläufe zu neuem Beginnen und zur Stetigkeit wie ebensoviele Wunder, die beinahe (Baltrock) die ungeheure Masse von Leiden, Rückschlägen, Versäumnissen und Fehlern aufwiegen. Es werden Katastrophen kommen und Verheerungen; die Unordnung wird siegen, von Zeit zu Zeit aber auch die Ordnung. Zwischen Reihen von Kriegen wird sich immer wieder der Friede durchsetzen; die Worte Freiheit, Menschlichkeit und Gerechtigkeit werden bisweilen wieder den Sinn erlangen, den wir ihnen zu geben bestrebt waren. Nicht alle unsere Schriften werden verlorengehen; man wird unsere zerbrochenen Statuen instand setzen; aus unseren Kuppeln und Giebeln werden andere Kuppeln und Giebel entstehen. Es wird immer einige Menschen geben, die denken, arbeiten und fühlen wir wir: Ich, wage es, auf diese Fortführenden zu zählen, die in unregelmäßigen Abständen längs der Straße der Jahrhunderte stehen, auf eine Unsterblichkeit, die, oft aussetzend, dennoch überlebt. Wenn sich die Barbaren je der Weltherrschaft bemächtigen sollten, würden sie manche unserer Methoden annehmen müssen und schließlich uns ähneln“.

    Mich trösten diese Zeilen in diesen unruhigen Zeiten.

  • Vorhin nach knapp vier Wochen Urlaub der erste Gottesdienst. Eine fabelhafte Andrea Stadel sang Bach und Händel und ausgebucht waren wir auch. Wie die Predigt war, müssen andere bewerten.

    In der Vorbereitung hatte mich eine abgelegene Stelle (21, 11 + 12) im Buch Jesaja fasziniert:

    „Wächter, ist die Nacht bald hin? Wächter, ist die Nacht bald hin?
    Der Wächter aber sprach:
    Wenn auch der Morgen kommt, so wird es doch Nacht bleiben.“

    Der Morgen kommt, doch es bleibt Nacht. So ist das mit Advent und Weihnachten. Es bleibt nicht stockdunkel, die Dunkelheit wird auch nicht von Licht abgelöst, im Sinne von: Jetzt ist alles gut. Die erste Variante wäre trostlos, die zweite blauäugig. Sondern: Es wird Licht im Dunkel.

    Ein einleuchtendes Bild für das „Trubelfasten“ ist mir vorige Woche bei einem sehr frühen Hundespaziergang aufgegangen. Im Dunkeln konnte man am Kanal Sternbilder sehen, auf dem Marktplatz war das wegen des ausgespannten Lichternetzes unmöglich. Die Beleuchtung ist sehr stimmungsvoll, aber sie nimmt eben auch etwas. Eines ist mir während des Predigens heute klar geworden. Wir werden die Situation dieser Wochen nicht einfach ignorieren oder ändern können. Aber wir können das Beste aus diesen Tagen machen. Zum Beispiel in der Küche.

    Schnelle Nervennahrung für Erwachsene (süß!)

    250 g Ricotta
    100 g Schlagsahne
    50 g Puderzucker
    30 ml brauner Rum

    Alles verrühren und kalt stellen. Zum Servieren zerkrümelte Amaretti darüber streuen und eingelegte Amarenakirschen oder frische Beeren reichen.

    Die Reste des Desserts überleben bei mir übrigens im Kühlschrank nie die Nacht.

  • Heute früh schon um 8.15 Uhr auf dem Brink. Wieder bemerkte ich bei mir eine gesteigerte Gereiztheit angesichts plauschender Grüppchen und völlig unentschlossener Kunden in den Schlangen vor mir. Diese Tage machen etwas mit uns. An mir beobachte ich eine gewisse Dünnhäutigkeit und das Erwachen des kleinen Blockwarts in mir angesichts mancher Maskenverweigerer. Soviel Asthma kann es in Lübeck nicht geben.

    Vor einer Stunde hätte der Adventsbasar in der Kirche beginnen sollen. Für die Kinder und manche allein lebende Alte tut mir die Absage leid. Es stimmt mich nachdenklich, wie ich hier nun schreibend sitze anstatt mich mit mehreren hundert Menschen im Kirchenraum zu tummeln. Aber nur schrecklich ist es auch nicht. Trubelfasten eben. Manches alljährliche Spektakel klappert auch deshalb, weil man der eigenen Leere nicht gewahr werden will. Das gilt auch für kirchliche Aktivitäten. Wir haben auch die Wohnungsdeko etwas herunter gefahren. Vielleicht eröffnet dieser Advent und das kommende Weihnachtsfest auch eine neue Konzentration auf das, worum es geht

     

    Aber nun: Morgen ist der 1. Advent: Evangelisches Gesangbuch, Lied 1:

    Macht hoch die Tür, die Tor macht weit, es kommt der Herr der Herrlichkeit,
    ein König aller Königreich, ein Heiland aller Welt zugleich,'
    der Heil und Leben mit sich bringt, derhalben jauchzt, mit Freuden singt:
    Gelobet sei mein Gott, mein Schöpfer reich von Rat.

    Er ist gerecht, ein Helfer wert, Sanftmütigkeit ist sein Gefährt,
    sein Königskron ist Heiligkeit, sein Zepter ist Barmherzigkeit;
    all unsre Not zum End er bringt, derhalben jauchzt, mit Freuden singt:
    Gelobet sei mein Gott, mein Heiland groß von Tat.

    O wohl dem Land, o wohl der Stadt, so diesen König bei sich hat.
    Wohl allen Herzen insgeheim, da dieser König ziehet ein.
    Er ist die rechte Freudensonn, bringt mit sich lauter Freud und Wenn.
    Gelobet sei mein Gott, mein Tröster früh und spat.

    Macht hoch die Tür, die Tor macht weit, eu´r Herz zum Tempel zubereit´.
    Die Zweiglein der Gottseligkeit steckt auf mit Andacht, Lust und Freud;
    so kommt der König auch zu euch, ja, Heil und Leben mit zugleich.
    Gelobet sei mein Gott, voll Rat, voll Tat, voll Gnad.

    Komm, o mein Heiland Jesu Christ, meins Herzen Tür die offen ist.
    Ach zieh mit deiner Gnade ein, dein Freundlichkeit auch uns erschein.
    Dein Heilger Geist uns führ und leit den Weg zur ewgen Seligkeit.
    Dem Namen dein, o Herr, sei ewig Preis und Ehr.

     

    Aus einer Torliturgie des Jerusalemer Tempels im Alten Israel (Psalm 24) wurde dieser bekannte Choral, der als Lied Nr. 1 unser Gesangbuch eröffnet.

    Die „Zweiglein der Gottseligkeit“ sind übrigens der festliche Blumenschmuck des Tempels.

    Mich fasziniert an diesem Lied der Weg vom Einzug Gottes in die Welt hin zu seinem Einzug in mein Herz, das seine Tür ihm öffnet.

    Morgen ist der 1. Advent!

  • Heute früh war es zum ersten Mal in diesem Herbst noch stockfinster, als ich um kurz nach sieben Uhr mit dem Hund aufbrach. Dichter, nasser Nebel lag über allem - man sah die gegenüberliegende Kanalseite nicht. Nach unserer 90 - Minuten - Runde kamen wir aus der Annenstrasse und in unserem Wohnzimmer leuchtete der Herrnhuter Stern. Tröstlich. Nach der Fütterung des Raubtiers ging ich durch die Wohnung und sah hier Engelkapelle, dort Girlanden über den Türen und die Weihnachtssterne - die ich übrigens nie länger als zwei Wochen am Leben halte. Bei denen habe ich einen braunen Daumen. Ulli Gebauer sagt lakonisch: „Weihnachtsstern hält wie Blumenstrauss“.

    So sinnierend stellte ich fest, dass es uns gut geht. Hund, warme Wohnung, es gibt Lebensmittel, ich kann kochen, ich kann lesen. Und so sehr wird sich unser Weihnachten nicht von den vorigen unterscheiden. Nun, keine 1200 Menschen am Heiligen Abend um 17.00 Uhr in der Kirche, aber - wenn alles gut geht - zwei Mal 250 im Krähenbad open air.

    Dann drei Weihnachtsgottesdienste am 25., am 26. und 27. in der Kirche. Ich nehme es in diesem Jahr als Trubelfasten. Alles ein wenig kleiner, stiller, vielleicht auch inniger.

    Heiligabend nicht zu acht an der festlichsten Tafel des Jahres, sondern zu zweit - aber der Hund kriegt seinen mit Käse gefüllten Markknochen wie jedes Jahr.

    Und ich freue mich wie Bolle auf den Gottesdienst übermorgen zum 1. Advent. Die Predigt nimmt Gestalt an. Ich merke: der Advent kann kommen - ich scharre mit den Hufen.

     

  • Heute Vormittag habe ich auf dem Brink den Adventskranz abgeholt. Wie in den vergangenen Jahren haben wir einen großen Kranz mit vier weißen Kerzen ohne weitere Deko. Für den Transport habe ich einfach meinen Kopf und einen Arm durch den Kranz geschoben und bin mit dieser Tannenschärpe nach Hause gestapft - ich sah wahrscheinlich einem siegreichen Turnierpferd ähnlich. Zumindest lächelte die meisten Passanten, die mir entgegen kamen. Eine Dame bemerkte, es fehle noch ein goldenes Mäntelchen - es stimmt, auch Boxer tragen manchmal ihre Kränze auf diese Art.

     

     

Ein Zwergtaucher
Die Hochzeit zu Kana, Paolo Veronese (Quelle: Wikipedia)
Battisterio Neoniano in Ravenna (Quelle: Wikipedia)
Der Arbeitsplatz
Der Columba-Altar (Quelle: Wikipedia)
Die Barbarazweige
D. Ghirlandaio - ritratto di nonno con nipote (Quelle: Wikipedia)
Steinbutt
Filets
Der Weihnachtsbaum
Der Weihnachtsbaum im Annenmuseum
4. Advent
gespickte Orange
Puntarelle
3. Advent
Pastor und Spätzle
1. Advent