In Zeiten von Corona - Einfälle, Gedanken, Impulse

Am 15. März 2020 hat der Kirchengemeinderat von St. Aegidien beschlossen, sämtliche Gemeindeveranstaltungen, seien es Gottesdienste, Gemeindefeste, Konzerte oder Konfirmandenuntericht, zunächst bis zum 30. April auszusetzen.

An dieser Stelle schreibt Pastor Thomas Baltrock eine Art loses Tagebuch über diese besondere Zeit.

 

Diese Seite wird fast täglich ergänzt.

 


Sonntag, 29. März

Nachtrag: Als ich den Papstsegen nochmal im Internet sah, fiel mir die Ikone auf, vor der er  in St. Peter betete: Es ist tatsächlich die berühmte byzantinische Ikone aus Santa Maria Maggiore namens „salus populi romani“ - „das Heil des römischen Volkes“. Was das Palladium für Troja war - erst nachdem die Griechen es geraubt hatten, konnten sie die Stadt erobern - ist diese Ikone für Rom. Wenn sie in den Vatikan gebracht wird, ist es ernst.

Diskussionen, wann man denn die Kontaktbeschränkungen wieder aufheben könne, haben begonnen: da fällt mir ein: Augustinus hat im höheren Alter eine kleine Schrift verfasst „de dono perserverantiae“ -„über die Gabe der Beständigkeit / des Durchhaltens“: Sich bekehren, neu aufzubrechen, Dinge beginnen - das ist das eine und kann als Geschenk, als Gnade verstanden werden; aber „Durchhalten“ ist dann eine andere Hausnummer. Diese mühsame Üben, Üben, Üben - auf Altgriechisch heißt Üben übrigens „Askesis“ - oder Trainieren, am Ball bleiben. Fähigkeiten durch Wiederholen erlernen, bis sie im Rückenmark angekommen sind und völlig absichtslos und leicht von der Hand gehen. Die japanischen Künste verstehen viel davon, ich fürchte mehr als europäische Bildungstheoretiker. Und wenn, sehe ich diese Praktiken eher noch in alten Handwerken gegenwärtig als auf unseren Gymnasien und Universitäten. 

Der Gigant unter den Texten des heutigen Sonntags „Judica“ ( Schaffe mir Recht, Gott (aus Psalm 43)) ist die alttestamentliche Lesung, 1. Mose 22, die Opferung Isaaks: Gott stellt Abraham auf die Probe; er befiehlt ihm, seinen Sohn zu opfern. 

Man kann sich vor diesem Text retten, indem man sagt, er gehe ja gut aus. Isaak lebt, weil Gott einen Widder als Ersatz schickt. Schwacher Trost. Ein Gott, der einem Vater befiehlt, als Probe seines Glaubens den eigenen Sohn zu schlachten - denn darum geht es: die Kehle durchschneiden und dann verbrennen - ist für mich kein mögliches Thema der Verkündigung. Ähnlich übrigens der Beginn des Buches Hiob: Satan flüstert Gott zu, Hiob sei nur fromm, weil er gesund und reich an Vieh und Kindern sei. Gott sagt dann: „mach mal!“ - der Mensch als Laborratte Gottes.

Hinter dem Text steht wohl auch die Ablehnung der Kinderopfer durch den Verfasser des Textes. Im alten Israel wurden gelegentlich Kinder geopfert. 2. Buch der Könige 16, 3: König Ahas von Juda „ließ seinen Sohn durch das Feuer gehen“. Damit hätte man zumindest einen humanen Aspekt des furchtbaren Textes zu fassen: Warum verlangte auch Jahwe einst die Opferung der männlichen Erstgeburt, nun aber nicht mehr? 

Ein zweites: „Isaak“ ist nicht einfach nur Kind und Sohn, er ist spät geborener Träger der Verheissung Gottes für Abraham - „Ich will Dich zu einem großen Volk machen und Du sollst ein Segen sein …“. Dann stünde hinter unserem Text die Botschaft: „Gib auf, worauf du meinst, deine Zukunft gründen zu können - vertraue mir, meine Gedanken sind nicht deine, meine Wege nicht die deinen."

Aktuell: Rituelle Kinderopfer im Reich der Religionen sind eher selten geworden. Doch es gibt sie in anderen Zusammenhängen:

Eltern, die ihre Kinder den eigenen nicht erfüllten Träumen opfern. In den USA diese „Little Miss sowieso“ - Wettbewerbe. Aber auch bei uns. Da wird nicht nur ermuntert, erzogen und ermöglicht, sondern manchmal auch gnadenlos gedrillt. „Mein Kind soll es einmal besser haben als ich“. Sport und Künste werden so pervertiert zu sekundären Selbstbefriedigungen frustrierter, ehrgeiziger Erwachsener, die ihre eigenen Züge längst abgefahren wissen. Das ist dann nicht weiser als der Unsinn mancher Rassehundeschau: „Meinem Tier macht das Spaß!“ Auch diese Kinder gucken oft so traurig … .

Ankündigung:

An den Feiertagen der Heiligen Woche werde ich an dieser Stelle Überlegungen, Meditationen und Predigten veröffentlichen: Palmsonntag, Gründonnerstag, Karfreitag um 10.00 Uhr und zur Sterbestunde um 15.00 Uhr, Osternacht, Ostersonntag und Ostermontag - Der Herr gebe mir das Geschenk des Durchhaltens!

 

 

  • Gestern ein Versehen: Es geht um Niederegger. Ich hatte durch einen Anruf den Faden verloren. Also: In den vergangenen Tagen habe ich freien Stunden Shakespeares „Richard III“ gelesen. Seit Jahren liegt das kleine zweisprachige Reclamheft als Vorwurf im Bücherregal. Der Text hat mich zwischenzeitlich erschüttert. Dieser Eigennutz, diese Niedertracht, diese Intrigen, Lügen und Morde eines Mächtigen und seiner Kumpane: Gottseidank ist das alles 500 Jahre her … . 

    Nun, dann griff ich gestern zum „Othello“ - und jetzt kommt Niederegger ins Spiel: Es gab dort eine fette  - Frau Deecke hätte gesagt „wehrsame“ - Buttercremetorte, die hieß „Mohrenkopftorte“ - die gibt es nicht mehr. Das Teil ist umgetauft zur „Othellotorte“. „Othello, a noble moor in the service of the Venetian State“ heißt es in dramatis personae  meiner Ausgabe. Schon schräge.

    Heute vormittag wieder absurdes Schlangenballet auf dem Brink - ich war um 8.00 Uhr da, hatte aber offenbar nicht als einziger diesen klugen Einfall. Innerhalb der Reihen wurden vorbildlich die Abstände eingehalten - das ist auch klasse, zu sehen, wie das funktioniert. Leider wurde die Lage durch die Nähe der verschiedenen Schlangen zueinander ein wenig konterkariert.

    Man sieht mehr Atemschutzmasken als noch vor einer Woche.

    Unsere Kirche wird nun geschlossen. Unser Küster ist krank und wir können für jene zwei bis drei Besucher pro Tag - ich wohne gegenüber und habe von meinem Sekretär den Eingang im Blick - die Kirche nicht beaufsichtigt - ok: die Kirche stellt nichts an - „bewacht“ offen halten können. Gemeinschaft der Innenstadtkirchen: Dom, Marien und Jakobi sind offen zu Andacht und stillem Gebet. Wie schön, dass wir nur wenige Minuten auseinander liegen.

    Ich habe mir vorgenommen, auch in der geschlossenen Kirche ab Palmsonntag den Altar liturgisch zu richten. Auch wenn keiner guckt. Violett, weiß, schwarz, weiß. Zwei Leuchter, keine Leuchter, sechs Leuchter. Riten dürfen  - wenn möglich - nicht unterbrochen werden.

    Berührt hat mich der Segen „urbi et orbi“ des Papstes auf dem leeren, verregneten Petersplatz. Ich kenne die strukturellen Schwierigkeiten der katholischen Schwester - deshalb bin ich ja evangelisch, doch mir hat der Segen dieses traurig - freundlichen alten Mannes gut getan. Als er den Segen sprach und das Kreuz schlug, habe ich mich vor dem Fernseher auch bekreuzigt. War angekommen!

    So: Morgen, Sonntag Judica; da gibt es hier ein wenig Theologie!

     

  • Wieder ein strahlender Tag. Irgendwie ist dieser Himmel ein Affront für alle, die sich sorgen um die Gesundheit und das finanzielle Überleben. 

    Heute Nachmittag war die Hunderunde geradezu gespenstisch: Am Kanal habe ich an kaum einem sonnigen Ostersonntagsnachmittag so viele Menschen gesehen wie heute: Junge Familien, Jogger, Mütter mit Kinderwagen, Rentner und Alkis auf den Bänken - keine großen Partygruppen, aber ich war irritiert. Es kann doch nicht gemeint sein, dass es jetzt voller ist als sonst. Ich war ja schon froh, wenn ich die JoggerInnen hinter mir an ihren Tritten bemerkte und nicht an ihrem rasselnden Atem. 

    Vorhin war ich nochmal in der Stadt, um bei Niederegger Ostereier versenden zu lassen. Das Gegenteil vom Kanal - ich war der einzige Kunde. 

    Was gut funktioniert in unserem Viertel ist die Nachbarschaftshilfe. Wir sind hier relativ wenig angewiesen auf digitale Hilfsplattformen - man kennt seine Nachbarn und Nachbarinnen. Das mag aber von Stadt zu Stadt und Stadtteil zu Stadtteil unterschiedlich sein. Ich finde ja wenige soziale Phänomene peinlicher als gut gemeinte Angebote - in der Politik haben wir das gelegentlich: da werden große Geldsummen bereit gestellt, aber einfach nicht abgerufen, warum auch immer. „Vielen Dank, junger Mann“ sagt die alte Dame „aber eigentlich wollte ich gar nicht über die Straße“.

    Der Jesuit Oswald von Nell-Breuning, Theologe und Nationalökonom, hat das Prinzip der „Subsidiarität“ entwickelt und entfaltet, kurz: was man auf einer niederen Ebene regeln kann, muss nicht von einer höheren Ebene geregelt werden.

    Spaß zum Schluss: Heute vormittag die erste Videokonferenz meines Lebens; eine banale Lehre: Es ist gaaaanz wichtig, was man im Hintergrund seines Arbeitszimmers / Büros / Wohnzimmers zeigt. Bücher gehen immer, klar, aber welche Bilder?

     

  • Es hageln die Hochzeitsabsagen nur so herein. Für uns als Kirchengemeinde sind das eben zu streichende Termine, für die Paare herausfordernde und enttäuschende Entscheidungen. Und mir als Pastor tun die Paare richtig leid. Was ich auch bedauere, ist, dass wir uns nicht abends mal zusammen setzen können, um zu reden. Kontaktsperre eben. 

    Mir fehlen die Sonntagsgottesdienste, mir fehlt die Vorbereitung auf die Osterfeierlichkeiten, die Osterfeierlichkeiten selbst fehlen mir schon, mir fehlten vorgestern die Konfirmanden und die Konfirmation, die für den 10. Mai geplant war und nun auf den 30. August verschoben ist, fehlt mir auch.

    Pastorenleid, Pastorenfreud: Die meisten Rückmeldungen auf die bisher geschriebenen Texte gab es auf - das Tomatensaucenrezept! 

    Auf dem Hundespaziergang: „Das ist mir zu buttrig, ich koche ja eher mit Olivenöl“. Nun - Marcella Hazan kommt aus der Emilia Romagna, Metropole Bologna: „Bologna, la dotta, la rossa, la grassa“ - Bologna, die gelehrte (Universität), die rote (Politik), die fette (Küche).

    Wenn gewünscht, liefere ich in diesen Tagen, in denen viele von uns ein wenig mehr Zeit haben, das einzig wahre Rezept für ragù alla bolognese. (Als liberaler Theologe kann man bei Marcella lernen, was „wahre Lehre“ ist: So geht das. Und nicht anders).

    Auf dem Brink: „Wir haben Marcellas Tomatensauce gekocht, waren etwas skeptisch wegen der Buttermenge, aber Herr Baltrock, wie köstlich ist das denn. Wie entsteht dieser Geschmack?“

    Marcella eben.

     

    Ärger in der Hüxstrasse; die Presse hatte berichtet, dass alle Geschäfte in dieser „beliebten und sonst belebten Einkaufsstrasse geschlossen hätten. Unsinn! Vier Lebensmittelläden - Fisch, Nobelfutter, eine Bäckerei und Portugal - sind offen und keiner kommt. 

     

    Noch einmal Nervennahrung - ohne Butter?

    Pro Person - als Vorspeise oder kleine Leckerei - eine grosse Biozitrone halbieren, auspressen, die  Enden abschneiden und die so entstandenen Halbkugeln in Muffinförmchen aus Papier setzen. Backofen auf 200 Grad Ober/Unterhitze vorheizen. In jede halbe Zitrone nun 1 Stück Büffelmozzarella, eine halbe Kirschtomate, 1 halbes Sardellenfilet, ein Blatt Basilikum, eine  - tatsächlich - eine Kaper und nochmal ein Stück Büffelmozarella. Für 15 Minuten in den Ofen. Mit warmem Weissbrot servieren. Das Zitronenaroma hat den Käse durchzogen, etwas Flüssigkeit ist ausgetreten. Stippen. 

    Den Zitronensaft fülle ich in Eiswürfelformen und friere ihn ein. Wenn gefroren, kommt er in Beutel. Die Würfel kann man immer brauchen.

     

    Nein! Heute keine Coronakommentare; ich denke, wir werden dafür Zeit genug haben.

     

  • An diesem weiteren strahlend schönen Tag nochmal ein Text vom Sonntag: Zur Herrnhuter Losung aus Daniel war ausgesucht worden als neutestamentlicher Lehrtext ein Vers aus dem Kolosserbrief: „In Christus liegen verborgen alle Schätze der Weisheit und der Erkenntnis“. 

    Es gibt einen Gott im Himmel voller Geheimnisse. Ok. Und dann kommen Platon, Aristoteles, Kant, Hegel und all die anderen großen Denker - die ich übrigens ansatzweise kenne und schätze.

    Doch dann weist uns dieser kleine Vers auf jenen seltsamen, unscheinbaren Mann aus Nazareth: In ihm ist alles, was wichtig ist, in seinen Worten und seinem Schicksal. Das lenkt mein Interesse von der spekulativen Philosophie zur Exegese: Jedem Wort, das da steht, nachspüren. Was bedeutet das? 

    Die Losung von heute ein Spielverderber der Postmoderne - die ja noch immer in einigen halbintellektuellen Kreisen zuckt: Der Prophet Jesaja spricht: „Wie kehrt ihr alles um! Als ob der Ton dem Töpfer gleich wäre, dass das Werk spräche über seinen Meister: Er hat mich nicht gemacht! Und ein Bildnis spräche von seinem Bildner: Er versteht nichts!“

    Anything goes? Nun, ich denke, es gibt das sozial definierte Geschlecht (gender), doch es gibt auch noch die unter Wirbeltieren meistverbreitete natürliche Polarität „Männlich - Weiblich“ (sex).

    PS.: Ich weiß, das manche Zackenbarsche ihr Geschlecht ändern.

    PPS.: Olympia 2020 ist also erstmal abgesagt. Was für ein Krampf. Was muss man eigentlich mitbringen, um IOC - Präsident zu werden? Verfallen dann auch alle Schmiergelder, Provisionen und kleinen Geschenke, die es nachgewiesen in der weltweiten Sportfunktionärselite natürlich nicht gibt, als Phantasie in meinem kleinen Kopf allerdings schon. 

    Mit tun die Athleten leid, die jahrelang auf eine Höchstform im Sommer 2020 hintrainiert haben. Es geht ja nicht nur um Sponsorenverträge, sondern um Träume.

  • Heute habe zum ersten Mal erlebt, dass es wegen der Krise Konflikte gab: Auf dem Klingenberg saßen und standen bei strahlend blauem Himmel 20 - 25 Suchtkranke beieinander. Meistens Männer, 2 oder 3 Frauen, niemand älter als - ich schätze 45 Jahre. Sie gerieten mit der Polizei aneinander. Manche wurden laut. Ermahnungen, dann wohl auch Anzeigen. 

    Nun, der Sachverhalt ist klar. Es wird gegen geltendes Recht verstoßen und Ordnungsamt und Polizei setzen die Geltung der neuen Verordnungen (?) („Gesetze“ sind es ja nicht - aber ich bin kein Jurist) unter Androhung von Sanktionen durch. So weit, so gut. Das ist richtig.

    Daneben gibt es jedoch noch eine andere Ebene: Wissen die Abhängigen überhaupt von der neuen Sachlage? Haben sie die Möglichkeit, den elaborierten Code von Tagesschau und Heute zu verstehen? Ich weiß - es ist wie im Steuerrecht: Unkenntnis schützt nicht vor Strafe. Und weiter: Mir machen die Einschränkungen der Bewegungen im öffentlichen Raum kein Problem: Ich habe eine Wohnung, ein Gärtchen, meine Bücher und halte Kontakt zu den meisten meiner Vertrauten ohnehin telefonisch und per Netz. Für die Gruppe auf dem Klingenberg ist der Platz ihr Wohnzimmer. 

    Vorhin kam mir zum ersten Mal der Einfall, abends nicht selbst zu kochen, sondern Essen aus Restaurants zu holen, um zumindest ein bisschen Geld ankommen zu lassen. Einige Jahre war ich selbst Freiberufler, ein Solo - Selbständiger und in einer der Krisen (2000?) brachen plötzlich alle Aufträge weg. Tageszeitungen versuchten ihre Angestellten zu halten, da stand ich als freier Schreiber ganz weit hinten. Es ist - verzeihen Sie die Vokabel - ein Scheißgefühl, nicht zu wissen, woher die Miete für den kommenden Monat kommen soll. Und dann war auch mal der Strom weg, abgeschaltet. Weiter: Wenn ein kleines Unternehmen, ein neu eröffnetes Geschäft unverschuldet scheitert, dann geht es ja nicht nur um Geld, sondern um Hoffnungen, Lebensentwürfe, Bilder von der eigenen Zukunft, es geht auch um - Sinn.

    Da rollt eine Woge auf uns zu, von der die meisten, fürchte ich, noch nichts ahnen.

    Zur Belustigung: Mein Passionspastaprojekt ist angelaufen. Zur Erinnerung: Ich will in diesen Tagen lernen, frische Eierpasta mit dem italienischen Nudelholz herzustellen. Eben - 16.45 Uhr - stand ich vor der sauberen Küchentheke, das Nudelholz war vorschriftsmässig geölt und bemehlt, Mehl abgewogen, Eier parat. Und mir klang Gandalfs Stimme aus dem „Herrn der Ringe“ im Ohr: „Der Krieg hat begonnen“. 

    Den Text von Marcella habe ich fast auswendig gelernt, bevor ich mit dem „Ballet der Hände auf dem Nudelholz“ beginne, wie die Meisterin es verlangt. Okay, ich bin fahnenflüchtig. Ich fange morgen an.

    Übrigens: Mehl ist rar. Ich hörte schon Verschwörungstheorien, italienische Pizzabäcker würden Mehl horten. Die Marktleiterin sagte mir, die Leute würden schlichtweg zu Hause backen, auch Hefe sei ausverkauft. Ich glaube weder das eine noch das andere. Vermutlich horten die Leute einfach. Nur weil sie Klopapier horten, schei … sie doch auch nicht mehr. 

  • Wie schön, dass die neuen Regeln der Länder offensichtlich eingehalten werden. Beim Discounter - Hundefutter, eine Melone, eine Ananas, Joghurt - ein patziger, sehr junger Kassierer, der eine Kundin vor mir anschnauzte, das nächste Mal solle sie sich „gefälligst“ einen Wagen nehmen, um Abstand zu halten. Sachlich richtig, den Stress kann ich verstehen, trotzdem ein blöder Ton. Und an der Frischetheke des zweiten Ladens für heute eine alte Frau, Typ „damenhaft“, die die Fußbodenmarkierungen schlicht nicht verstanden hatte, und, darauf hingewiesen, die Politik, den Laden, die anderen Kunden und die Frauen hinter der Theke beschimpfte.

    Heute nur kurz Corona: Ich lese täglich online die Zeitung „La Repubblica“ die für Italien ungefähr das ist, was die Süddeutsche Zeitung bei uns ist. Es ist so schrecklich. Heute Abend bete ich für die Menschen in Italien. Ich weiß, es gibt Gründe für die Heftigkeit der Krankheit dort: das marode Gesundheitswesen, Korruption, organisierte Kriminalität, Vetternwirtschaft und eine politische Klasse, die das Gemeinwesen als Selbstbedienungsladen nutzt. 

    Trotz allem ist Italien für mich etwas anderes als Dänemark oder Frankreich.

    Zum ersten Mal war ich dort mit 17 Jahren. Ich wollte Interrail fahren - sechs Wochen per Bahn quer durch Europa. Aus Sorge, der Junge könnte verloren gehen, spendierte mir meine Mutter eine Pauschalreise nach Italien: eine Woche Rom, eine Woche Sorrrent am Golf von Neapel. Mit dem Tjaereborg - Flieger ab Billund / Dänemark. Es war um mich geschehen, trotz grauenhafter Halbpension. Später, 1981/82, habe ich für knapp zwei Jahre in Rom erst studiert, dann immer weniger studiert und mehr geguckt und gelebt und schließlich nur noch geguckt und gelebt.

    Später, viel später Venedig, Padua, Ravenna, Bologna, Florenz, Siena, Cremona, immer wieder Rom und Neapel. Ich sehe die Schattenseiten, aber ich liebe dieses Land. Ich habe dort viele der glücklichsten Momente meines Lebens erlebt.

    Wissen Sie, was in diesen Tagen hilft? Marcellas einfachste Tomatensauce. Marcella Hazan ist Autorin eines der für mich wichtigsten Bücher: „Die klassische italienische Küche“. Vor einigen Jahren, es war vergriffen, wurden im Internet für ein Exemplar über 500 € geboten. Der Herr hat mich in Versuchung geführt und ich habe die Prüfung bestanden. (Inzwischen gibt es eine neue Ausgabe).

    Eine Dose beste Tomaten (800gr), 125 gr Butter, eine geschälte Zwiebel, Salz, Parmesan, 500 gr Spaghetti.

    Die Tomaten vom Stielansatz befreien, in Stücke schneiden, mit dem Saft aus der Dose, der Butter, Salz und der ganzen Zwiebel in ein Töpfchen geben, aufkochen und dann ca. 30 Minuten köcheln lassen. Mit den Spaghetti in einer vorgewärmten Schüssel vermengen, Parmesan dazu, fertig. 

    PS.: Basilikum, Pfeffer, Büffelmozarella, Sardellenfilets, Oregano sind allesamt lecker, es ist dann aber nicht diese Sauce.

    Aus dem Kopf fällt mir dieses Gedicht von C. F. Meyer ein:

     

    Der römische Brunnen

     

                                                   Aufsteigt der Strahl und fallend gießt

                                                   Er voll der Marmorschale Rund,

                                                   Die, sich verschleiernd, überfließt

                                                   In einer zweiten Schale Grund;

                                                   Die zweite gibt, sie ist zu reich,

                                                   Der dritten wallend ihre Flut,

                                                   Und jede nimmt und gibt zugleich

                                                   Und strömt und ruht.

  • Mit meinen Befürchtungen, zahlreiche Menschen würden sich gestern beim schönen Wetter nicht an die Regeln halten, sondern gruppenweise Strände und Parks stürmen, scheine ich mich geirrt zu haben. Gott sei Dank! Sollte Einsicht siegen?

    Gestern früh war ich gegen 8.00 Uhr auf dem Markt am Brink. Viele Menschen, lange Schlangen vor den Ständen mit den gebotenen Abständen von zwei Metern. Die Stimmung war ernst, das Verhalten diszipliniert. Ein bisschen skurril muss der Markt aus der Vogelperspektive ausgesehen haben. Die Schlangen waren nämlich so lang, dass sie sich kreuzten. Hier die Fischschlange mit einem Knick in den nächsten Gang, quer dazu die Fleischschlange und zu beiden wiederum parallel die Enden der Gemüseschlangen. Im Supermarkt um 9.00 Uhr kaum Betrieb, aber die Palette mit dem berühmten Papier war bis auf zwei Packungen geplündert. Die Rollen hatten es nicht einmal ins Regal geschafft.

    Fernsehfasten, oder präziser: Corona - Nachrichten - Fasten bis zu den Abendnachrichten. Statt dessen erst Gartenarbeit, nachmittags dann die Frage: Was tun? Es macht einen Unterschied, ob man sich einen Nachmittag kultivierter Muße gönnt - Nichtstun im Deckchair bei Tee und dem Kreuzworträtsel aus dem Magazin der Süddeutschen und ein, zwei Kapiteln aus Fontanes Roman „Stechlin“ - da passiert übrigens auch nichts -, oder ob man perspektivisch für eine längere Zeit zur stabilitas loci vergattert wird. Ins Kloster zu gehen ist etwas anderes als ins Kloster gesteckt zu werden.

    Was geschieht da gerade nur in Italien? Das Bild von den Militärfahrzeugen, die Särge aus Bergamo herausfahren, hat mich voll erwischt, erschüttert. 

    Nun, es ist Sonntag, „Lätare“ - „Freuet euch (mit Jerusalem)“: Klein Ostern. Die schöne Formulierung aus einem Gottesdienstbuch: „Die violette Farbe der Paramente (Altar- und Kanzelbehänge) kann zu rosa aufgehellt werden“. In normalen Zeiten ist „Lätare“ der einzige Sonntag der Passionszeit, an dem Blumen auf dem Altar stehen. Zu Frau Gnirkes Zeiten hatten wir immer große Sträusse mit rosa Tulpen. 

    Predigttechnisch wäre dieser Tag ein Paradiesgarten: Ein Lieblingstext nach dem anderen, auch die Losungen zünden heute bei mir.

    Zwei Verse faszinieren mich besonders: Der eine ist die Losung aus dem Buch Daniel: „Es gibt einen Gott im Himmel, der Geheimnisse offenbart“. Ein Geheimnis ist kein Rätsel. Rätsel kann man lösen, Geheimnisse werden angebetet, sie erschließen sich, indem man sie erfährt, eingeweiht wird, durchlebt und-leidet: Liebe, Gott, Kunst, Geburt, der Tod. Sie offenbaren sich nicht dem Verstand, sondern der Intuition.

    Dann der Vers aus dem Sonntagsevangelium (Johannesevangelium 12,24): „Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein; wenn es aber stirbt, bringt es viel Frucht“.

    Jesus deutet hier sein Schicksal mit einem Vegetationsgleichnis. Für die Alten war das Wiedererwachen der Natur im Frühling ein unbegreifliches Wunder. Im Hintergrund des Spruchs stehen die alten sterbenden und auferstehenden Vegetationsgottheiten wie Osiris, Attis, Tammuz und Persephone.

    Wieviel muss sterben, damit neues Leben möglich ist? Was ist das Geheimnis neuen Lebens? Eindrücklich ist mir das Bild der Verwandlung der Raupe in den Schmetterling. Im Kokon wird eben nicht das Raupenbein zum Schmetterlingsbein, das alte Auge zum neuen Auge, sondern die gesamte Raupe verflüssigt sich und diese Flüssigkeit organisiert sich zur neuen Gestalt.

    Das ist ein schönes Bild für die Gelegenheit, die unsere neue Häuslichkeit uns bietet. Sich neu organisieren und in einigen Wochen verwandelt das Haus verlassen. Goethe war übrigens ein Meister solcher Metamorphosen, solcher Neuerfindungen der eigenen Person. 

  • „Bewährungsprobe“ war eines der ersten Worte, die ich heute morgen aus dem Radio im Badezimmer hörte. Das kommende schöne Wetter würde das Wochenende zur Bewährungsprobe  der Fähigkeit unserer Gesellschaft machen, die Corona - Krise mit „Vernunft und Disziplin“ - ohne weiteren behördlichen Druck zu bestehen. Seltsam, was ein paar Sonnenstrahlen bewirken könnten... .

    Nun: wenn ich bedenke, was ich gestern und heute hier in Lübeck auf den Hunderunden, im Supermarkt und auf zwei Botengängen erlebt habe, dann stehen die Chancen, die besagte Probe zu bestehen, nicht besonders gut. 

    Es gibt zahlreiche Beispiele an Hilfsbereitschaft und Besonnenheit, aber eben auch die oft auffälligeren Beispiele sagenhafter Dummheit. Partystimmung am Krähenteich, das große Mütter - und - Kinder - Meeting auf den Bänken vor den verriegelten Toren des Kinderspielplatzes an der Seefahrtsschule. Wieso haben die Friseure eigentlich noch geöffnet?

    Zwei Sätze antiker Autoren fallen mir zur Lage ein: Der eine stammt vom frühgriechischen Philosophen Heraklit, der seine Mitbürger in Ephesus anfauchte: „Möge euch nie der Reichtum ausgehen, Ephesier, damit nicht offenbar wird, wie verkommen ihr seid“. Der allgemeine Wohlstand als Lack über hedonistischer Leere. Etwas selbstgerecht fiel mir früher zu dieser Formulierung immer nur die Welt von Versailles vor der Revolution ein. Eine glänzende Politur aus Künsten, Mode, Etikette, der höchsten Verfeinerung des Lebensstils - und darunter verfault die moralische Basis.

    Die andere Formulierung stammt von einem römischen Geschichtsschreiber, Tacitus; er führt den Verfall der republikanischen Werte zurück auf  „das mangelnde Verständnis für das einem fremd gewordene Gemeinwesen“. Das Gemeinsame ist fremd geworden. Im Mittelpunkt des Interesses steht nur das Eigene. Eine düstere Diagnose.

    Ist es nicht erstaunlich, dass ein Virus vermag, was hunderttausende umweltpolitisch engagierter Menschen nicht konnten? Innerhalb von Wochen werden die CO2 - Emissionen herunterfahren. Zu welchem Preis? 

    So. Es könnte sein, dass bei aller digitalen und telefonischen Arbeit doch mehr freie Stunden in den eigenen vier Wänden auf uns alle zukommen als bisher. Mein Projekt:

    Wenn ich es in den kommenden Wochen nicht schaffe, die mit dem Nudelholz -„Matarello“ - ausgewalzte  norditalienische Eierpasta nach den Anweisungen der Großköchin Marcella Hazan herzustellen, gebe ich dieses Vorhaben für den Rest meiner Tage auf. Fertig gekaufte Spaghetti aus dem Supermarkt sind auch lecker

  • Die Ansprache von Frau Merkel gestern fand ich angemessen. Besonders hat mir der Aufruf zu „Vernunft und Disziplin“ gefallen. Ein schönes Geschwisterpaar.

    Heute ohne „Corona“.

    Wenige Bücher besitze ich in drei Ausgaben, eigentlich nur zwei: Die Bibel und die Gedichtsammlung „Der ewige Brunnen“, von Ludwig Reimer 1955 herausgegeben. Der Band steht bei mir im Amtszimmer, im Wohnzimmer und liegt auf dem Nachttisch. Im Vorwort heißt es - in einer uns fremd gewordenen Sprache: „Der Mensch unserer Tage ist oft der Belehrung so müde wie der Zerstreuung. Was er ersehnt, sind Wege zu tieferen Daseinsformen, Wege, die aus der Bedrängnis des Alltags herausführen, die den Blick freigeben auf unbekannte, auf schönere Reiche. Gerade diesen Blick schenkt uns das Gedicht. Es belehrt nicht: es erhellt. Es zerstreut nicht: es entrückt. Es läßt uns teilhaben an Welten, die allen anderen Schritten unerreichbar sind.“

    Aus dem Ewigen Brunnen das wohl berühmteste aller (deutschen) Frühlingsgedichte:

     

    ER ISTS

     

                                                   Frühling läßt sein blaues Band

                                                   Wieder flattern durch die Lüfte;

                                                   Süße, wohlbekannte Düfte

                                                   Streifen ahnungsvoll das Land.

                                                   Veilchen träumen schon,

                                                   Wollen bald kommen.

                                                   - Horch, von fern ein leiser Harfenton!

                                                   Frühling, ja du bists!

                                                   Dich hab ich vernommen!

     

                                                                                                           Eduard Mörike

     

    Und noch ein Frühlingsgedicht. Aus einer mittelalterlichen japanischen Sammlung mit dem schönen Namen „Shinkokinwakashu“ von Fujiwara Masatsune (1170 - 1221).

    Besuchen wollt´ ich

    Die Blüten - schon dunkelt es

    Zwischen den Bäumen:

    Da: unerwartet der Mond

    Über der Berge Gipfel!

  • Am Samstag und Sonntag wurden die Bäder auch an der Lübecker Bucht von Tagestouristen „überrannt“ - so die Vokabel von Ministerpräsident Günther. Heute schliessen die Restaurants, morgen müssen Touristen Schleswig - Holstein verlassen. Könnte es da einen Zusammenhang geben? Eine Lübecker Geschäftsfrau, sie besitzt einen Laden mit gehobener Deko, sagte mir vorhin einigermassen fassungslos, sie habe am Samstag einen Umsatz gemacht wie an einem Adventssamstag. Heute sind die Läden geschlossen. 

    Könnte es sein, dass wir eine Ausgangssperre brauchen? Da fällt mir eine  sarkastische Sentenz des Kirchenvaters Augustinus ein: „Wenn die Menschen die Gesetze nicht aus Einsicht befolgen, mögen sie es aus Furcht vor Strafen tun“.

    Wieviele Leben werden in diesen tagen in Sorge und Angst gestürzt? Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen in Gastronomie und Hotellerie, Selbständige samt ihrer Angestellten. Kurzarbeitsgeld, das sind, soviel ich weiss, 60 %. Hinter dem Satz „Das Ostergeschäft fällt aus“ verbergen sich Dramen. 

    Heute war es in der Stadt zum ersten mal richtig anders. Stille. Auf der Morgenhunderunde wurden übrigens mehr Grüsse gewechselt als sonst. Der erstaunte Blick der Kassiererin, der man für ihre Arbeit dankt.

    Fernsehen: ich gucke viel mehr Fernsehen als vor „Corona“. Frühstücksfernsehen ab 5.30 Uhr. BBC. Die tägliche Pressekonferenz des Robert - Koch - Instituts ab 10.00 Uhr. Und die läuft dann mehr oder weniger als Endlosschleife auf ntv bis zu den Abendnachrichten. Ich muss das abstellen. Das macht mich verrückt. Auf eigenartige Weise entsteht ein Sog, ein Warten auf wieder höhere Infektionszahlen. Es gibt auch ein rätselhaftes Gefallen Finden an immer schlechteren Nachrichten... . Davon muss man sich frei machen.

    Wir haben heute die Konfirmation 2020 verschoben - nicht „abgesagt“ wie eine Pressemeldung über die Nordkirche heute wenig charmant verbreitete. Unsere Pröpstinnen haben dann empfohlen, die Feiern in den Spätsommer zu legen. 

    In Aegidien feiern wir die Konfirmation unserer 25 jungen Leute am Sonntag, dem 30. August. Der Kirchengemeinderat hat in einem Umlaufbeschluss diesen Termin beschlossen.

     

    Ach ja: wenig Sympathie habe ich im Moment für jene Herrschaften, die sich noch vorige Woche in Flieger nach fernen Sonnenstränden gesetzt haben und nun zurück geholt werden sollen.

    Gleich wird die Kanzlerin zu uns sprechen; ich bin wesentlich gespannter als vor ihrer Neujahrsansprache.

  • Der römische Dichter Horaz vergegenwärtigt in einigen wunderschönen, melancholischen Gedichten den Kontrast zwischen seinem eigenen, alternden Leben und dem alljährlich wiederkehrenden Frühling in der Natur. Was in Herbst und Winter abgestorben war, lebt im Frühling wieder auf. Bei sich selbst beobachtet er leider keine lockige Wiedererblondung seiner wenigen grauen Haare...

    Ich finde, man kann kann den Gedanken auch einmal umdrehen: Heute früh, schwierige Corona - Tage, brach ich gegen 7.15 Uhr mit dem Hund zur üblichen Runde auf: Krähenstrasse, Krähenteich, Wallanlagen bis zum Minigolfplatz, Katzenberg, Holstentor, Hüxstrasse, Frühstück für Hund und Herrchen. Nordisch blauer, hoher Himmel. Kein Windhauch. Am Wasserspielplatz ein Geräusch: ein Specht hämmerte eine Höhle in der riesigen, abgestorbenen Eiche auf der Wiese an der Seefahrtsschule. Ich habe ihn dann sogar entdeckt - ein Kleinspecht. Auf dem Wall über dem Buniamshof zwei Rotkelchen in einem Busch, auf Augenhöhe, ohne Angst, es war nur ein unkorrekter halber Meter zwischen uns. Unglaublich, dass in diesen Tierchen alles da ist: Hirn, Herz, Lunge, Rückgrat. Irgendwie ähneln sich eben Sonnensystem und Molekül. Und der Höhepunkt: Gerade wollten wir die Haustür aufschliessen, als wir  aufgeregte, schrille Rufe über uns hörten - auch der Hund guckte hoch. Um den Aegidienturm kreisten, nein, schossen vier (!) Falken durch die Luft. Keine Turmfalken, nein, Wanderfalken. Und ein Paar hat dann auch den Brutplatz im Turmgiebel besichtigt.

    Die Zukunftsdeutung aus dem Vogelflug will ich gern den alten etruskischen Sehern überlassen - aber das machte heute Morgen Mut und gute Laune.

    Hinter den Kulissen wird gearbeitet bis zur Erschöpfung: In Praxen und Kliniken, in Schulen und Kitas, in der Stadtverwaltung und in Kirchengemeinden. Ehrenamtler und Ehrenamtlerinnen sind im Einsatz. Geschäfte, Gastronomie  und Hotels blicken besorgt auf die kommenden Tage und Wochen. Doch vermute ich, das wissen Sie alle. Auch ich. Beten wir für die, die sich gerade aufreiben. Wie das geht? Ganz einfach; heute Abend vor dem Einschlafen Hände falten und leise sprechen - Sprechen ist wichtig, nicht nur Denken: „Gott, wer auch immer Du  bist, ich danke Dir für …, und ich bitte Dich für …, und: die Menschen, die ich mag und liebe, die Menschen, die ich nicht mag und nicht liebe, und - für mich selbst“.

    Gesellschaftsnachrichten: Am Samstagnachmittag brauchte ich noch Lebensmittel „aus der Stadt“ - für uns aus der Aegidienstrasse ist alles an Königstrasse, Markt und Klingenberg „die Stadt“. Also hoch durch die Hüxstrasse: An Stehtischen vor einem Lokal ein Trupp - Schwarm(?) von 10  erwachsenen, beschwipsten Frauen; nein, keine Moral jetzt, nur Staunen: Sie begrüssen und verabschieden sich mit Bussi-Bussi und Umarmen. Schon schräge. Ebenso die Sardinenbüchsenenge in einem Eisladen von etwa 10 Quadratmetern. 

    Heute dann anders. Beunruhigende Stille in den Straßen unter diesem fantastischen Firmament.  Unwirklich. Überquellende Einkaufswagen und richtige Schlangen an den Kassen. Man fühlte sich ein bisschen verantwortungslos mit drei Zitronen, einer Sahne und zwei Karamellpuddings.

    PS.: Ich wollte schon immer einmal einen Kirchentext mit „Karamellpudding“ als letztem Wort schreiben.

  • Gestern hat der Kirchengemeinderat beschlossen, dem Rat der Pröpstinnen zu folgen, den Betrieb unserer Gemeinde fast vollständig einzustellen. Gottesdienste, Konzerte, Gesprächskreise, Konfirmandenunterricht - alles ist abgesagt bis Ende April. Die Kirche bleibt geschlossen.

    Heute vormittag hatte ich Stallwache und war von 9.30 Uhr bis 10.10 Uhr in der Kirche. Drei Personen hatten sich vergeblich auf den Weg gemacht und die Bettlerin vor der Tür war enttäuscht.

    Es war ein seltsames Gefühl, am Sonntagmorgen in der leeren, stillen Kirche zu stehen. Ich vermute, wir erleben gerade das Ende einer Epoche. Es kann ja sein, dass in einem halben Jahr alles wieder beim alten ist, doch ich fürchte, es wird anders sein. Die Zeit der offenen Grenzen schien sich in den vergangenen Jahren ja eh schon ihrem Ende zuzuneigen, nun wird es konkret. Sorgloses Reisen um die Welt, Frieden und Freiheit, auf Wohlstand gegründet - oder muss man das umdrehen? „Wohlstand auf Frieden und Freiheit?“ - sorglose Geselligkeit im öffentlichen Raum, eine Vielfalt von Lebensformen und Lebensentwürfen: das gerät unter Druck, wenn das Geld ausgeht. 

    Andererseits: Hilfsbereitschaft in Viertel und Gemeinde; ich hatte mehrere Anrufe von jungen Leuten - „Herr Pastor, Sie kennen mich nicht, ich bin nur Heiligabend in der Kirche“ -, die Hilfe für Senioren anboten. Toll. Danke!

    Predigttext wäre heute ein Abschnitt aus dem Lukasevangelium gewesen, Lk 9, 57 - 62. Am Ende des 9. Kapitels macht Jesus sich auf nach Jerusalem. Bisher war er mal hier, mal da: nun wird eine Richtung sichtbar. Wie im Leben: nach zwei, drei Jahrzehnten, in denen vieles möglich ist, manches ausprobiert wird, schält sich eine Richtung heraus. Wie auf der Autobahn von Köln nach Flensburg: ab Hamburg werden die Ausfahrten seltener. 

    Umständlich erzählt Lukas in 9,57 „als sie auf dem Wege wanderten“: „WEG“ ist für Lukas eine Bezeichnung des Christentums. Nicht „Lehre“, nicht „Dogma“, nicht „Konfession“, sondern ein WEG, den man gehen muss / kann / darf.

    Drei Wortwechsel mit Jesus: Drei Personen wollen ihm folgen und erhalten harte Antworten:

    1. „Ich werde dir folgen, wohin immer du gehst“ - Den Mund ein bisschen zu voll genommen. Der Satz erinnert mich an Petrus. Niemals wollte er Jesus verraten und erhält die Prophezeiung „Bevor der Hahn dreimal kräht … .“  Der Mensch hat weder Höhle noch Nest. Es gibt keinen Ort. Nirgends. Wir sind unterwegs, es gibt kein Bleiben. Das ist unsere Not und Grund unserer Freiheit.
    2. Er will noch seinen Vater beerdigen und erhält die Antwort „Lass die Toten die Toten begraben“. Bekanntlich buddeln Tote nicht. Es ist also ein Bild. Lass was unfruchtbar ist, was nicht mehr dem Leben dient, hinter dir zurück.
    3. „Mich nur noch von meinem Haus - d.h. meinem sozialen Umfeld - verabschieden“: Die Antwort: „Wer die Hand an den Pflug legt und blickt zurück, ist nicht geeignet für das Gottesreich“. Lots Frau im Alten Testament. Gegen den Befehl des Engels dreht sie sich um und blickt auf das brennende Sodom - und erstarrt zur Salzsäule. Da sind sie wieder, die Geister unserer Vergangenheit. Manchmal schützende Geister, manchmal gefräßige Gesellen. 

    Wer sich auf den Weg begibt, wird beschenkt mit Gemeinschaft jenseits von Heimat, Tradition und Familie. Doch diese Geschenk hat seinen Preis. Wie sagte irgendjemand Kluges? „Weisheit heisst, die Preise kennen“.