In Zeiten von Corona: Einfälle - Ausfälle - Zufälle

Es geht weiter.

Nachdem am Donnerstag, den 4. Februar die im Advent begonnene Serie "In Zeiten von Corona" endete, gibt es nun eine Weiterführung unter dem Titel "Einfälle - Ausfälle - Zufälle". 

Das Tagebuch aus der Advents- und Weihnachtszeit, sowie Januar und Februar finden Sie hier.

Das Tagebuch aus dem Frühjahr finden Sie hier.

 


Montag, 15. März - Lätare - Nachschlag und Schluss

Ein Satz aus dem Johannesevangelium scheint gestern zu kurz gekommen zu sein; deshalb hier noch einige Erläuterungen:

Joh. 12,25: Wer sein Leben lieb hat, der wird’s verlieren; und wer sein Leben auf dieser Welt hasset, der wird’s erhalten zum ewigen Leben.

Man könnte auch - weniger missverständlich - übersetzen: Wer an seinem Leben hängt, verliert es; wer aber sein Leben in dieser Welt gering achtet, wird es bewahren bis ins ewige Leben.

Es geht also nicht um religiös motivierten Selbsthass, nicht um eine masochistische Selbstquälerei. Völlig klar ist, daß es gerade im Zusammenhang mit Lebensfreude, Weltbejahung und Sexualethik da einige Irrwege in der Kirchengeschichte gegeben hat.

Unser Leben in dieser Welt ist immer vom Tod gezeichnet, der sich in jedem Abschied ankündigt. Wer das Leben in dieser Welt liebt, liebt letztendlich den Tod. Wer sich neurotisch um seine Sicherheit sorgt, wird zum Sklaven seiner unbewussten Ängste. Das Ich muss sterben, damit es sich in ein Selbst verwandeln, Gott schauen kann.

Der Vers rührt an eines der tiefsten Geheimnisse des Lebens, das man nicht lösen kann - gelöst werden Rätsel. Geheimnisse werden erlebt und erlitten: Man wird in sie eingeweiht wie in die Mysterien von Eleusis, die Weihen der Isis (nach Apuleius) und das Geschehen des Kreuzes, des Grabes, des Ostermorgens.

Drei Lebensvollzüge haben eine analoge Struktur: Die Liebe, der Glaube und das Sterben. Diese Momente sind Vollzüge höchster Aktivität und tiefster Passivität. Man liebt, man glaubt, man stirbt, indem man von sich selbst lässt und sich einem unbekannten Gegenüber überantwortet - dem Geliebten, Gott, dem Tod. In den drei Vollzügen offenbart sich die exzentrische Struktur des wahren Lebens. Wir werden über die Grenzen unseres kleinen oder größeren Egos hinaus getragen.

Natürlich hat das wenig zu tun mit Beziehungsalltag in Zeiten von Corona und ebensowenig mit den alltäglichen oder sonntäglichen kirchlichen Normalzuständen. Deshalb ist diese Einsicht der Alten nicht falsch - unsere eigenen Horizonte sind zu eng.

Und der Tod? Es gibt Formen erbärmlichen Sterbens, die nicht zu beschönigen oder zu verherrlichen sind. Es gibt das elende Verenden der Kreatur.

Doch habe ich es in meinem Pastorenleben auch schon mehrmals erlebt, dass Menschen, die in Glaube und Liebe gelernt hatten, von sich zu lassen, leicht gegangen sind, während Menschen, die stets geklammert hatten, sich sehr schwer taten, in den Tod  zu gehen.

Das wars! Vom 26. November bis zum 15. März. Ironischerweise habe ich durch dieses Tagebuch Kontakt zu mehr und anderen Menschen bekommen, als im pastörlichen Alltag sonst.

Ich hoffe, ich muss nicht in 14 Tagen wieder anfangen, weil wieder alles dicht gemacht wird. Schauen Sie gelegentlich einmal auf unsere Homepage; in irgendeiner Form werde ich im Netz präsent bleiben.

Ein herzlicher Dank nochmal an Anja Nitzschke und Nils Papenberg, die mir wieder über 2 1/2 Monate hinweg täglich geholfen haben, meine Gedanken in Form zu bringen. Vielen Dank für Ihre Reaktionen, liebe Leserinnen und Leser. Falls es für Sie gelegentlich zu viel  Theologie oder zu viel Hund oder zu viel Küche war, sehen Sie es mir nach. Ich bin der Meinung: Die Mischung macht’s - und manchmal, nicht immer, brauchen wir ein Pastarezept ebenso nötig wie eine Predigt.

 

  • Morgen habe ich wieder Gottesdienst und ich freue mich darauf. Es ist ja der Sonntag „Lätare“, nach dem lateinischen Introitusvers aus Jesaja 66, 10: „Freuet euch mit Jerusalem“. Es werden nach alter Tradition Blumen auf dem Altar stehen. Rosa Tulpen. Denn wie heißt der schöne Satz? „An Lätare kann die Passionsfarbe Violett zu Rosa aufgehellt werden." Einer meiner liturgischen Lehrer hatte ganz trocken gesagt: „Sieben Wochen nur Passion hält kein Mensch aus“.

    Lyrik: Ich mag die chinesische Lyrik der Tang - Zeit (617 - 907) sehr. Natürlich ist man noch weiter vom Original entfernt als bei Lyrik in westlichen Fremdsprachen. Aber mir machen diese Verse Freude:

     

    In den Bergen als Antwort an einen Alltagsmenschen

    Und fragst du mich, warum ich hier
    in blauen Bergen hause,
    So bleib ich stumm und lächle nur -
    voll Frieden ist mein Herz.

    Im Wasser treiben Pfirsichblüten,
    verschwimmend in dunklen Fernen:
    Ein Himmel ist und eine Erde,
    die nicht der Menschen Welt.

    Li Tai-bo

     

    Meine „blauen Berge“ bestehen zu Zeit aus einer kleinen Bambusmatte, dem Stöfchen und der Teekanne aus Gusseisen und einer in Raku - Technik glasierten scheinbar unscheinbaren Teeschale. Die Gerät haben noch nie Spülmittel gesehen, sind nie mit einem gebrauchten Geschirrtuch abgetrocknet worden. Das Wasser kommt nicht aus dem Wasserkocher, sondern aus einem Topf.

    Und dann trinke ich eine halbe Stunde lang Tee. Kein Fernseher, kein MacBook, kein Telefon. Ein Buch, keine Fachliteratur, keine Tageszeitung. Manchmal ist es der Garten, manchmal nächtliche Lektüren im Ohrensessel, manchmal eine Hunderunde - immer blaue Berge.

  • Wir nähern uns dem Ende dieses Tagebuchs. Vielleicht ist es ja ganz amüsant, nochmal einen Querschnitt durch die Themen vorzulegen. Heute also ein Rezept und ein wenig Alltag, morgen Literatur, vielleicht ein Gedicht, und am Sonntag fasse ich die Kernsätze der Predigt zusammen. (Der Hund muss natürlich auch noch untergebracht werden.)

    Hier eines meiner liebsten schnellen Pastarezepte. Sie werden staunen: Es ist vegetarisch. Schließlich stammt die Butter von den weltberühmten irischen Butterblumenplantagen.

    Pasta mit Ziegenkäse und Paprika

    Ich putze 3 - 4 rote oder gelbe Paprikaschoten, schäle sie und schneide sie längs in schmale Streifen. In einer beschichteten Pfanne lasse ich in 2 EL Butter 2 fein gehackte Knoblauchzehen leicht Farbe annehmen, gebe die Paprikastreifen dazu, salze und lasse sie bei geringer Hitze (ca. 20 Minuten) weich werden. 150 g Ziegenkäse (das ist eine Packung von dem Käse in der Form eines Pyramidenstumpfes). Chavroux?

    Den zerdrücke ich mit den Rücken eines Holzlöffels in der Pfanne und mische ihn mit den Paprikastreifen. Reichlich pfeffern. Kurz vor dem Servieren nochmal erwärmen. In einer vorgewärmten Schüssel die Pasta in der Sauce, 2 weiteren EL Butter und 2 EL Schnittlauch wenden. Fertig

    Ich nehme meistens eine kurze Pasta wie Penne rigate oder Fusilli, an deren Oberfläche die Sauce gut haften kann. 400 g passen gut zu dieser Menge Sauce. Sie stammt übrigens aus Venedig.

    Gestern habe ich noch eine blöde Situation erlebt - nein: Eine Situation, in der ich mich blöd verhalten habe. Es klingelte an der Tür und ich ging zur Sprechanlage. Ein „ehrbarer Handwerker“ suchte eine Übernachtungsmöglichkeit. „Ham wir nicht.“ Ob mir etwas einfiele. Ich bin dann mal runter und da stand ein echter ehrbarer Handwerker auf der Walz mit gedrehtem Stock in voller Kluft. Mir fiel dann die Pilgerherberge von Jakobi ein - ohne zu wissen, was da gerade möglich ist. Er zog seines Wegs. In Coronazeiten läßt man keine unbekannte Person im Haus übernachten. Später habe ich mich sehr über mich geärgert. Wir nennen uns „Handwerkerkirche“ und die Tradition der Walz finde ich großartig. Zumindest ein Kaffee wäre ja wohl möglich gewesen und für den Notfall ein Matratzenlager auf dem Fußboden im Amtszimmer.

  • Na, das nenne ich nun einmal ein qualifiziertes Sauwetter. Allmählich werden die Heizkörper zum Jacken- und Hosentrocknen knapp. Aber was soll's: Es ist ein ganz normales Sturmtief; das ist nichts Besonderes im März.

    Mir fällt auf, das durchschnittliche Wetterphänomene in den letzten Jahren immer exaltierter angekündigt werden. Es schneit im Februar. 20 Zentimeter Schnee. Da gibt es Sondersendungen nach den Hauptnachrichten. Sendeminuten müssen gefüllt werden und ich denke, auch der kompetenteste Meteorologe ist immer noch günstiger als ein durchschnittlicher Fußballspieler.

    Eben wollte ich auf dem Rückweg vom Marktplatz Socken kaufen und war zu diesem Zweck in zwei großen Bekleidungsgeschäften in der Breiten Straße und war ein wenig fassungslos ob der leergefegten Regale. In einem der Geschäfte hatte es auf reduzierte Ware nochmal 70 % Ermäßigung gegeben. Vor zwei Tagen lief auf ARTE eine Dokumentation über „fast fashion“, Produktion, Produktionsbedingungen, Transport, Vertrieb und Preisgestaltung. Keine Socken. Was da vor unser aller Augen abläuft und von den meisten gedankenlos konsumiert wird, ist ein Skandal. Verglichen mit den - auch wichtigen - Fragen des Klimawandels und der Weltpolitik kommen die Themen „Was essen wir?“ und „Was tragen wir?“ zu kurz.

     

     

  • Allmählich neigt sich auch dieser Nachtrag zum Tagebuch seinem Ende entgegen. Am Samstag werde ich es schließen. Gestern habe ich mit Konfirmandenandachten statt Konfirmandenunterrichts begonnen und am kommenden Sonntag bin ich zum ersten Mal seit dem 1. Advent wieder auf der Kanzel, bzw. An Pult und Altar.

    Gestern Abend gab es eine kleine Entwarnung, was den Hund betrifft. Zunächst war ja eine Schilddrüsenunterfunktion vermutet worden, dann wiesen die Werte in Richtung Bauchspeicheldrüse, was mich nicht gut schlafen ließ. Zumindest - so die Nachricht gestern - ist es kein Bauchspeicheldrüsenkrebs. Es wird erstmal weiter beobachtet und das Futter umgestellt.

    Heute war Büchertag: Ein Ehepaar aus St. Augustin bei Bonn erkundigte sich per Mail nach der Dante - Übersetzung, die ich an einem Sommerabend 1999 in der Kirche benutzt hatte, eine Dame kam vorbei, um sich Darwins „Die Reise mit der Beagle“ abzuholen und nahm dann auch gleich Georg Forsters „Reise um die Welt“ mit. Und schließlich besuchte mich eine Frau aus der Gemeinde, um mir ein schönes Buch über die heilige Katharina von Alexandrien zu schenken, das ihre Mutter geschrieben hat. Dann habe ich den Gemeindekühlschrank im Erdgeschoss geputzt.

    Am Nachmittag erreichte mich die Nachricht, dass eine alte Dame, ich ich vor einigen Tagen noch im Hospiz besucht hatte, verstorben sei. Ich soll sie mit einem Psalm, einem Gebet, dem Vaterunser und dem Segen unter die Erde bringen.

    Sie wurde in Aegidien getauft von Pastor Meyer, ihr Taufpate war Pastor Kühl von Jakobi.

    Sie hatte mir erzählt, ihre gottesdienstliche Heimat sei immer Aegidien gewesen, doch gesungen habe sie immer in Chören an Jakobi. Sie hatte unter anderm bei Karl Jaspers  in Heidelberg studiert. Sie kannte alle Aegidienpastoren seit den Tagen des Zweiten Weltkriegs und urteilte besonnen, doch eindeutig über meine Vorgänger - und deren Ehefrauen. Daumen hoch oder Daumen runter. Besonders geschätzt hatte sie Vikar Dreyer. Auf dem Heimweg aus dem Hospiz beschäftigte mich der Gedanke, man möge bitte nicht eines Tages über meine Zeit an Aegidien urteilen: „Der war nix“.

    Auf dem Lesestapel liegen zwei neue Bücher: „Über Sünde, Glaube und Religion“ vom amerikanischen Philosophen John Rawls - es geht um die Begründung von Moral in säkularen Gesellschaften und die Rolle, die Religion in diesem Zusammenhang spielt. Hartes Brot, nach den ersten Seiten zu schließen. Mir leichter zugänglich: Henry Keazor, Raffaels Schule von Athen. Auf dem Umschlag heißt es: „Joshua Reynolds, Peter Greenaway, Cy Twombly, Comics - wohl kein Bild wurde so oft interpretiert, imitiert, adaptiert und parodiert wie Raffaels berühmte „Schule von Athen“. Was hat dieses Vatikan-Fresko zu einem zentralen Bild der Renaissance werden lassen Wie kam es zu der Vereinnahmung durch andere Maler, aber auch durch Musikvideos, Werbung, Lego und Hollywood?“

    Die Querverbindungen der Hochkultur  beschäftigen mich seit den legendären Aus-stellungen im MoMA, New York, „Primitivism“ in the 20th Century Art (1984) und „High and Low“ - Moderne Kunst und Trivialkultur, ebenfalls MoMA (1990), Katalogbuch auf deutsch bei Prestel. Dazu 1995 in der Schirn in Frankfurt: „Okkultismus und Avantgarde“ - Von Munch bis Mondrian 1900 - 1915. Es sind für mich die drei wichtigsten thematischen Ausstellungskataloge. Dazu gesellt sich der Katalog der von Werner Hofmann kuratierten Ausstellung in der Hamburger Kunsthalle „Luther und die Folgen für die Kunst“ (1984). Etwas vergleichbar Qualitätvolles ist uns das Lutherjubiläum 2017 leider schuldig geblieben. Alle vier Kataloge sind im Pastorat entleihbar.

  • Heute früh um 8.05 Uhr - Marien hatte gerade geläutet - war ich auf dem Rückweg der Hunderunde durch die Stadt und traute meinen Augen nicht: Vor einem Klamottenverramscher in der Breiten Straße stand eine kleine Schlange. Heute Mittag standen hunderte von Menschen vor den großen Bekleidungsgeschäften in der Breiten Straße. Die Hälfte ohne Masken. Wenn das mal gut geht … . In Italien ist die frühe Öffnung nicht gut gegangen.

    Wir haben die Laborwerte von Moose vom Tierarzt bekommen. Ein weiterer Test wird gemacht, das Ergebnis könnten wir schon morgen haben. Der Hund ist fröhlich, hat Appetit, hechelt aber sehr schnell und hat im vergangenen halben Jahr drei Kilo zugenommen. Mir gefällt das nicht.

    Zu unseren Gottesdiensten ab dem 14. März bitten wir um Anmeldung. Entweder telefonisch im Zentralbüro der Innenstadtkirchen oder unter der Website der Innenstadtkirchen.

  • Der Name des Sonntags stammt aus Psalm 25, 15: „Meine Augen sehen stets auf den Herrn“.

    Großartig ist der alttestamentliche Text des Sonntags, 1. Könige 19, 1 - 13a, doch müssen wir noch die Verse 13b - 18 hinzuziehen. Ich vermute, sie werden aus politischer Korrektheit verschwiegen, sind aber zum Verständnis der Geschichte unverzichtbar:

    Anmerkungen zum Text 1. Könige 19, Verse 1 - 18
    Eine Art Predigt

    Elia und die Gotteserscheinung am Horeb: Eine archaische antike Erzählung. Elia selbst fast übermenschlich in seinem Eifer, seiner Wut, seiner Verzagtheit und Verzweiflung - er erinnert mich an Gestalten der griechischen Tragödie, beeindruckend und beklemmend: Bis ins Neue Testament ragen die Erinnerungen an diesen Propheten und noch Felix Mendelssohn-Bartholdy hat ihm ein großes Oratorium gewidmet.

    Der Vorgänge spielen im 9. Jahrhundert vor Christus, sind uns also sehr fern. Es ging um Kämpfe zwischen konservativen Jahwetreuen und Befürwortern eines „moderneren“ Synkretismus. Die Alternative lautete „Jahwe statt Baal“ oder „Jahwe und Baal“. Das ist lange her. Zugleich aber, denke ich, ist uns jener Elia, der da unter dem Ginster sitzt, unmittelbar verständlich, und wenn wird den Text genau auslegen, wird er beginnen, uns auszulegen.

    Keiner von uns - nehme ich an - ist schon 40 Tage und Nächte durch die Wüste gewandert, doch wir alle - nehme ich an - haben schon unter dem Ginster gesessen und gesagt: Es ist genug! Ich kann nicht mehr. Ich kann nicht mehr ertragen als meine Väter. Wir alle haben in unterschiedlicher Intensität eine einjährige Durststrecke hinter uns. Und ich vermute, auch das Gefühl, zu Ende zu sein mit dem Gottvertrauen, mit Gott, mit der Kirche  ist vielen nicht fremd.

    Ich habe gekämpft und geeifert - es hat nichts genützt. In meinen kleinen Kreisen: Ich habe mir Mühe gegeben, sachgemäß von dir, HERR, zu predigen und in deinem Namen Menschen beizustehen - es hat nicht genützt: Es kommen immer weniger Menschen. Sie verlassen unsere Kirche in Scharen. Da möchte ich mich manchmal unter meinen Ginster der Resignation setzen. Oder sollte ich mich doch in gesellschaftlich relevantere Projekte stürzen? In manch kirchlicher Aktivität scheint mir nicht so sehr der Heilige Geist, sondern der Geist aus dem Ginster zu wirken. „Ich mach´ was, also bin ich“. Es ist hart, seinen Lebensort innerhalb von zwei Generation zur Minorität, in die Irrelevanz schrumpfen zu sehen.

    Aber: Wenn wir uns mit Elia unter unserm Ginsterstrauch sitzend wieder erkennen und weiter lesen und weiter hören - dann werden vielleicht auch wir mit ihm gespeist und weiter gehen.

    1.: Elia macht sich auf den Weg zum Gottesberg, allein (wie er meint). Ein mühsamer Weg: 40 Tage und Nächte; 40 Jahre wanderte Israel durch die Wüste, 40 Tage wird Jesus Christus in der Wüste fasten. Die 40 Jahre der Wüstenwanderung Israels stehen für das Sterben einer Generation. Erst die nächste wird das gelobte Land betreten. Was in mir muss sterben, damit Neues entstehen kann?

    Elia wandert zu jenem Berg, an dem Gott einst durch Mose gesprochen hatte, wo Gottes Gegenwart und Heil sich einst realisiert hatten, in der Erwartung, es möge aufs neue geschehen. Das ist der Grund, warum auch ich seit ungefähr zwei Jahren intensiver als zuvor über meine Bibel beuge, täglich übersetze und lese, ein Tun (kein Machen!), das mich im vergangenen Jahr getröstet und getragen hat.

    2.: Bedeutend ist die Tatsache, dass man den Gottesberg des Alten Testaments geographisch nicht lokalisieren kann: Sinai, Horeb, Gottesberg, Ort des Bundesschlusses, Samaria, Jerusalem, Jakobsbrunnen, Rom, Wittenberg, Augsburg, Barmen - und jede aufgeschlagene Bibel auf dem Schreibtisch oder dem Nachttisch und von mir aus auch gelegentlich die Kanzel unserer Aegidienkirche:

    Wo immer das Urgeschehen sich vergegenwärtigt und dieses Wunder geschieht, dass in menschlichem Wörtern das eine Wort Gottes uns erreicht, da werden wir mit Elia belehrt, dass es nicht der Sturm, nicht das Erdbeben und nicht das hohle Tönen der Lauten und Wichtigen sind, in den Gott uns anspricht. Es ist die Stille, die unhörbar hörbar sich um uns breitet und uns anspricht und fragt: Elia, was machst du hier? Was hast du denn? Wie ist dir zumute? Sag es mir! Dass ich dich tröste und trage und einen Weg weise, den du gehen kannst. Thomas, was machst du hier?

    3.: Und noch ein drittes: So angesprochen und getröstet wird Elia nun nicht aus der Stille auf eine Insel der Glückseligkeit versetzt, sondern Gott schickt ihn zurück ins Getümmel seiner Zeit, in eine Welt die so war, wie sie war, und so bleiben wird bis zum Jüngsten Tag. Das Wunder seiner Güte ist, dass wir nicht restlos aus sind, dass da immer ein Rest bleibt. „Ich will übrig lassen 7000 in Israel“. Das ist nicht viel - doch: 7000, das ist die 7, die heilige Zahl der Einheit von Himmel (3) und Erde (4) x 1000, der Zahl der Unendlichkeit Gottes (1000 Jahre sind wie ein Tag in seinen Augen). Es bleibt ein heiliger, unantastbarer Rest in der Welt und in uns. Und aus ihm wächst in der Welt und in uns ein neuer Anfang, Aufbruch und Anbruch. Das ist das Werk, das Gott in der Stille getan hat und auch an uns tun will.

    Liebe Freunde und Freundinnen, soweit heute die Geschichte von Elia. Mit dem eifernden, übermenschlich wütenden Elia, der dann doch versagte und verzagte, fing es an und mit dem Lob Gottes und dem Dank für seine Wunder, die er in der Stille tut, werden wir aus der Erzählung entlassen. So ist das mit dem Evangelium! Amen.

  • Liebe Freundinnen und Freunde; es geht wieder los. Am Sonntag wird Kollegin Nicola den Gottesdienst leiten, ich darf am 14. 3. Wieder auf die Kanzel. Bitte verfolgen Sie bei Interesse auf der Website der Innenstadtkirchen und unserer Homepage, ob eine Anmeldung nötig ist.

    Im Magazin der Süddeutschen Zeitung gab es heute einen Text über die unerwartete Tiefe der Trauer über den Tod eines Hundes. Ein kluger Text; die Autorin - Gabriela Herpell - war völlig überrascht, welch ein Schmerz sie überrollte. Da sitze ich nun im Ohrensessel und heule vor mich hin. Ulli war gestern mit Moose beim Tierarzt. Die Laborbefunde kommen Montag. In ihrem Text zitiert Gabriela Herpell Zeilen von Pablo Neruda: (Moose lebt!)

    Mein Hund ist tot

    Und ich, ein Materialist, der nicht
    an den versprochenen blauen Himmel glaubt
    für keinen Mensch
    für diesen Hund, für jeden Hund
    glaube ich an den Himmel, ja an einen Himmel
    den ich nicht betreten werde, aber wo er auf mich wartet
    mit seinem Fächerschwanz wedelnd
    damit ich einen Freund habe, wenn ich ankomme.

     

    Liebe Freunde und Freundinnen, morgen bin ich in Kiel, um eine Beisetzung vorzubereiten. Deshalb wird es morgen keinen Text geben. Aber am Sonntag! Wenn ihr mögt - ich duze jetzt einfach einmal liturgisch - lest den Text, den ich auslegen möchte: Altes Testament, 1. Könige, 19, 1 - 13.

  • Gestern habe ich mich furchtbar über jemanden geärgert, fühlte mich auf den Schlips getreten und wollte mich gerade mächtig aufregen, da fiel mir mein alter Freund Epiktet ein. Er lebte von (ca.) 50 - 120 n. Chr. Er war Sklave; in einem Wutanfall hat ihm sein Besitzer beide Beine gebrochen. Schließlich kam er frei und unterrichtete Ethik in  seiner römischen Wohnung. Es hörte ihn auch Arrian, höchster römischer Beamtenadel, Feldherr und Freund Kaiser Hadrians. Er schrieb die Vorträge Epiktets (liebes Rechtschreibprogramm: Es heißt tatsächlich Epiktet und nicht „Etikett“) mit und veröffentlichte sie.

    Der programmatische erste Absatz ist für mich schon oft ein Helfer gewesen:

    Das eine steht in unserer Macht, das andere nicht. In unserer Macht stehen: Annehmen und Auffassen, Handeln-Wollen, Begehren und Ablehnen - alles, was wir selbst in Gang setzen und zu verantworten haben. Nicht in unserer Macht stehen: unser Körper, unser Besitz, unser gesellschaftliches Ansehen, unsere Stellung - kurz: alles, was wir selbst nicht in Gang setzen und zu verantworten haben.

    Was sich in unserer Macht befindet, ist von Natur aus frei und läßt sich von einem Außenstehenden nicht behindern oder stören; was sich aber nicht in unserer Macht befindet, ist ohne Kraft, unfrei, läßt sich von außen behindern und ist fremdem Einfluß ausgesetzt. Denk daran: Wenn du das von Natur aus Unfreie für frei und das Fremde für dein Eigentum hältst, dann wirst du dir selbst im Wege stehen, Grund zum Klagen haben, dich aufregen und aller Welt Vorwürfe machen; hältst du aber nur das für dein Eigentum, was wirklich dir gehört, das Fremde aber für fremd, dann wird niemand jemals Zwang auf dich ausüben, niemand wird dich behindern, du brauchst niemandem Vorwürfe zu machen oder die Schuld an etwas zu geben, wirst nichts gegen deinen Willen tun, keine Feinde haben, und niemand kann dir schaden; denn es gibt nichts, was dir Schaden zufügen könnte.

    Wenn du nach einem so hohen Ziel strebst, dann sei dir bewußt, daß dies mit erheblicher Anstrengung verbunden ist: Du mußt auf manches ganz verzichten und manches zeitweilig aufgeben.

    Wenn du aber nicht nur dieses willst, sondern auch noch der Macht und dem Reichtum nachjagst, dann wirst du wahrscheinlich nicht einmal hierin Erfolg haben, weil du zugleich das andere haben willst. Auf keinen Fall aber wirst du das bekommen, wodurch allein Freiheit und Glück möglich sind. Bemühe dich daher, jedem unangenehmen Eindruck sofort mit den Worten zu begegnen: „Du bist nur ein Eindruck, und ganz und gar nicht das, was du zu sein scheinst.“ Dann prüfe und beurteile den Eindruck nach den Regeln, die du beherrschst, vor allem nach der ersten Regel, ob sich der Eindruck auf die Dinge bezieht, die in unserer Macht stehen oder nicht; und wenn er sich auf etwas bezieht, was nicht in unserer Macht steht, dann sag dir sofort: „Es geht mich nichts an.“

     

    Ziemlich großartig, oder?

  • Es war schon gestern so wie auch heute: Morgens fröstelnd wandern im Nebel, nachmittags mit aufgeknöpfter Jacke im Sonnenschein spazieren.

    Nachmittags liegt jetzt der Frühling in der Luft. Ich habe beim alten Theodor Fontane diese reizenden Zeilen gefunden.

     

    Frühling

    Nun ist er endlich kommen doch
    In grünem Knospenschuh;
    „Er kam, er kam ja immer noch“,
    Die Bäume nicken sichs zu.

    Sie konnten ihn all erwarten kaum,
    Nun treiben sie Schuß auf Schuß;
    Im Garten, der alte Apfelbaum,
    Er sträubt sich, aber er muß.

    Wohl zögert auch das alte Herz
    Und atmet noch nicht frei,
    Es bangt und sorgt: „Es ist erst März,
    Und März ist noch nicht Mai.“

    O schüttle ab den schweren Traum
    Und die lange Winterruh:
    Es wagt es der alte Apfelbaum,
    Herze, wags auch du.

  • Gestern lagen so viele Kleinigkeiten an, dass ich es vor dem Abendessenbesuch (1 Person) nicht mehr geschafft habe zu schreiben.

    Es gibt einen netten Lapsus des Rechtschreibprogramms, auf den mich heute eine aufmerksame Leserin hingewiesen hat. Am Freitag hatte es die „Oden“ des Horaz in die „Öden“ des Horaz verwandelt. Die Oden sind nicht öde. Irgendwie fällt mir dazu der Aphorismus von ? (Lichtenberg?) ein: „Er war dermaßen klassisch gebildet, dass er statt „angenommen“ immer „Agamemnon“ sagte“.

    Und dazu von Voltaire: „Verstand ist das einzige, was der himmlische Vater gerecht verteilt zu haben scheint - keiner fühlt sich zu kurz gekommen“.

    Ich lese in diesen Tagen mehr denn je. Am Samstag habe ich mir eine kleine Reclam - Ausgabe mit 111 englischen Gedichten abgeholt und habe große Freude daran - und eine kleine Melancholie stellt sich ein: Zehn von den Gedichten hatte ich früher auswendig im Kopf: „Shall i compare thee to a summer´s day?“; „Th´expense of spirit in a waste of shame is lust in action“ (Lustgenuss in Fleischesschweiß ist Geistverschleiß), von Coleridge „Kubla Khan“, Shelleys „Ozymandias“, von Keats „La Belle Dame sans Merci“ und von Lord Tennyson „The Lady of Shalott“. Alte Bekannte.

    In diesem Jahr werde ich, wenn alles klappt, 60 Jahre alt. Irgendwie habe ich in diesen Coronatagen das Bedürfnis, nochmal aufzutanken. Lesen, lesen, lesen, denken, und - das ist jetzt eine eigenartige Seelenregung -, es fällt mir schwer zu schreiben, dass ich in diesen Tagen mehr bete als sonst. Merkwürdig, nicht wahr? Dem Pastor fällt es schwer zu sagen, dass er häufiger betet als früher. Seltsam. Allerdings gab es vor zwei Jahren auch schon eine eigenartige Situation: ich hatte dem Kirchenvorstand mitgeteilt, dass ich mich in Zukunft täglich 90 Minuten der Bibellektüre widmen würde. Eine Reaktion aus dem KGR - natürlich hinter meinem Rücken  - war: „Da müssen wir mit der Pröpstin drüber reden - hat er sonst nichts zu tun?“ - In dieser winzigen Bemerkung steckt einer der Gründe für die Krise unserer Kirche.

  • Sonntag „Reminiscere“: Der Name des Sonntags stammt aus dem 25. Psalm, Vers 6: Gedenke, Herr, an deine Barmherzigkeit.

    Mit den beiden großen, aufeinander bezogenen Bibeltexten des heutigen Sonntags kann ich nur wenig anfangen: Aus dem Alten Testament ist es das poetisch bedeutende, sog. Weinberglied des Propheten Jesaja (Jesaja 5, 1 - 7). Der Prophet berichtet von den vergeblichen Mühen eines Weinbergbesitzers. Schließlich läßt er die Rebstöcke roden und den Weinberg planieren. Genau so werde Gott an seinem undankbaren Volk handeln, so der Prophet.

    Im Neuen Testament (Markusevangelium 12, 1 -12) kommt es noch heftiger. Ein Weinbergbesitzer schickt zunächst Diener und dann seinen Sohn, um nach dem Rechten zu sehen. Die Pächter mißhandeln und töten die Knechte, schließlich ermorden sie auch den Sohn des Eigentümers.

    Was wird nun der Herr des Weinbergs tun? Er wird kommen und die Weingärtner umbringen und den Weinberg anderen geben (Mk. 12, 9). Gemeint sind natürlich „die Juden“. Das kann ich nicht predigen.

     

    Heute früh fiel in den Morgennachrichten der Satz: „Die Bevölkerung ächzt unter den Lasten des Lockdowns“. Ich gestehe gern ein, dass auch ich seit einigen Wochen niedergeschlagener, gereizter und nörgeliger geworden bin; wenn dann noch seitens unseres Gesundheitsministers Wasser gepredigt und Wein getrunken wird, ein anderer sich offenbar  - Unschuldsvermutung! - am Maskenhandel bereichert hat, dann knirsche ich schon mit den Zähnen. Ich habe auch schon die gegenwärtige Lage als Passionszeit, als Kreuz bedacht.

     

    Gottseidank fiel mir vorhin ein harter, klarer Text aus den Notizheften der französischen Denkerin Simone Weil (1909 - 1943) in die Hände, der mein Jammern als unernstes Quengeln demaskiert. Ich stimme diesem Text zu.

    „Kreuz. Allein das äußerste Unglück bringt das erlösende Leiden in seiner ganzen Fülle. Es muß also sein, damit die Kreatur sich ent - schaffen kann. Aber man muß es gegen den eigenen Willen auf sich nehmen, man muß darum gefleht haben, es nicht auf sich nehmen zu müssen; es muß Tod und nicht Selbstmord sein. Und da man den Nächsten - das heißt denjenigen, den man auf seinem Weg trifft - wie sich selbst lieben soll, muß man auch versuchen, es ihm zu ersparen. Aber wie man ins eigene Unglück einwilligt, wenn es eintritt, so willigt man auch in das Unglück eines anderen ein, wenn es völlig unmöglich ist, es zu verhindern, aber man tut es mit derselben nicht zu verringernden Bitterkeit. Diese Bitterkeit hindert einen nicht an der Liebe zu Gott, denn sie hindert einen nicht daran, die Schönheit zu empfinden; sie ist eine Voraussetzung, um diese Schönheit empfinden zu können. Gerade durch diese Bitterkeit ist die Ilias schön. Ohne diesen Kern an Bitterkeit gibt es keine Kunst höchsten Ranges.

    Gott durch die Zerstörung von Troja und Karthago hindurch lieben, und ihn ohne Trost lieben. Die Liebe ist nicht Trost, sie ist Licht.

  • Eine Lesefrucht später Abende der vergangenen Woche gilt es noch nachzutragen: Die Karl Lagerfeld - Biographie von Alfons Kaiser. Ein gutes Buch. Wenig Schlüsselloch, viele kulturelle und ökonomische Zusammenhänge: Ganz spannend fand ich, dass Karl Lagerfeld seine Kindheit in bad Bramstedt verbracht hat und der Gemeinderat das verfallende elterliche Herrenhaus in den 70er Jahren hat abreissen lassen. Jeder französische Dorfvorstand hätte das Haus zum Museum für den größten Sohn der Stadt hochpoliert.

    Das Thema Kleidung und Mode wird in Deutschland unterschätzt - wie auch in Skandinavien, Island und Finnland. Je kälter und je weniger Stadt, desto unwichtiger.

    Mich fasziniert diese unfassbare Eleganz der Schaufenster von Paris, Mailand und Rom und es verwirren mich die Geschwindigkeit, in der die Moden einander ablösen, und diese  globale Gelddruckmaschine, die Träume vom schöneren Ego verkauft. „Distinktionsgewinne“: So nennt es Pierre Bourdieu: Du trägst einen „Look“, gehörst „dazu“ - wozu auch immer - und kannst Dich von jenen abgrenzen, die noch die Ware der letzten Saison tragen.

    Interessant finde ich die Tatsache, dass mir als Teil der visuellen Allgemeinbildung zu vielen Designern sofort bestimmte Kleidungsstücke einfallen (Chanel - das kleine Schwarze, Yves Saint Laurent - das Trapezkleid und der Damensmoking; Armani - das ungefütterte Herrenjacket; … ). Bei Karl Lagerfeld fällt mir nur er selbst als Marke ein. Ob der alternde Lagerfeld ein glücklicher Mensch war? Wenn Erfolg im gewählten kreativen Beruf glücklich macht, wenn Aufmerksamkeit, Bewunderung und Geld glücklich machen, dann muss er wohl glücklich gewesen sein. Und trotzdem habe ich nach der Lektüre den Eindruck einer getriebenen, gehetzten Person; irgendwie - ich habe ihn nicht gekannt - wittere ich mehr Dämonen als gute Mächte.

  • Nochmal Horaz: Er hat seine Öden in drei Büchern mit 38, 20 und 30 Gedichten als geschlossene Sammlung herausgegeben. Das erste Gedicht des ersten Buches bezieht sich auf das letzte des dritten, aber auch auf das letzte des ersten. Und natürlich sind das erste und das zweite Gedicht des ersten Buches aufeinander bezogen. Und das erste des ersten Buches auf die ersten des zweiten und dritten Buches. Und so weiter … . Ich kenne keinen weiteren so artistisch durchgearbeiteten Sprachkosmos in der Weltliteratur.

    Seit gestern lese ich die Monographie von Henry Keazor: „Raffaels Schule von Athen. Von der Philosophenakademie zur Hall of Fame“. Nun, ich bin auf Seite 82: Ein großartiges Buch. Neuste medientheoretische Einsichten treffen auf solide kunsthistorische Bildung. Ich habe das gut - ich muss nicht ständig blättern, denn auf der letzten Romreise  - in Zeiten wie diesen ist die Formulierung „letzte Romreise“ fast schon verdächtig - hatte ich mir noch einen Nobeldruck der Schule von Athen gekauft, den ich vom Schreibsessel aus direkt vor Augen habe.

    Noch mehr Buch dieser Woche: Jakob Augstein: „Die Tage des Gärtners. Vom Glück, im Freien zu sein“. Einen Passus habe ich mir vorhin sofort angestrichen:

    „Es ist mit dem Garten wie mit vielen anderen Dingen im Leben: Wenn man keine Ahnung hat, denkt man, es ist leicht. Wenn man ein bisschen Ahnung hat, fürchtet man, es nicht zu bewältigen. Und wenn man ein bisschen mehr Ahnung hat, sieht man: es geht schon“.

    Ulli ist heute geimpft worden - mit Astrazeneca. Eine erfahrene Medizinerin, die heute das Tagebuch abholte, sagte nur „bravo, richtig“. Ich bin ein wenig neidisch.

  • In den vergangenen Monaten bin ich einige Male gefragt worden, was denn an dem römischen Dichter Horaz so besonders sei. Manche Leser dieses Tagebuchs hatten sich im Netz Gedichte von Horaz angesehen, doch wollte so recht kein Funke überspringen. Deshalb hier ein Versuch mit einem kleinen Gedicht, das ich heiß und innig liebe. Zunächst die vier Strophen von Ode 1,5 in der Übersetzung von Bernhard Kytzler:

     

     

    Welch schlanker Knabe, im Reichtum der Rosen,
    überströmt von duftendem Naß, bedrängt
    dich, Pyrrha, in lieblicher Grotte?
    Für wen bindest du das blonde Haar,

    einfach im Schmuck? Ach! Wie oft wird er deine Treue
    und die umgestimmten Götter beweinen und rauhe
    Meere voll düsterer Stürme
    bestaunen, der Unerfahrene,

    der jetzt dich genießt, leichtgläubig, du Goldene
    der immer dich frei, immer hold
    erhofft, unwissend, wie der Wind
    trügt. Unselig die, denen

    ungeprüft du erglänzest! Von mir an heiliger
    Mauer die Votivtafel kündet, wie ich feucht noch
    aufgehängt habe dem mächtigen
    Meergott meine Gewänder.

     

     

    Das Thema des kleinen Gedichts: Die schöne Pyrrha hat sich von Horaz abgewandt und ihre Gunst einem Jüngeren geschenkt. Horaz blickt zurück und prophezeit dem jungen Mann, das unruhige Zeiten auf ihn warten. Er ist froh, dass er die Geschichte hinter sich gebracht hat. Die Erfahrung der unglücklichen Liebe verschränkt Horaz mit dem Bild einer Seefahrt und eines Schiffbruchs, den er überlebt und seine nassen Gewänder als Votivgabe einem Gott gestiftet hat.

    Das Meerbild beginnt schon mit dem „Naß“ in Zeile 3 und nimmt dann immer mehr Raum ein, bis am Ende der Dank nach überstandenem Schiffbruch dominiert.

    Eine Stimmung von reifer, lächelnder, wissender Resignation liegt über diesem kleinen Wunder. Was Horaz sprachlich hier macht, ist unglaublich. Ich habe Ihnen eine Interlinearübersetzung  - unter jedes lateinische Wort das deutsche - angefertigt, die Ihnen vielleicht eine Ahnung von der Raffinesse der Gestaltung vermittelt. Bereits der 1. Vers:

    In der Mitte steht „te“ (also: Pyrrha). Sie wird gerahmt von „gracilis“ (schlank) und „puer“ (Knabe) - schließlich umarmt er sie - auf einem Lager aus Rosen; deshalb als Rahmen „multa“ (Menge) und „rosa“ (Rosen). Die Wortarchitektur bildet also die Szene der Umarmung ab. Mit solcher Sorgfalt ist das ganze kleine Gedicht gebaut. Ein Wunder eben.

     

    Die Übersetzung von Thomas Baltrock

    Horaz, carmen I, 5:

    Quis multa gracilis te puer in rosa
    Wer  Mengen schlank dich Knabe in von Rosen

    Perfusus liquidis urget odoribus
    durchtränkt von flüssigen bedrängt Düften

    grato, Pyrrha, sub antro?
    lieblicher, Pyrrha, in Grotte?

    cui flavam religas comam
    wem blondes bindest du Haar

     

    simplex munditiis? heu quotiens fidem
    einfach durch Aufwand? ach, wie oft Treue

    mutatosque deos flebit et aspera
    und verwandelte Götter wird er beweinen und rauhe

    nigris aequora ventis
    der schwarzen Meere Stürme

    emirabitur insolens,
    wird er bestaunen unerfahren,

     

    qui nunc te fruitur credulus aurea,
    der jetzt dich genießt, leichtgläubig, goldene,

    qui semper vacuam, semper amabilem
    der immer frei, immer liebenswürdig

    sperat, nescius aurae
    erhofft, nicht wissend der Winde

    fallacis. miseri, quibus
    täuschenden. Elend, denen

     

    intemptata nites: me tabula sacer
    ungeprüft du glänzt: mich Tafel an heilig

    votiva paries indicat uvida
    gestiftete Mauer zeigt nasse

    suspendisse potenti
    aufgehängt zu haben dem mächtigen

    vestimenta maris deo.
    Gewänder des Meeres Gott.

  • Gestern habe ich nichts geschrieben; es ging mir eigenartig. Nachdem Feuer im Nachbarhaus am frühen Samstagmorgen verbrachte ich das Wochenende in den gewohnten Spuren. In der Nacht auf Montag dann heftige Träume - Feuer auf einem Schiff, Zwangsräumung der Wohnung durch vermummte Beamte, der Hund war nicht aufzufinden: Da musste noch etwas abgearbeitet werden. Und auch gestern trieb mich eine seltsame Rastlosigkeit durch den Tag.

    Heute nun: Da denkt man an nichts Besonderes, schlägt nach der Hunderunde die Losungen auf - und es macht bum! Ein Vers aus einem der monumentalsten Kapitel des Alten Testaments, Jesaja 6. Die Losung ist Vers 8:

    Ich hörte die Stimme des Herrn, wie er sprach: Wen soll ich senden? Wer will unser Bote sein? Ich aber sprach: Hier bin ich, sende mich!

    Es lohnt sich, dieses sechste Kapitel im Buch des Propheten Jesaja einmal zu lesen, laut zu lesen: Die Szene spielt im Jahr 736 v. Chr. Im Jerusalemer Tempel. Jesaja wird zum Propheten berufen. Die Bilder, die Jesaja benutzt, sind gut verständlich, doch benutzt er sie so, dass sie jegliche Vorstellung sprengen: Gott sitzt auf einem Thron im Tempel, er trägt ein Gewand. So weit, so gut: Wer sitzen will, braucht einen Po. Hat Gott also einen Podex? So kann Jesaja das nicht gemeint haben wollen, denn er bricht die Vorstellbarkeit der Theophanie durch Steigerung ins Ungeheure. Gott ist zwar im Tempel, aber auch nicht: Gerade einmal der Saum seines Gewandes füllt das Heiligtum, das zudem von Rauch erfüllt ist.

    Die Engel singen das Dreimalheilig, das als Sanctus noch in unserer Abendmahlsliturgie eine Rolle spielt. Hier wird ganz klar, dass „heilig“ etwas anderes ist als moralische Sauberkeit: Der Fall des „Heiligen“ ist gegeben, wenn der Mensch mit Furcht und Begeisterung auf ein Phänomen reagiert. Der Theologe Rudolf Otto hat diese, wie ich meine, zutreffende Definition im Jahr 1917 formuliert; das Heilige sei „tremendum et fascinosum“ zugleich - beglückend und verstörend.

    Mich beschäftigt diese Einsicht seit meiner ersten Lektüre von Ottos schmalem Buch. Und mich ödet die Abwesenheit dieser irritierenden, irrationalen Kategorie des religiösen Erfahrens in so vielen unserer Andachten, Gottesdiensten und sonstiger Erbaulichkeiten einfach  nur noch an. Dass die Erfahrung des Heiligen erschüttert, radikal vereinzelt, nichts will und nichts bedeuten will, scheint vergessen. Und sie ist nicht mitteilbar, bevor einem nicht ein Engel glühende Kohlen an die Lippen gelegt hat - schon wieder so ein Bild - eigentlich völlig klar, doch das Gemeinte ins Geheimnis verschleiernd.

    Der Auftrag an Jesaja im letzten Drittel des Kapitels ist dann nochmals erschütternd … . Lesen Sie selbst!

    Ich denke, zur Zeit erscheint diese Kategorie des Heiligen im kirchlichen Leben am ehesten in Momenten der Kirchenmusik und für mich in manchen Momenten der Feier des heiligen Abendmahls.

  • „Er wird mich anrufen und ich werde ihn erhören“ (Psalm 91,15) - daher der lateinische Name des Sonntags.

    Evangelium des Sonntags ist die Versuchung Jesu nach Matthäus 4, 1 - 11. Viele Predigten über diesen Text landen mir zu schnell bei Alltagserfahrungen wie der nächtlichen Torte im Kühlschrank  - Fastenzeit eben.

    Tatsächlich geht es in diesem mythischen Text um eine andere Dimension: Wer hat die Macht in dieser Welt? Der Teufel bietet Jesus Sättigung, Herrschaft und die Bewahrung des eigenen Lebens in Gefährdung. Jesus Christus hält seinem Vater die Treue, der Teufel verschwindet und es erscheinen Engel, um Jesus Christus zu dienen. Er bleibt verbunden mit dem Willen seines Vaters und verkörpert ihn in dieser wunderbaren, doch gefallenen Welt.

    „Versuchung“: Da fällt mir sofort der Aphorismus von Oscar Wilde ein: „Ich bedaure jede Versuchung, der ich nicht nachgegeben habe“. Der Satz mag ja ganz geistreich sein, doch halte ich ihn für riskant. Warum? Weil es in der menschlichen Seele keine „Reset - Taste“ gibt. „Zurück auf Anfang“ gibt es bei Brettspielen, aber nicht im menschlichen Leben. Und wie bitter haben schon viele Menschen dafür bezahlt, dass sie etwas „nur einmal ausprobieren“ wollten.

    „Und führe uns nicht in Versuchung“ heißt es im Vaterunser. Führt Gott in Versuchung? Einer der Predigttexte des heutigen Sonntags ist Hiob 2: Gott lässt Satan sich an Hiob austoben, um dessen Treue auf die Probe zu stellen. Das Buch Hiob wird später erstaunliche und erschütternde Einsichten bereit halten, doch in diesem „Vorspiel im Himmel“ erscheint der Mensch als Laborratte Gottes.

    Wenn Gott der Grund der Welt ist, dann stammen auch die „Gelegenheiten“ von ihm, doch letztlich gerät hier menschliche Logik ins Hintertreffen. Es bleibt die Bitte, dass sich manche „Gelegenheiten“ nicht einstellen mögen.

    Heute übrigens der erste Frühlingstag samt Kaffee auf der Dachterrasse und erstem Werkeln im Garten. Gestern übrigens eine kleine Sensation. Im Ahorn in unserem Gärtchen saß nachmittags ein leibhaftiger Sperber und beobachtete interessiert das Treiben der Amseln und Meisen.

     

  • Heute Nacht wurde ich gegen 3.30 Uhr von Sturmklingeln an der Haustür aus dem Schlaf gerissen. Mal wieder besoffene Idioten? nein, keineswegs: In der Aegidienstrasse 71 brannte eine Wohnung lichterloh, hohe Flammen schlugen aus den Fenstern, ein Paar wurde samt Hund mit der Drehleiter aus dem Haus geholt. Ich habe Ulli geweckt und Dinge in eine Reisetasche geschmissen: Reisepass, Geburtsurkunde, MacBook, Brille, Zahnbürste, Versicherungspolice und Hundeleine. Die Tasche und den Hund unten im Hausflur abgestellt und raus!

    Unser Haus schien nicht gefährdet. Wir haben dann vier Personen und einen kleinen  verängstigten Hund zu uns ins Pastorat geholt. Da saß man nun und wartete. Eine Person ist beim Brand ums Leben gekommen. Wir alle wussten, wer es war - doch das gehört hier nicht hin.

    Da singt man oft und gern im Gottesdienst Lied Nr. 447 „Lobet den Herren“ mit der vierten Strophe:

    Dass Feuerflammen uns nicht allzusammen
    mit unsern Häusern unversehns gefressen,
    das macht´s, dass wir in seinem Schoß gesessen.
    Lobet den Herren!

    Und dann ist es plötzlich Realität. Beeindruckt hat mich die Professionalität der Rettungskräfte, Abläufe wie eine Choreographie, - und - in aller Aufgeregtheit der Situation - ihre freundliche Fürsorge für die Menschen, die aus dem Schlaf gerissen auf dem Aegidienkirchhof standen. Das war großartig. DANKE!

    Als dann heute Vormittag NDR 1 berichtete, dass in der Aegidienstraße in Lübeck bei einem Hausbrand zwei Personen und ein Hund von der Feuerwehr gerettet worden seien, stand das Telefon nicht mehr still.

    Uns ist nichts passiert, es geht uns gut, und doch: Eine seltsame Unruhe und Verunsicherung hat mich heute durch den Tag getrieben.

  • Ich bitte zu entschuldigen, dass es gestern keinen Text gab - nachmittags war ich in einem Hospiz und dann war es plötzlich schon spät. Aber nun:

    Das Christentum in der Neuzeit
    Zwischen Kirchenspaltung und Gegenwartsverlust

    Als Giovanni die Medici im Jahre 1513 als Leo X. zum Papst gekrönt wurde, soll er gesagt haben: „Der Herr hat uns dieses Amt gegeben, also lasst es uns genießen“. Zur gleichen Zeit bereitete sich im fernen Wittenberg der Augustinermönch Martin Luther auf seine Vorlesungen über die Psalmen vor. Zweimal Kirche im frühen sechzehnten Jahrhundert: Hier ein lebenslustiger, kunstsinniger Papst, der übrigens bereits als Dreizehnjähriger Kardinal geworden war, dort der mit Texten ringende Theologe - beide sind Männer der Renaissance und wirken bis heute, wenn auch auf höchst unterschiedliche Weise.

    Die Renaissancepäpste - Sixtus IV., Alexander VI., Julius II. und Leo X. sind bis heute im Christentum präsent. Nicht als religiöse Leitfiguren, sondern als Mäzene und Kunstsammler: Bramante, Raffael, Michelangelo und viele andere Künstler schufen im Auftrag der Päpste großartige Kunstwerke, vor denen noch heute Menschen religiöse Erfahrungen machen. Natürlich hatte der päpstliche Hof nichts, aber auch gar nichts mit den Forderungen und Verheißungen des Mannes aus Nazareth zu tun, doch haben die Päpste damals mit Wirkung bis heute das Christentum mit Kunst ausgestattet und wirken damit weit über Konfessions- oder Religionsgrenzen hinaus. Die Erschaffung Adams und das Jüngste Gericht in der sixtinischen Kapelle, die sixtinische Madonna - heute in Dresden - und die Kuppel der Peterskirche sind Ikonen der Weltkunst.

    Luther dagegen arbeitete an Texten. Ganz nach Art der Humanisten vertiefte er sich in den antiken Text der Bibel und erkannte immer klarer, dass die Kirche seiner Gegenwart nicht im Sinne ihres Stifters lebte. Luther war nicht konfliktscheu. Indem er sich Schritt für Schritt voran argumentierte, wurde ihm der Skandal des florierenden Religionsgeschäfts seiner Zeit immer bewußter. Was waren die Ergebnisse der Arbeit Luthers? Eine Bibel in deutscher Sprache und damit eine Aufwertung der Laien in der Kirche. Eine radikale Konzentration der Frömmigkeit auf die Figur Jesu Christi: Ablass, Reliquienkult, Heiligen- und Madonnenverehrung, der Wallfahrtsbetrieb und das Mönchtum sanken unter Luthers Feder in sich zusammen, wo seine Worte gehört wurden.

    Paradoxerweise hat Luther nicht nur die neue protestantische Lebensform begründet, sondern indirekt die katholische Kirche gleich mit reformiert: Unter dem Druck der entstehenden evangelischen Kirchen raffte auch Rom sich zu einer einschneidenden Selbstbesinnung und Präzisierung eigener Standpunkte auf. Das Konzil von Trient beseitigte die meisten Auswüchse des vorreformatorischen Kirchenbetriebs. Salopp formuliert: Mit dem Lotterleben in Rom war nun Schluß - Feigenblätter und Lendenschurze legten sich über die Gestalten der Renaissance.

    Beide Gestalten des Christentums wurden rasch zu Spielbällen politischer Interessen: Im dreißigjährigen Krieg zerfleischten sich die europäischen Mächte im Namen der Konfessionen. Alle unabhängigen Geister der Epoche durchschauten, dass es nicht mehr um Religion ging, doch keine evangelische theologische Fakultät und kein Papst erhoben ihre Stimme, um diesen Sachverhalt auszusprechen. Es gab zwei Gegenstimmen gegen den westfälischen Frieden von 1648: Die deutschen evangelischen Theologieprofessoren und Rom. Der dreißigjährige Krieg endete mit einem beispiellosen Ansehensverlust des Christentums in Europa.

    Womit wir bei den Schatten des Christentums in der frühen Neuzeit wären:

    Die Eroberung, Verwüstung und Plünderung Lateinamerikas unter dem Deckmantel der Christianisierung - eine empörte Stimme wie die des Franziskanerpaters Las Casas verhallte ungehört. Die frühe Neuzeit erlebte den Höhepunkt von Inquisition und Hexenwahn - die Scheiterhaufen brannten unterschiedslos in katholischen und protestantischen Territorien. Vereinzelte Gegenstimmen wie der Jesuit Friedrich Spee von Langenfeld auf katholischer und der Erfurter Theologieprofessor Johann Matthäus Meyfart auf evangelischer Seite blieben wirkungslos

    Einen tiefen historischen Einschnitt brachten die französische Revolution und die napoleonischen Eroberungen: Zum ersten Mal in der europäischen Geschichte gab es Religionsfreiheit. Glaube entwickelte sich zu einer privaten Angelegenheit. Gleichzeitig erlebte man, dass nicht nur Gottesbilder, sondern auch Parolen wie Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit ihren Blutzoll fordern konnten. Abermals erwies sich der mensch als unzähmbar.

    Geistesgeschichtlich stürzte die Aufklärung das Christentum und die Kirchen in eine tiefe Krise. Was ist Aufklärung? „Der Ausgang des Menschen aus selbstverschuldeter Unmündigkeit“. Seit dem frühen Christentum hatten Theologen versucht, Glauben und Denken miteinander in Einklang zu bringen oder zumindest beide aufeinander zu beziehen. Jedoch war seit der Renaissance das Wissen über die Welt in bis dahin unbekannter Dynamik förmlich explodiert. Glaube und Denken, Glaube und Wissen gerieten immer mehr in Widerspruch. Institutionen sind immer konservativ - die Kirchen gerieten in die Defensive. Am Beginn der Entwicklung steht symbolisch der Prozess gegen Galileo Galilei, am Ende jene Gerichtsverhandlungen in den USA, in denen die biblische Schöpfungsgeschichte gegen das Denkmodell der Evolutionslehre durchgedrückt werden soll. Zwischen die drei großen Herausforderer: Charles Darwin, Siegmund Freud und Karl Marx.

    Die Auseinandersetzungen verliefen und verlaufen nicht nur zwischen Kirche und säkularer Welt, sondern quer durch die Christenheit selbst. Und die Grenzen unterschiedlicher Bewertung des Wissbaren und Denkbaren verlaufen quer durch die einzelnen Konfessionen - vielleicht hat sich die katholische Kirche im 19. Und 20. Jahrhundert etwas schwerer getan, neue Erkenntnisse zu akzeptieren.

    Mit der Reformation und in Auseinandersetzung mit neuem Wissen haben sich die großen westlichen christlichen Gemeinschaften in diskutierende Kirchen verwandelt. Man kann es auf jedem Kirchtag erleben: Christen bekennen ihren Glauben in pluralistischer Vielfalt. Ob diese Tatsache zu begrüßen oder als Verfallserscheinung zu deuten ist - bereits das gehört zu den umstrittenen Fragen.

  • Es ist ein gutes Jahr her, dass ich hier zwei Frühlingsgedichte vorgestellt habe - ein deutsches und ein japanisches.

    Die mittelalterliche Lyrik Japans hat ein genaues Auge auf den Wechsel der Jahreszeiten; deshalb hier nun drei Gedichte aus dem 12. Jahrhundert über die Zeit, in der es nicht mehr Winter und noch nicht Frühling ist - so wie heute in Lübeck:

     

    Tief in den Bergen
    weiß man noch nichts vom Frühling.
    An der Kieferntür
    langsam erst rinnen herab
    Perlen tauenden Schnees.
    PrinzessinShikishi

     

    So trüb ist alles.
    Im Heimatdorf noch immer
    im dicktiefen Schnee
    zeigt sich keines Fußes Spur:
    Und doch zog der Frühling ein.
    Kunaikyo

     

    Selbst in Felsspalten
    das Eis, am Morgen heut, es
    begann zu schmelzen -
    unter dem Moos als Wasser
    sucht es sich wohl seinen Weg.
    Der Mönch Saigyo

  • „Am Aschermittwoch ist alles vorbei …“ heißt es in einem Karnevalsschlager; in diesem Jahr fällt es schwer, bei diesem Text nicht sarkastisch zu werden.

    Sieht

    Der Innenstadtkonvent hat heute dafür votiert, mit dem Ende des Lockdowns, also genau gesagt, einen Tag zuvor, am 7. März die Präsenzgottesdienste wieder aufzunehmen. Beschließen muss das natürlich für Aegidien unser KGR. Dann würde ich am 9. März den Konfirmandenunterricht wieder aufnehmen können.

    Und nun habe ich eben 2000 Zeichen über japanische Lyrik zu Schneeschmelze und beginnendem Vorfrühling aus Versehen gelöscht. Schlechte Stimmung an der Tastatur - morgen mehr!

    PS.: Den vierten Teil der Kirchengeschichtsreihe „Neuzeit“ gibt es am Freitag!

  • Hier nun der kleine Text über das mittelalterliche Christentum:

     

    Mönche, Dome, Blutvergießen
    Das mittelalterliche Erbe

     

    Als „Mittelalter“ bezeichnet man die Epoche vom Untergang des römischen Reiches bis zum Zerbrechen der westlichen Kircheneinheit in Katholizismus und Protestantismus. Am Anfang steht die Christianisierung Mittel- und Nordeuropas - ein Projekt, von dem gut gelaunte Kölner behaupten, es sei in der norddeutschen Tiefebene niemals abgeschlossen worden -, auf dem Scheitelpunkt des Jahrtausends der offizielle Bruch mit der Ostkirche (1054), am Ende Renaissance und Reformation.

    Was sind die prägenden Erfahrungen jener Jahrhunderte?

    Gegen Macht, Reichtum und Korruption der hochmittelalterlichen Kirche keimte im Christentum die Sehnsucht nach einer armen und friedlichen Kirche auf. Armut und Frieden: Beides wurde exemplarisch gelebt vom sympathischsten aller Heilgen, Franz von Assisi. Über die Konfessionsgrenzen hinweg ist man sich heute darüber einig, dass er Christus glaubwürdiger repräsentierte als die prunkenden Kirchenfürsten seiner Zeit. Bis in die Lübecker Innenstadt kann man die Faszination seiner Ideale für die Menschen seiner Zeit verfolgen: St. Katharinen, die Franziskanerkirche, steht an architektonischem Anspruch kaum hinter Dom und Marienkirche zurück. Damit wird aber auch die Tragik der Bettelorden klar: Die Menschen überhäuften die Orden der Franziskaner und Dominikaner (Burgkloster mit Magdalenenkirche) mit Spenden - nicht alle widerstanden der erdrückenden Zuneigung der Gläubigen.

    Die Gräueltaten der Kreuzfahrer dürfen nicht verschwiegen werden. Insbesondere die Massaker von Antiochia 1097 und Jerusalem im Jahr 1099 hat die muslimische Welt bis heute nicht vergessen. Im Unterschied zu privaten Erbschaften kann man in der Historie keine Last ablehnen, man muss sie tragen.

    Ferner: Im Mittelalter  - da ist es wirklich dunkel - vergaß die Christenheit, dass das Judentum Mutter- und Schwesterreligion ist. Es gibt da nichts zu beschönigen: Der mittelalterliche Judenhaß ist eine der Wurzeln für die Verbrechen an den Juden im 20. Jahrhundert. Einzelne Gegenstimmen blieben Rufer in der Wüste.

    Schließlich verwandelte sich im Mittelalter die gesamte Kirchenstruktur: Aus einer kollegial verwalteten Kirche, in der niemand bestritten hatte, dass dem Bischof von Rom ein „Ehrenprimat“ zustehe, wurde eine zentral verwaltete absolute Monarchie, gipfelnd in den Ansprüchen auf Weltherrschaft von Papst Bonifaz VIII (Bulle Unam Sanctam von 1302).

    Der erbittert geführte Kampf um die Herrschaft über die Kirche wurde an zwei Fronten ausgetragen: Nach innen und nach außen: Im Streit um die Besetzung der Bischofssitze verbaten sich die Päpste jegliche Einmischung der weltlichen Herrscher. Die Kirche sollte frei sein.

    Was diese Teilung der Macht in zwei Gewalten bedeutet, zeigt ein Blick nach Russland, wo sich die Kirche den alten und neuen Zaren bereitwillig unterwarf.

    Ein glanzvolles Erbe des Mittelalters ist seine wissenschaftliche Theologie: Es ist nicht selbstverständlich, dass eine Priesterkaste daran geht, ihre Traditionen rational zu durchleuchten. „Wissenschaftlich“ ist die mittelalterliche Theologie, weil sie über logische Vorraussetzungen, historische Quellen und ihre Methoden Auskunft geben kann.

    Eine Kostprobe: Der Gottesbeweis des Anselm von Canterbury:

    Gott ist der, über den hinaus nichts Größeres gedacht werden kann.

    Also kann Gott nicht nur im Denken existieren.

    Notwendigerweise muss er auch real existieren.

     

    (Denn wenn Gott nur ein Gedanke wäre, könnte etwas Größeres gedacht werden - nämlich, dass er auch real existiert.)

     

    Die Gedankengebäude sind oft mit den goßen gotischen Kathedralen verglichen worden. In beiden Systemen verbinden sich zahllose Details in ausgeklügelten Proportionen zu himmelstürmenden Architekturen in vollkommener Ausgewogenheit. Die gotischen Kathedralen waren bis ins 19. Jahrhundert die höchsten Gebäude der Welt, das theologische Lehrbuch für Anfänger des Thomas von Aquin bringt es in seiner neuen Ausgabe auf sechzig Bände!

    Mögen manche Positionen mittelalterlicher Theologie heute obsolet geworden sein, die Gründlichkeit und Präzision der alten Denker ist auch heute ein mahnender Zeigefinger für religiöses Denken und Sprechen.

    Erst im Mittelalter entstand schließlich ein Jesusbild, das bis heute viele unserer Kirchen prägt: Der leidende Christus am Kreuz. Dieser geschundene, ausgemergelte Körper bot und bietet den Gläubigen einen Spiegel und Trost für eigene Leiderfahrungen - und ist zur Zeit pädagogisch sehr unkorrekt - „das kann man Kindern nicht zumuten…“ - DOCH!

    Lust und Last des mittelalterlichen Erbes werden bis heute in Gestalt unserer Bauten besonders deutlich: Ich weiß, was mir „meine“ kleine Aegidienkirche bedeutet, wie oft ich im vergangenen Coronajahr allein drüben war, um mich vom Geist des Raumes bergen zu lassen. Andererseits verschlingen diese Bauten Unsummen. Und ein Franz von Assisi hätte vermutlich den Kopf missbilligend geschüttelt, wenn Gemeinden zu Anhängseln ihrer Bauausschüsse mutieren.

     

    Nachschlag

     

    Nachschlag: Heute wurde ich für die frühe Hunderunde mit einem großartigen Morgenrot belohnt, wie ich es in diesen Breiten selten gesehen habe.

    Jetzt (16.30 Uhr) herrscht gerade Schneetreiben. Wie wohltuend waren doch der Schnee  und die klare Kälte der vergangenen Tage!

    Ulli hat gestern den Apfelkuchen aus dem römischen Restaurant „La Campana“ gebacken und der ist diesmal richtig gut gelungen.

    Heute wird es bei uns bodenständig: Es wird gefüllte Paprika geben.

    Der Mittelaltertext hat mir heute Schwierigkeiten gemacht. Es fehlen Gestalten, Kunstwerke, Bauten und Schriften. Ich nenne nur - völlig ungeordnet und spontan: Otto der Große, Friedrich II von Hohenstaufen, Hildegard von Bingen, Bonaventura, Meister Eckhart, Nicolaus von Cues, Giotto, die Miniaturen der Brüder Limburg, der Klosterneuburger Altar, der Dreikönigsschrein, die Reichskleinodien, Memling, Rogier van der Weyden, Jan van Eyck, die Gobelins im Musée Cluny in Paris, der Hof von Burgund, Parzival, die Troubadoure, Eleonore von Aquitanien, Dantes Göttliche Komödie, und und und … . Mit Kirchen, Kapellen und Klöstern fange ich gar nicht erst an. Welch ein Reichtum!

    Die gedruckte und gebundene Version des Tagebuchs vom 1. Advent bis Mariä Lichtmess liegt für alle mobilen BestellerInnen im Pastorat Aegidienstr. 75 zur Abholung bereit. Ich bitte um einen kurzen Anruf zwecks Terminabsprache unter 0451 / 48 99 85 35!

  • Das Mittelalter kommt Morgen; etwas anderes beschäftigt mich: Nicht kalendarisch, sondern im Kirchenjahr habe ich hier vor einem Jahr den ersten Text geschrieben. Es war der letzte Sonntag vor der Passionszeit - Estomihi - 2020. Und ich fürchte, ich hatte die Lage relativ sachgerecht eingeschätzt mit dem Satz, ich glaube es nicht, dass diese Krise in einem halben Jahr überwunden worden sein werde. „Ende einer Epoche“ hatte ich phantasiert - ich denke, die Phantasie realisiert sich.

    Ein Jahr mit Corona: Meine Lebenspraktiken sind zum Teil zusammengebrochen - Reisen, Geselligkeiten, Gottesdienste - zum Teil haben sie standgehalten und sich bewährt: Der Hund, die Küche, der Garten, die Bücher.

    Der Himmel heute verhöhnte mit seinem strahlenden Blau meine Stimmung. Ich sehe kein Ende der Pandemie. Bis Morgen!

  • Heute früh war es schon hell, als ich um 7.50 Uhr zum Brink aufbrach.

    Schnee, 8 Grad Celsius minus, ein wolkenloser Himmel. Und ornithologisch auf der kurzen Strecke entlang des Krähenteichs bis zur Mühlenbrücke blieben wenige Wünsche offen. Am Schleusenhäuschen hatten die Gänsesäger beschlossen, den Frühling einzubalzen. Dann Kanada- und Graugänse, Teich- und Bläßhühner, natürlich Stockenten und Schwäne. Weiter am Kanal Kohlmeisen, Blumigen, Schwanzmeisen, Sumpfmeisen, Rotkehlchen und ein Zaunkönig, der eine Amsel jagte. Ein seltener Gast: Eine hübsche Rotdrossel ganz nah am Weg. Die letzte hatte ich im Norden Islands 2019 am Myvatn  erspäht.

    Den Rest des Tages füllten das große Abenteuer eines Einkaufs bei Aldi und die Vorbereitung für den Mittelaltertext, der morgen oder übermorgen geschrieben werden soll. Und ein Höhepunkt dieser Tage. Im vergangenen Jahr wollte ich im Frühjahr für einige Tage nach Rom, um die Raffael - Ausstellung in den Scuderie des Quirinals anlässlich seines 500. Todestages zu besuchen. Die größte Raffaelausstellung ever. Nach drei Tagen wurde die Ausstellung geschlossen - Sie wissen schon … .

    Aber gestern entdeckte ich im Fenster eines Buchladens in der Hüxstrasse den Katalog. Und so habe ich heute Nachmittag in Raffael geschwelgt.

    Und gekocht. Wir haben heute Abend eine Freundin zu Gast, in diesen Tagen eine seltenes Vergnügen. Es gibt als Hauptgericht eine geschmorte Oberschale aus der Damhirschkeule mit Rosenkohl und Spätzle, handgeschabten Spätzle vom Brett. Als vorhin zufällig Jackson Pollock und Cy Twombly in die Küchen kamen und meine Spätzle  sahen, begannen sie zu weinen … : Kulinarisch abstraktes Informel.

  • Heute nun die „Alte Kirche“: ich hoffe, ich werde fertig, denn ich bin spät dran. Ich wurde heute um vier seelsorgerische Gespräche gebeten und die hatten natürlich Vorrang.

    Denker, Löwen, Dogmen
    Die Alte Kirche

    Mit „Alter Kirche“ bezeichnet man die Kirche auf dem Boden des römischen Reiches. Meist läßt man diese Epoche im Westen mit Papst Gregor dem Großen (590 - 604) enden, im Ostreich ist die Lage weniger klar, oft wird Johannes von Damaskus als letzter Theologe der Alten Kirche des Ostens genannt. Er starb im Jahr 754.

    Im Laufe von zwei Jahrtausenden ist das Christentum gewachsen wie ein Baum, um dessen Kern sich immer neue Ringe legen. Nichts verschwindet ganz, auch wenn es nicht mehr augenfällig ist. Mit unterschiedlichen Akzenten sind Antike, Mittelalter und Neuzeit in jedem Gottesdienst gegenwärtig.

    Welche Phänomene und Entscheidungen des antiken Christentums sind bis heute wirkmächtig?

    Am wichtigsten ist ein Buch, unsere Bibel. Man übernahm trotz heftigen Widerstands einiger Gruppen die Heilige Schrift des Judentums - unser Altes Testament -und stellte ihr eine Sammlung eigener Schriften zur Seite - unser Neues Testament. Beide in griechischer Sprache. Erhellend sind hier Unterschiede zum Islam: Der Koran ist ein Buch - mehr oder weniger - aus einem Guss. Am Beginn der Kirche steht eine Sammlung höchst unterschiedlicher Schriften - Widersprüche inklusive. Diese Struktur zwingt nicht zu Gehorsam, sondern zur Interpretation. Die Vieldeutigkeit der Schriften begründet die Kirchengeschichte als Geschichte niemals endender Streitigkeiten, zuweilen als Geschichte schwer erträglichen Gezänks.

    Judentum und Islam sind Buchreligionen, das Christentum dagegen bezieht sich auf eine Person, die in den Schriften vorhergesagt und dokumentiert wird. Deshalb gibt es vor der Bibellektüre keine rituellen Reinigungen. (Obwohl jedes Buch gewaschene Hände liebt).

    Als das Christentum in die Weite der griechisch-römischen Welt eintrat, veränderte es sich. Schließlich hatten jene Menschen, die Christen wurden, vorher nicht an nichts geglaubt, sondern brachten eigene, oftmals unbewußte Vorstellungen und Gewohnheiten mit in die sich bildende Kirche. Niemand legt jemals seine Vergangenheit ganz ab.

    Unauslöschlich hat sich dem Christentum eingeprägt, dass es in den ersten Jahrhunderten in Distanz zur staatlichen Gewalt gelebt hat. Die frühe Kirche wuchs als verfolgte Kirche. „Das Blut der Märtyrer ist der Same der Kirche“ schreibt ein Theologe des zweiten Jahrhunderts in Nordafrika. Das religionspolitisch liberale römische Reich forderte in Krisenzeiten öffentliche Opfer vor dem Standbild des Kaisers und den Schutzgöttern des Imperiums. Wurden solche Riten verlangt, rieten viele Bischöfe ihren Gemeindegliedern zur Flucht aus den Städten - man soll nichts auf sich nehmen, was man nicht ertragen kann. Kam es hart auf hart, verlangte die Kirche die Verweigerung des Opfers - mit dem Tod als Konsequenz.

    Natürlich wurden viel Christen schwach, vollzogen die Opfer oder besorgten sich durch Bestechung der Behörden Opferbescheinigungen.

    Die Fragen nach dem Umgang mit den Abgefallenen nach dem Ende der Verfolgungen stürzte die Gemeinden in heftige Auseinandersetzungen. Viele Christen meinten, wer abgefallen sei, sei ein für allemal draussen. Unter den Vertretern dieser Meinung waren viele, die vor dem Ende der Verfolgung selbst enteignet und gefoltert worden waren. Doch die Kirche entschied auf mehreren Synoden anders: Man müsse die Abgefallenen nach angemessener Buße wieder aufnehmen - Kirche sei eine gemischte Gesellschaft. Diese Beschlüsse machten Geschichte: Einerseits sind sie das resignierte Eingeständnis dessen, dass es in den Gemeinden eben zuginge wie „draussen“, andererseits sind sie die Konsequenz der Einsicht, dass christliche Gemeinde keine Versammlung von gerechten Saubermännern ist. Wer könnte von sich sagen, er sei gerecht? Nicht die Heiligkeit der Christen, sondern die Heiligkeit Gottes konstituiert die Heiligkeit der Kirche. In mancher Diskussion in Zeiten von Corona schwingt dieser alte Dissens übrigens bis heute mit - hier die saubere Kleingruppe, die es nicht nötig hat, sich den staatlichen Verordnungen zu fügen (keine kaiserlichen Erlasse, sondern Regeln von demokratisch gewählten Gremien), da jene, die sagen, wir brauchen nicht anders zu sein als die anderen, denn anders sind wir durch einen anderen.

     

    Das dritte Vermächtnis der Alten Kirche sind ihre Lehren, ihre Dogmen. Seit dem 4. Jahrhundert gab es mehrere Bischofsversammlungen, die bis heute von Orthodoxen, Katholiken, Anglikanern und Protestanten als „Ökumenische Konzilien“ anerkannt werden. Sie formulierten die zentralen Aussagen des christlichen Glaubens in der Begrifflichkeit griechischer Philosophie. Zwei Aussagen stehen im Zentrum des Nachdenkens: Gott ist dreieinig; Vater, Sohn und Heiliger Geist sind jeweils wahrer Gott und dennoch ist nur ein Gott. Und: Jesus Christus ist wahrer Gott und wahrer Mensch.

    Diese Sätze kann man sehr unterschiedlich bewerten: Ist in diesen Formeln der ursprüngliche christliche Glauben auf den Begriff gebracht oder verfälscht worden? Die Mehrheit protestantischer Prediger deutscher Sprache scheint der Meinung zu sein, diese abstrakten Begrifflichkeiten seien spätantike Spezialitäten ohne jegliche Relevanz für Glauben im 21. Jahrhundert. Andere hingegen sehen in diesen Synthesen aus jüdischer Überlieferung, der alles durchleuchtenden Gestalt Jesu Christi, griechischer Gedankenschärfe und lateinischem Organisationsgenie geradezu einen göttlichen Plan. Zu diesen anderen gehöre ich.

    Warum hat sich das Christentum auf dem Markt der antiken Religionen überhaupt durchgesetzt? Drei Momente sind wichtig: Der strenge Monotheismus, der vielen Gebildeten einzuleuchten schien, die moralische Eindeutigkeit der christlichen Lehre, der soziale Zusammenhalt innerhalb der Gemeinden und schließlich die straffe Organisation der Kirche, die Mitte des 2. Jahrhunderts schon den ganzen Mittelmeerraum umschloß.

    Gerade diese Organisation der Kirche ist ein Motiv der Kaiser des 4. Jahrhunderts, die Kirche nicht mehr zu bekämpfen, sondern sie in Dienst zu nehmen.

    Überall im Reich wuchsen nun die kirchlichen Marmortempel, die Bischöfe erhielten Privilegien, die Kirche wurde von Steuern befreit - und 100 Jahre später war sie der größte Grundbesitzer des römischen Reiches.

    Es gab auch Gegenkräfte: In Ägypten und Syrien zogen sich einzelne Männer und Frauen in die Wüste zurück, um in Einsamkeit und Askese ihren Weg zu Gott zu finden, bzw. sich finden zu lassen.

    Bald schlossen sich einige von ihnen zu Wohngemeinschaften zusammen - die ersten Klöster entstanden.

    Damit wurde eine Frage gestellt, die auch heute nicht ganz uninteressant ist: Wie definiert man das Verhältnis von Christsein zur Kirche? Ist überall, wo Kirche drauf steht, Christentum drin? Oder vielleicht nur da? Oder vielleicht da überhaupt nicht? Könnte es sein, wie mittelalterliche Gruppen es vertraten, dass die organisierte, privilegierte Kirche der größte Feind Christi ist? Alle Positionen werden in den kommenden Jahrhunderten vertreten werden.

  • Es ist Weiberfastnacht und die Welt ist so wenig jeck wie selten. Der WDR überträgt zwar pflichtschuldig Konserven und heute Abend eine Sitzung ohne präsentes Publikum, doch für meine rheinischen Gene ist das natürlich nur schwacher Trost. Ich erinnere mich an Tage - alles verjährt (!) - im Kölner Straßen- und Kneipenkarneval, an die ich mich nicht mehr erinnere. Es muß toll gewesen sein.

    Unangenehme Düfte: Ich mag es nicht, wenn Reinigungsmittel nach Lebensmitteln „duften“. Vor einigen Tagen griff ich in einem Drogeriemarkt zu einem Duschgel im Angebot - die Parfümerie ist dicht und online zu bestellen ist nicht so mein Ding -  und stellte heute früh fest, dass es intensiv nach Grapefruit roch, also, dass ich plötzlich  so intensiv nach Pampelmuse zu duften begann als sei ich mein eigenes Frühstück. Igitt. Ebenso igitt: Bettwäsche, die nach Vanille duftet oder Parkettpflege mit Duft von Grüntee.

    Wo Zitrone und Limone besonders gern eingesetzt werden, brauche ich nicht zu berichten. Umgekehrt gilt für mich aber auch: Ich schätze es nicht so sehr, wenn Lebensmittel nach Kleiderschrank riechen: Nur einmal habe ich Kaninchen mit Lavendel zubereitet.

    Heute Nachmittag ein Hundegang durch eine verzauberte Winterwelt: Schnee und strahlende Sonne am knallblauen Himmel. Moose und ich haben uns sogar zu einer Schneeballschlacht hinreissen lassen; zugegeben, es war einseitig: ich habe Schnee geschmissen und Moose hat versucht, die Flocken zu schnappen und mich danach umzurennen. Wir hatten Spaß!

    Seelenfutter bei Minusgraden: ich koche heute italienisch deftig und unkompliziert:

     

    Würste mit Riesenbohnen und Tomaten

    Ich brate etwa 600 - 700 Gramm Salsicce (italienische Bratwürste, zur Not tun es grobe deutsche auch; die Italiener gibt es in verschiedenen Geschmacksrichtungen - Fenchel, Rosmarin, Peperoncino - alles ist erlaubt, außer: „Trüffel“ geht gar nicht; das ist so wie Seehasenrogen als Kaviar) in Olivenöl an, gebe Zwiebelwürfel und Knoblauch dazu, dann entweder Rosmarin oder Salbei (weiße Bohnen lieben Salbei); sobald die Zwiebeln und der Knoblauch glasig sind, wird mir einem Glas Rotwein abgelöscht und 10 Minuten geschmurgelt. Dann 800 Gramm gehackte Dosentomaten mit ihrem Saft und zwei Dosen abgetropfte weiße Riesenbohnen (Bianchi di Spagna) in den Topf geben. Alles 45 Minuten köcheln lassen. Würzen mit Salz und Pfeffer nach Geschmack. (Ein EL Rotweinessig kann nicht schaden).

    Dazu Kartoffelpüree mit Parmesan und Knoblauch. Die Seele hat ihren Frieden an einem kalten Winterabend, vor allem wenn, wie bei uns gerade, eine Heizung nicht funktioniert.

  • Gestern Abend begann es zu schneien, in Berlin wird über den Kampf gegen Corona verhandelt, ich habe herausgefunden, was mich an manchen Duschgels, Spülmitteln und Bodenputzmitteln nervt - aber versprochen ist versprochen:

    Kirchengeschichte in fünf Kapiteln, nicht als Predigten, sondern als kurze Bestandsaufnahmen. Anfangen müssen wir natürlich mit der Gestalt des Jesus von Nazareth:

    Jesus von Nazareth - was können wir wissen?

    Wer war Jesus? Hinter dieser schlichten Frage verbergen sich zwei höchst unterschiedliche Themen: Wer war Jesus von Nazareth? Und: Wer ist Jesus Christus? Die erste Frage ist eine historische und kann mit den Methoden des Historikers bearbeitet und gegebenenfalls beantwortet werden. Die Frage nach Jesus Christus ist eine theologische, denn sie setzt bereits voraus, dass Jesus der „Christus“ sei. Christus ist der griechische Begriff für den Messias, den endzeitlichen Gesalbten des Judentums.

    Die Messianität Jesu läßt sich mit historischen Mitteln weder beweisen noch widerlegen. Sie ist eine Glaubensaussage. Über anderthalb Jahrtausende hinweg deuteten die christlichen Kirchen die Figur Jesu Christi relativ einheitlich mit den Sätzen, die ihren Niederschlag in den großen Glaubensbekenntnissen gefunden haben, die noch heute in den Gottesdiensten gesprochen werden: Mensch gewordener Gott, Jungfrauensohn, leiblich Auferstandener.

    Unter dem weiten Dach dieser Dogmen entwickelten sich im Lauf der Jahrhunderte die unterschiedlichsten Christusbilder. Christus als Lehrer im Gewand des Philosophen, als Herrscher in kaiserlichem Prunk mit imperialer Geste, als geschundener Körper am Kreuz;

    Michelangelo verlieh seinem Christus in der sixtinischen Kapelle den Körper eines antiken Athleten. Jede Epoche projizierte ihr Ideale und Nöte in die Gestalt Christi - bis hin zum Gekreuzigten mit Gasmaske und Spingerstiefeln von George Grosz aus den zwanziger Jahren. Unterschrift: „Maul halten und weiter dienen“.

    Ins Zentrum heftiger Kontroversen geriet die Figur Jesu Christi als im 18. Jahrhundert kirchliche Lehre und historische Forschung aufeinander prallten. Zwei Aspekte dieser Konflikte sind besonders bemerkenswert: Der antiklerikale, antidogmatische Impuls der religiösen Aufklärung. Und: Es waren keineswegs gottlose Bösewichter, die unbequeme Fragen stellten, sondern meistens protestantische Theologen. Es ist ein Ruhmesblatt der evangelischen Theologie und beispiellos in der Religionsgeschichte, dass im Namen von Frömmigkeit und Wahrhaftigkeit an den Grundlagen der eigenen Institution gerüttelt wurde. Der Preis war allerdings hoch: Endloser Streit, Jesusgestalten so zahlreich wie Neutestamentler und Pastoren. Auf jeder Kanzel ein anderer Christus, sofern man sich nicht dazu entschloß, die eigene Gemeinde nicht mit den Entwicklungen der Forschung zu behelligen und einfach so weitermachte wie immer. Ich halte diese Einstellung, die ich oft genug gehört habe - „das interessiert die Gemeinde nicht“ - für einen der Gründe der Marginalisierung der protestantischen Predigt.

     

    Wer nun war Jesus von Nazareth? Zunächst gilt, was „Der kleine Pauly“ - ein Lexikon der Altertumswissenschaft - lakonisch im Artikel „Jesus“ schreibt: „Geht man von der Untersuchung es ältesten Christentums aus, dann ergibt sich, dass es weithin und zunehmend etwas anderes ist als das, was Jesus lebte und predigte“.

     

    Jesus war Jude. Er wurde in den letzten Jahren Herodes der Großen geboren. Das genaue Datum ist unbekannt.

    Seine Eltern hießen Maria und Joseph, er hatte Brüder und Schwestern, von einigen Brüdern kennen wir die Namen. Die berühmte Weihnachtsgeschichte bei Lukas ist ein fiktionaler Text, von gleichem Wahrheitsgehalt wie die Jenseitsschilderungen in Dantes „Göttlicher Komödie“. Ein neuerer Kommentar zum Lukasevangelium bemerkt trocken: „Auch die katholische Exegese versucht nicht mehr die Historizität der Ereignisse zu retten“.

    Als junger Mann schloß sich Jesus Johannes an, einem Bußprediger, der in Erwartung eines unmittelbar bevorstehenden Jüngsten Gerichts ein rituelles Reinigungsbad im Jordan anbot. Diese „Taufe“ stellt implizit die Funktion der Riten im Jerusalemer Tempel in Frage. Aus Gründen, die wir nicht kennen, trennte sich Jesus von Johannes und zog mehrere Jahre als Prediger und Heiler durch Palästina. Es besteht aufgrund der Quellenlage kein Grund, an den Heilungen zu zweifeln. Er sammelte zwölf Begleiter als symbolische Repräsentanten der zwölf Stämme Israels um sich. Der wichtigste war Simon (Petrus) aus Kapernaum. Auch Frauen begleiteten ihn, darunter als wichtigste Maria von Magdala. Rasch verbreiteten sich Legenden um seine Person, von denen einige auch Eingang in unsere Evangelien gefunden haben.

    Was hat Jesus gelehrt? Die Frage ist in ihren Details heftig umstritten, weil Jesus - wie die beiden anderen großen Lehrer der Menschheit, Buddha und Sokrates - selbst nichts geschrieben hat. Doch die Grundzüge sind deutlich:

    Jesus sah Gott, dem er sich exklusiv verbunden fühlte, als überwältigende, in die Welt - und eben in ihm, Jesus selbst - einbrechende, liebende Energie und er rief dazu auf, sich dieser Kraft zu öffnen. Die Einladung galt gerade den sozial und religiös Deklassierten. Diese Öffnung für Gott hatte einen Wechsel der Lebensführung zur Folge. Die liebende Macht soll weiter gegeben werden: Daher radikalisierte Jesus die Gebote der Thora zur Nächsten- und Feindesliebe. Mit diesen Aussagen erregte Jesus Aufsehen und Widerstand formierte sich. Höhepunkt der Konflikte war die „Tempelreinigung“, eine Störung des Kulturbetriebs (sic: „Betrieb“) und eine Prophezeiung über die baldige Zerstörung des Tempels. Im Kern ihrer Legitimation getroffen, schritt die Jerusalemer Priesteraristokratie ein und lieferte Jesus unter dem Vorwurf politischen Aufruhrs den Römern aus, die ihn kreuzigen ließen.

    Was dann geschah, entzieht sich den Möglichkeiten des Historikers. Klar ist, dass zahlreiche Zeugen von Erscheinungen des Toten als Lebendem berichten und das diese Erlebnisse alles zuvor mit Jesus Erlebte in ein neues Licht tauchten. Eine einzigartige Dynamik entfaltet sich in der Jerusalemer Kleingruppe, die den Glauben an Jesus Christus tragen wird „bis an der Welt Ende“.

    Wichtig ist, dass keine Lehren, Programme oder Dogmen das Zentrum des Christentums bilden, sondern die Bindung an die Person Jesu Christi. Der Buddha ist tiefsinniger als Jesus, Sokrates gedanklich stringenter, doch keiner von beiden begleitet uns im Sterben und erwartet uns in der Ewigkeit. - Jetzt habe ich im letzten Satz doch gepredigt. Was solls. Ich bin Pastor!

    Übermorgen dann die „Alte Kirche“, das ist die Kirche auf dem Boden des römischen Reiches.

  • Unerwartete Freude am Nachmittag: Für einige Minuten feiner kristalliner Schnee im Sonnenlicht. Der Hund heute einmal nicht im Wasser.

    Morgen werden sie in Berlin also wieder tagen und - so pfeifen es die Spatzen von den Dächern - den Lockdown verlängern. Ich verstehe ja, dass selbst im Kanzleramt keine Kristallkugeln stehen, dass wir alle auf Sicht fahren und dass es deshalb keine klare Perspektive für die kommenden Monate geben kann. Allerdings verstehe ich auch, dass der „Lockdown light“ im November (?) eine politische Anbiederung an die Bevölkerung war. Thomas, lenk´ Dich ab!

    Kennen Sie den Merkvers für die Reihenfolge der Planeten in unserem Sonnensystem?
    Mein Vater erklärt mir jeden Samstag unsere neun Planeten.
    (Merkur, Venus, Erde, Mars, Jupiter, Saturn, Uranus, Neptun, Pluto.) Für Enkel sehr geeignet!

    Ab morgen gibt es hier einen kleinen Ritt durch die Kirchengeschichte; ich muß noch ein bisschen sortieren - deshalb: Guten Abend für heute!

  • Kleinigkeiten: Der liebe Gott hat ja auch bei Kleinigkeiten einen seltenen Sinn für Humor: Heute war es aufgrund des starken Windes eisig kalt - aber nicht kalt genug, um auf der Terrasse Wasser in Eiswürfel zu verwandeln.

    Was braucht es, damit ein Hund vereist - nein, nicht: verreist - und ein Pastor heiser wird? Gleich am Anfang unserer kleinen Nachmittagsrunde ging Moose im Kanal Schwimmen. Ich habe gebrüllt wie selten, was allerdings die Laune des Hundes, ans Ufer zu kommen, nicht unbedingt beförderte.

    Gestern war übrigens auf 3Sat der „Thementag der tropischen Inseln“: Nachmittags die Seychellen. Ich plapperte vor dem Bildschirm dauernd vor mich hin: „Da war ich schon, da war ich schon, …“. Die Inseln sind natürlich ein Traum. Umweltgerechter Tourismus, keine Bettenburgen, ein jährliches Besucherkontingent und strenge Naturschutzauflagen auch für die Welten unter Wasser: Hurghada und Sylt könnten sich das mal angucken!

    Ich erinnert mich an eine Situation auf der Insel La Digue: Wir waren zu viert und hatten uns an den Strand Anse Cocos bringen lassen. Es waren noch ungefähr 30 fremde Besucher da, kein Strandtuchabstand geringer als 50 Meter. Mittagshunger! Es gab ein Restaurant, d.h. eine Hütte mit einem Palmwedeldach auf sechs Stützen, einem Kühlschrank, einem Gasherd und einem Grill vor der Hütte. Was essen wir? Fisch natürlich. Kann man den sehen? Antwort: Ein für uns unverständliches Lächeln / Grinsen.

    Also Fisch. Wieviele? 4 Stück. Da schnappt sich der Koch ein Paar Flossen und einen Speer, steigt ins Meer und kommt wenige Minuten später mit vier Fischen aus dem Wasser. Salat aus Mangos, Zwiebeln und Koriander, ein Bier und Fisch vom Grill.

    Die Erinnerung von gestern interessiert mich aus einem bestimmten Grund: Ich denke, hoffe, wir haben alle schon Schönes erlebt. Und wir erinnern uns daran. Doch wie lassen wir uns von diesen Erinnerungen tragen und beleben, ohne dass sie uns in Melancholie  und Trauer über das „vorbei, vorbei“ stürzen?

    Ich denke, das Geheimnis ist die Erkenntnis, dass manche Höhepunkte unseres Lebens keine verdienten, sondern geschenkte waren. Diese Erkenntnis vermag Verlustfrust in Dankbarkeit zu verwandeln. Und Dankbarkeit trägt.

  • Das Evangelium für heute ist das Gleichnis vom Sämann, dessen Saat sich unterschiedlich entwickelt, je nachdem auf welchen Boden sie fällt (Lukas 8, 4 - 15). Vers 14 finde ich besonders interessant:

    Das aber in die Disteln Fallende, das sind die, die gehört haben und von Sorgen und Reichtum und Vergnügungen des Lebens in ihrem Lebenswandel erstickt werden und die Frucht nicht reifen lassen.

    Drei Haltungen lassen den Menschen nach Lukas ersticken: Sorgen - damit ist nicht das berechtigte Vor-Sorgen gemeint, sondern ein egozentrisches Um-sich-selbst-besorgt-Sein, eine mißtrauische Ängstlichkeit vor dem Leben. Reichtum: ich kenne einige sehr wohlhabende - nein: reiche - Menschen, für die ihr Besitz als Haben trotzdem nicht im Mittelpunkt ihres Denkens und Handelns steht. Ich kenne aber auch einige Herrschaften, denen gegenüber Dagobert Duck wohltätig und großherzig ist. Es gibt sie eben auch, jene die keine Werte kennen, sondern nur Preise.

    Vergnügen: Augustinus hielt „Zerstreuung“ für eine der Grundsünden, weil der Mensch seine Einheit verliert, wenn er sich zersplitternd an die Vielheit der Dinge verliert.

    Und da ist Lukas dann sehr griechisch: Er führt hier keinen strafenden Gott ein, sondern beobachtet ganz nüchtern, dass einige Menschen an ihren Grundentscheidungen ersticken. Die Situationen, in die wir uns durch unsere Entscheidungen gebracht haben, sind die Strafen für unsere Wahlen.

    Eben habe ich etwas Verbotenes getan: Ich habe zwei Bücher weggeschmissen. Nicht irgendwelche Bücher, sondern Bände, die, seitdem ich in diesem Pastorat wohne, direkt hinter meinem Schreibtischstuhl standen. Der Autor: Martin Luther. Die Bände: „Schriften wider Juden und Türken“ und „Kampf gegen Schwarm- und Rottengeister“. Erschienen bei Christian Kaiser, München 1936 (!).  Diesen Ungeist will ich nicht in meinen Regalen. Sollte ich diese Texte noch einmal brauchen, finde ich sie in der Stadtbibliothek. In den Erläuterungen natürlich keine grundsätzliche Stellungnahme zu Luthers Pöbeln und Hetzen, sondern der bekannte halbherzige Satz, die Streitkultur des 16. Jahrhunderts sei eben grob gewesen. Das stimmt zur Hälfte. Sätze wie von Luther gegen Juden, Täufer und alle anderen, die nicht seiner Meinung waren, gibt es weder von Erasmus von Rotterdam, nicht von Reuchlin und nicht von Melanchthon.

  • Die Bahn hat angesichts der bevorstehenden Unwetter die Fernverbindungen von Hamburg nach Westerland, Kiel und Lübeck vorsorglich eingestellt. Und natürlich erscheint keine Zeitung ohne Erinnerungen an die Schneekatastrophe von 1978 / 79. In Schleswig - Holstein scheint das ganz große Chaos aber auszubleiben. Da fällt mir das schöne Horaz- Zitat ein: „Es kreißen die Berge, geboren wird - eine lächerliche Maus“. Übrigens bietet die Seite „zitate.eu" die stolze Zahl von 1558 Horazzitaten. Sein Werk besteht eben fast ausschließlich aus zitierfähigen Sätzen.

    Eine seltsame Neuigkeit habe ich gestern erfahren - ich habe die Erlaubnis, den Vorgang zu berichten: Unsere Gemeinde soll eine Spende erhalten, weil einer Dame nach der Trauerfeier für ihren Mann „so viel Geld geschickt wird“. Ich habe das erst gar nicht verstanden. Natürlich kenne ich den Satz aus Traueranzeigen: „Statt freundlich zugedachter Blumenspenden bitten wir um eine Spende für Flüchtlingshilfe / SOS - Kinderdörfer / Naturschutzprojekte, etc“. Und die jene Version, aus der eine andere Hilfsbedürftigkeit spricht: „Wir bitten um eine Spende für die Ausbildung der Kinder, für die Gestaltung der Trauerfeier, etc.“.

    Meine Gesprächspartnerin kommt aus dem Süden Deutschlands, aus der Welt der Maultaschen, Laugenbrezel und Weinberge - Hegel und Hölderlin gibt es da auch! Dort scheint es üblich zu sein, anlässlich eines Trauerfalls den Hinterbliebenen Geld zu schicken. Mir ist dieser Brauch hier im Norden noch nie begegnet, ich habe gestern zum ersten Mal davon gehört.

    Spannend war nun der Bericht meiner in den Norden zugereisten Gesprächspartnerin, dass sie aus Dorf und Nachbarschaft so eigenartige Reaktionen bekommen habe, als sie in den vergangenen Jahren anlässlich von Trauerfällen den Hinterbliebenen Geld geschickt hatte. Das leuchtete mir sofort ein: Ich kann mir meine Mutter vorstellen, wenn sie nach dem Tod meines Vaters einen Umschlag mit einem Geldschein geöffnet hätte: „Glauben die denn, ich habe das nötig?“ - Deutsches Land - Wunderland.

     

    Willkommen in der Welt des überflüssigen Wissens!

    Als ich gestern in Ovids Metamorphosen blätterte, blieb ich bei der Geschichte vom Jäger Actaeon hängen, der Artemis / Diana beim Baden beobachtete, entdeckt wurde und von der Göttin in einen Hirsch verwandelt, von den eigenen Hunden zerrissen wurde. Ovid macht sich einen Spaß daraus, in raffiniertesten Versen die Namen der Hunde zu nennen. Der Mythos steht in Buch III, ab Vers 138 und ist jüngst durch seine Rolle in Roberto Calassos phantastischem Essay „Der himmlische Jäger“ wieder ins kulturelle Interesse gerückt. Voilà, die Hundenamen mit deutscher Übersetzung:

     

    Melampus - Schwarzfuß

    Ichnobates - Spürauf

    Pamphagus - Allesfresser (Labrador!)

    Dorceus - Reh

    Oribasus - Bergsteiger

    Nebrophon - Hirschtod

    Laelaps - Sturmwind

    Theron - Jäger

    Pterelas - Geflügelter

    Agre - Jagd

    Hylaeus - Waldmann

    Nape - Waldtal

    Poemene - Hirtin

    Harpyia - Harpyie

    Ladon - Packer

    Dromas - Läufer

    Canache - Glocke

    Sticte - Fleck

    Tigris - Tiger

    Alce - Bärin

    Leucon - Weißer

    Asbolus - Ruß

    Lacon - Lauter

    Aello - Sturmwind

    Thoos - Schneller

    Lycisce - Wölfchen

    Harpalos - Räuber

    Melaneus - Schwarzer

    Lachne - Rauh

    Labros - Ungestüm

    Agriodus - Scharfzahn

    Hylactor - Beller

Tee
Morgenrot
Abstrakte Spätzle
Würste mit Riesenbohnen und Tomaten
Tod des Actaeon - Tizian (Quelle: Wikipedia)